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Vergebliche Helferdienste vor dem WM-Spiel gegen Polen 1974. 

Waldstadion

DFB-Länderspiele in Frankfurt: Wasserschlacht und Nebelbank

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Das Waldstadion erlebte schon berühmte Schlachten und die einzige Begegnung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die jemals abgebrochen werden musste.

Auftritte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankfurt sind reich an schrägen Geschichten. Die beiden skurrilsten in nunmehr 960 Länderspielen haben sich tatsächlich im Frankfurter Waldstadion zugetragen. Die Partie vom 3. Juli 1974 ist als „Wasserschlacht von Frankfurt“ berühmt geworden und hat es unter dieser Überschrift sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht. Es war das Halbfinale der WM 1974: Deutschland gegen Polen. Ein heftiger Wolkenbruch hatte den Rasen unbespielbar gemacht. Feuerwehr und Helfer versuchten mit eilig herbeigeschafften Pumpen und Walzen, das Spielfeld von den tiefsten Pfützen zu befreien. Obwohl das weitgehend misslang, wurde die Partie angepfiffen. Immer wieder blieb der Ball in kleinen Tümpeln liegen. Am Ende gewann die deutsche Mannschaft, der spätere Weltmeister, vor 62 000 Zuschauern durch ein Tor von Gerd Müller glücklich 1:0.

Nahezu vergessen ist dagegen eine weitere geschichtsträchtige Partie, die im Waldstadion ausgetragen wurde. 45 000 Zuschauer waren am 15. November 1978 gekommen, um dem Abschiedsspiel von Bundestrainer Helmut Schön gegen Ungarn beizuwohnen. Nebelschwaden zogen mit Spielbeginn ins Stadion, schon zur Pause war es praktisch unmöglich, von einem Tor zum anderen zu sehen. In der 59. Minute rief Radioreporter Joachim Böttcher in sein Mikrofon: „Es soll ein Tor gefallen sein.“ Tatsächlich wurde das Spiel eine Minute darauf torlos abgebrochen. Es war vom Nebel verschluckt worden und bleibt bis heute das einzige Länderspiel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft, das die 90. Minute nicht erlebte.

Wieder ein Länderspiel vom DFB in Frankfurt im November

Der Deutsche Fußball-Bund hat danach dennoch nicht grundsätzlich davon abgesehen, Länderspiele im Nebelmonat November nach Frankfurt zu vergeben, etwa jenes am 21. November 2007 gegen Wales. Das bereits als Tabellenführer für die Europameisterschaft 2008 qualifizierte DFB-Team begnügte sich damals mit einem 0:0. Es war eine gruselige Partie.

Wo ist bloß die Mittellinie? Das Nebelspiel im November 1978 gegen Ungarn. 

Dieses Jahr hatte der Verband ursprünglich vorgehabt, das EM-Qualifikationsspiel gegen Niederlande Anfang September nach Frankfurt zu vergeben. Aber die Arena stand wegen eines schon vorher fix terminierten Konzerts von Herbert Grönemeyer nicht zur Verfügung. So bekam Frankfurt nun das Spiel gegen Nordirland. Wieder der November also.

„Die Stadionvergabe durch den DFB ist jedes Mal ein Puzzlespiel“, erklärt Generalsekretär Friedrich Curtius. „Wir schauen natürlich auch, dass die Gegner zur Größe der Stadien passen, wir müssen unter anderem berücksichtigen, dass ausreichend Hotelkapazitäten vor Ort vorhanden sind, und wir legen Wert darauf, dass die Stadien föderal über das ganze Land verteilt vergeben werden. Bei uns ist das anders als etwa in Frankreich oder England, wo es ein zentrales Stadion für die Heimspiele der Nationalmannschaft gibt.“

Eintracht Frankfurt ist kein Vertragspartner

Derzeit plant der Verband die Heim-Länderspiele 2020. Über die Vergabe, die von den Abteilungen Eventmanagement, dem Büro Nationalmannschaft und dem Reisebüro vorbereitet werden, entscheidet schließlich das DFB-Präsidium. Curtius: „Einige ins Auge gefasste Destinationen scheiden leider aus, weil dort Festivals oder Konzerte stattfinden.“ Siehe Frankfurt und Grönemeyer in diesem September.

Der DFB schließt seine Verträge mit den jeweiligen Stadionbetreibern. In Frankfurt ist deshalb nicht Eintracht Frankfurt der Vertragspartner, sondern die Stadion Management GmbH. Laut Curtius ist die Stadionmiete, die der DFB an den jeweiligen Stadionbetreiber zahlt, „abhängig von der Größe der Arena und der Auslastung“. Curtius nennt keine präzisen Zahlen. Sie bewegen sich nach FR-Informationen aber zwischen 300 000 und einer halben Million Euro.

Der DFB sei „stolz und glücklich, Frankfurt seine Heimat nennen zu können“, so der Generalsekretär, „deshalb freuen wir uns besonders auf das Spiel gegen Nordirland.“ Aus seiner Wohnung in Sachsenhausen fährt der 43-Jährige regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit und dabei auch hocherfreut dort vorbei, wo der DFB an der alten Frankfurter Galopprennbahn Ende 2021 mit seiner neuen Akademie und Geschäftsstelle einziehen will. „Der Bau schießt wie ein großer Pilz aus dem Boden.“

Wenn der DFB kommt, ist auch das Stadion in Frankfurt nicht ausverkauft

Gegen Nordirland erwartet Curtius ein „nicht ganz ausverkauftes Stadion“. Knapp 40 000 Karten sind bei einer Gesamtkapazität von 47 000 verkauft. „Ich wünsche mir, dass die Mannschaft die Zuschauer durch begeisternden Fußball packt. Wenn die Jungs tollen Fußball zeigen, dann überträgt sich das in Frankfurt ganz schnell auf die Ränge. Das haben die guten Erfahrungen mit Frankfurt in der Vergangenheit gezeigt.“

Das stimmt. Die Stimmung in Frankfurt war in der Regel besser als bei vielen anderen Heim-Länderspielen. Etwa im März 1986 beim 2:0 gegen Brasilien, dem einzigen Länderspiel gegen Brasilien, bei dem Deutschland ohne Gegentor blieb. Oder im März 1991 beim letzten Länderspiel gegen die bald darauf verblichene Sowjetunion, einem 2:1-Sieg. Im Mai 1998 feierten die Fans die deutsche Mannschaft beim überzeugenden 3:1 gegen Kolumbien vor deren Abflug zur dann allerdings verkorksten WM 1998 mit dem Aus beim 0:3 gegen Kroatien im Viertelfinale.

Im Juni 2005 gewann das Team von Jürgen Klinsmann in Frankfurt beim Confederations Cup 4:3 gegen Australien. Der 200. Heimsieg wurde euphorisch gefeiert. Auch das 3:1 gegen Bosnien-Herzegowina im Juni 2010 als letztes Spiel vor der WM in Südafrika war ein Festtag, ähnlich wie im September 2015 das 3:1 gegen Polen mit dem Debüt des Frankfurter Buben Emre Can. Zwischendurch erlebte eine deutsche Nationalmannschaft in der ausverkauften und sehr stimmungsvollen Frankfurter Arena beim 1:3 gegen Argentinien im August 2012 erstmals (und bislang letztmals), dass ein deutscher Torhüter vom Platz gestellt wurde: Es erwischte Ron-Robert Zieler nach einem Foul gegen José Ernesto Sosa im Strafraum.

Grindel verlegt ein Länderspiel - aus Angst vor Frankfurter Ultras

Schon für September 2018 hatten die DFB-Organisatoren ein Länderspiel gegen Peru in Frankfurt geplant, das allerdings vom damaligen Präsidenten Reinhard Grindel schon vor der entscheidenden Präsidiumssitzung abmoderiert wurde und dann in Sinsheim stattfand. Hintergrund: Der DFB fürchtete möglichen Störungen durch Ultras von Eintracht Frankfurt mit Folgen auf die Bewerbung für die Europameisterschaft 2024, über die bald nach dem Länderspiel von der Uefa entschieden wurde.

Herausgekommen waren die Vorbehalte des im April 2019 zurückgetretenen Ex-Verbandschefs durch interne E-Mails, die dem Magazin „Spiegel“ zugespielt worden waren. Ein Vertrauensbruch, der den damaligen Präsidenten offenkundig diskreditieren sollte, was zweifellos gelang. Eine Peinlichkeit für den Verband. Grindel hatte seinerzeit seinem einflussreichen Stellvertreter Rainer Koch geschrieben, er „halte das Risiko, dass wir bei dem Länderspiel ein Desaster erleben und dies kurz vor der Euro-Vergabe negative Auswirkungen hat, einfach für zu hoch, weil für mich die Frankfurter Ultraszene viel zu unberechenbar ist“. Traditionell meidet die Frankfurter Ultraszene, dem ortsansässigen Deutschen Fußball-Bund von jeher wenig zugeneigt, allerdings Länderspiele.

PS: Die Wetteraussichten für das Spiel gegen Nordirland am Abend, 20.45 Uhr: Es wird bei leichter oder mittlerer Bewölkung und Temperaturen um vier Grad Celsius und einer leichten Brise mit einzelnen Böen nur sehr wenig oder gar nicht regnen. Bei einer Luftfeuchtigkeit von rund 90 Prozent erwarten die Wetterdienste keinen Nebel.

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