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67 Länderspiele und 45 Siege als Bundestrainer: Jupp Derwall.

Jupp Derwall

In der langen Leine verheddert

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Jupp Derwall ließ seinen Stars viel Freiraum, doch damit konnten sie nicht umgehen - und hinterließen bei der WM 1982 einen verheerenden Eindruck.

Jetzt wird es plötzlich lustig und gemütlich, ganz anders als bis vor zwei Jahren. Da hatte noch Helmut Schön das Kommando, ein disziplinierter, zurückhaltender, leiser Trainer. Diese Zeiten beendet Jupp Derwall krachend. Der Rheinländer ist nun Bundestrainer, und er mag es heiter an seinem Lagerfeuer. 3:2 hat seine Elf im Juni 1980 gegen die Niederlande gewonnen, der zweite Sieg im zweiten Spiel bei der Europameisterschaft in Italien – und Derwall versammelt seine Spieler in der Bar des Teamquartiers im Holiday Inn von Rom, packt seine Gitarre aus und intoniert Stimmungslieder. Wein und Bier sind erlaubt.

Selbstverantwortung, viele Freiheiten, wenig Kontrolle – das war das Prinzip Derwall. In der Sprache der Zeit hieß das „lange Leine“ und in Italien passte diese Art der Menschenführung zu den Spielern. Derwall, geboren am 10. März 1927 in Würselen bei Aachen, führte sein Team ins Finale, das es mit 2:1 gegen Belgien gewann. „Ein ganz lieber Mensch, nicht streng. Ein bisschen Kumpel, eine Art Vater für uns“ sei Derwall gewesen, sagt Toni Schumacher, damals der Torwart. Kapitän Bernard Dietz schwärmte: „Reibereien gibt es keine. Es gibt kein Machtgefälle, keine Herrschaftsbereiche, keine Cliquen.“ Und der „Spiegel“ attestierte dem Trainer 1981 „ein geradezu selbstmörderisches Harmoniebedürfnis“.

Eine vielversprechende Mannschaft hatte Derwall beisammen, 24,4 Jahre im Schnitt und mit Schumacher (damals 26), Karlheinz Förster (21), Hansi Müller (22), Hans-Peter Briegel (24), Karl-Heinz Rummenigge (24), Uli Stielike (25), Manfred Kaltz (27) und Doppel-Finaltorschütze Horst Hrubesch (29) einen Spielerstamm für das nächste Turnier, die WM 1982 in Spanien. Und da war auch noch Bernd Schuster vom 1. FC Köln, die 20-jährige Verheißung im Mittelfeld. 
Doch das Team löste sein Versprechen nicht ein. Deutschland wurde zwar Vize-Weltmeister, hinterließ auf dem Weg ins Finale aber einen verheerenden Eindruck, Derwall war mit seiner Strategie gescheitert. Auf und ab in Rekordzeit.

Seit 1970 war Derwall Schöns Assistent – und eine DFB-Tradition besagte damals, dass der zweite Mann auf den ersten folgt, wenn dessen Posten frei wird. So war es immer. 1978 war Derwall an der Reihe. Doch der war schon vor der Job-Übernahme umstritten, weil ihm das Format abgesprochen wurde. Derwall schaffte es aber, seine Kritiker zu überzeugen: EM-Titel plus 23 Spiele in Folge ungeschlagen seit Amtsantritt (18 Siege, fünf Unentschieden) – Rekord bis heute. 

Der Bruch und Stimmungsumschwung setzte Anfang 1981 ein, bei der Mini-WM in Uruguay. Deutschland verlor gegen Argentinien und Brasilien mit 1:2 und 1:4. Derwall wirkte hilflos, blieb es auch bei der WM 1982. Und war es schon zuvor im Umgang mit Bernd Schuster und Paul Breitner. Den Exzentriker des FC Bayern hatte Derwall im April 1981 ins Team zurückgeholt. Schuster hatte der Bundestrainer zunächst für ein Spiel suspendiert, weil er im Mai 1981 nach der Partie gegen Brasilien nicht an einem Teamtreffen in Stuttgart teilnahm. Schuster sollte am nächsten Tag zu seinem Klub FC Barcelona reisen, gab aber noch spät in der Nacht Interviews.

Derwall fühlte sich brüskiert, der Spieler nahm die Strafe des Trainers persönlich. Und weil Schuster später auch noch sagte, er wolle nicht mit Breitner zusammenspielen, fiel er für die WM aus. „Mein Fehler“, sagte Derwall später. Schuster kehrte noch einmal zurück in Derwalls Team, doch bei der EM 1984 fehlte er verletzt. 

Die WM-Vorbereitung am Schluchsee in Schwarzwald verlief unglaublich. „Es gab keine Disziplin, und manche benahmen sich schlimmer als der berühmte Kegler auf dem Mallorca-Ausflug“, schreibt Schumacher in seinem Buch „Anpfiff“. Der Ort des Trainingslagers machte als „Schlucksee“ Karriere – es war laut Schumacher ein Sauf- und Zockgelage. Derwall verhedderte sich in seiner „langen Leine“, die aktuellen Spieler nutzten sie aus. Dietz, der für Breitner weichen musste, stellte nach der Rückkehr des neuen Chefspielers fest: „Es lässt sich nicht leugnen, dass sich damit die Atmosphäre in unserem Kreis abrupt änderte. Cliquen bildeten sich. Was über zweieinhalb Jahre an kameradschaftlichem Miteinander funktionierte, war von heute auf morgen vorbei.“ Und das war erst der Prolog.

Das erste Spiel ging mit 1:2 gegen Algerien verloren. Derwall empfahl: Auf das eine oder andere Gläschen Wein und Bier solle künftig eben verzichtet werden. Und es wurde nach dem 4:1-Sieg gegen Chile noch schlimmer. Deutschland und Österreich wussten schon vor ihrem Gruppenfinale, dass ein knapper deutscher Sieg beiden Teams zum Weiterkommen reichen würde. Die letzten Spiele einer Gruppe fanden nicht zeitgleich statt, ein fataler Fehler der Turnierplaner. Nach elf Minuten stand es 1:0 für Deutschland und dabei blieb es auch. Danach entwickelte sich ein fürchterliches Ballgeschiebe ohne Torgefahr – die „Schande von Gijon“. Algerien war draußen, die auf Ergebnis spielenden Kontrahenten waren zwar weiter, wurden aber heftig kritisiert und verloren weltweit viel Prestige. 

Deutschland erreichte tatsächlich das Finale, unterlag dort aber Italien mit 1:3. Zuvor hatte Derwalls Team im Halbfinale ein mitreißendes Spiel geboten, 3:3 nach Verlängerung gegen Frankreich, Entscheidung für Deutschland im Elfmeterschießen. Schumacher parierte zweimal. Aber es gab kein Happy End. Der Torwart hatte Patrick Battiston nach gut einer Stunde brutal gefoult. Der Franzose musste bewusstlos ausgewechselt werden, Schumacher hatte sich nicht entschuldigt, stattdessen während der Behandlungszeit den Ball jongliert und später zynisch reagiert. Kaum zu glauben: Vier Wochen benötigte diese vielversprechende Mannschaft, um ihren Ruf zu ramponieren.

Derwall blieb der Trainer. Doch im EM-Turnier 1984 schied sein Team schon in der Vorrunde aus – ein Novum. Und so trat der Chef nach dem Aus als erster Bundestrainer vorzeitig ab. Später sagte er: „Ich bin stolz, dass ich Bundestrainer war.“ Im Ausland gelang dem daheim Geschmähten die Rehabilitation. Er arbeitete ab Juli 1984 erfolgreich bei Galatasaray Istanbul und wurde dort Meister und Pokalsieger. 1989 übernahm er einen Job als Berater der türkischen Nationalelf, beendete diese Mission aber 1991 nach einem Herzinfarkt. Jupp Derwall starb im Juni 2007 im Alter von 80 Jahren. 

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