+
Joachim Löw (diesmal verhindert), Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, und Assistenztrainer Marcus Sorg im Gespräch.

DFB-Team

Nationalmannschaft: Kleine Fische

  • schließen

Das DFB-Team vor dem EM-Qualifikationsspiel in Weißrussland.

Auf den Tag genau vor fünf Jahren landete die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als ziemlich ramponierte Truppe in aller Früh auf brasilianischem Boden, den sie fünf Wochen später als gefeierter Weltmeister verließ. Es hatte viel funktioniert damals, in einer längst vergangenen Zeit. Das abseits gelegenen Basislager Campo Bahia am Atlantik funktionierte, die Zusammenarbeit der Trainer Joachim Löw und Hansi Flick funktionierte, Torwart Manuel Neuer als Libero im Viertelfinale funktionierte, Mario Götze als Joker im Endspiel funktionierte, und vor allem: Der Zusammenhalt im Team funktionierte.

Die Bedeutung von Hierarchien in Fußballmannschaften sollte man keineswegs unterschätzen. Wenn sie nicht funktionieren, wie beim DFB-Team bei der missratenen WM 2018, können sie eine individuell gute Ansammlung von Profispielern zu einer schlechten Mannschaft machen. In diesen Tagen, da sich die Deutschen in den Niederlanden auf die gestern Mittag angetretene Reise nach Weißrussland vorbereiteten, haben Joshua Kimmich und Niklas Süle aufschlussreiche Einblicke gegeben, wie sich Freundschaften als Klebstoff in dem komplizierten Gebilde Fußballmannschaft entwickeln können. Bei Süles erstem Training beim FC Bayern im Sommer vor zwei Jahren handelte sich der Verteidiger vom neuen Kollegen gleich einen Rüffel ein. Kimmich zu Süle: „Eh, bisschen mehr bewegen“. Süle zu Kimmich: „Was die kleinen Fische hier sagen, interessiert mich nicht.“

Ein paar Wochen später hat derselbe Niklas Süle Kimmich bedeutet: „Für mich bist du ein Freund.“ Kimmich hat geantwortet: „Du für mich noch nicht.“ Das dauerte dann noch ein wenig. Es hätte auch anders kommen und zur Belastung für das gesamte Team werden können, wenn die beiden sich auf lange Sicht nicht hätten leiden können. Der kleine Kimmich, 24, immer extrem ehrgeizig, und der Hüne Süle, 23, gern auch mal kurz faul, sind inzwischen bestens verbandelt und sich ihrer neuen Rollen im Nationalteam bewusst: „Jetzt sind wir in der Verantwortung. Da sind wir heiß drauf.“

Die beiden Defensivspieler gehören neben Manuel Neuer, Serge Gnabry und Leon Goretzka zum fünfköpfigen Bayernblock, der am Samstagabend (20.45 Uhr, RTL) in der nur 13.000 Zuschauern Platz bietenden Arena in Borissow die Startformation bilden dürfte. Sechs deutsche Spieler aus der Anfangsformation werden 24 Jahre oder jünger sein.

Eine Stunde Anfahrt

Die deutsche Reisegruppe landete Freitagnachmittag in Minsk und muss am Spieltag noch eine einstündige Anfahrt nach Borissow absolvieren. Interimschef Marcus Sorg erwartet gegen den drittklassigen 81. der Weltrangliste Folgendes: „Die Weißrussen werden versuchen, uns durch emotionales Spiel den Schneid abzukaufen. Sie werden ihre Chancen in schnellem Umschaltspiel und Standards sehen.“ Sein bereits im Vorfeld und jeden Abend am Telefon mit Joachim Löw entwickeltes Gegengift: „Zweikämpfen aus dem Weg gehen und den Gegner durch gute Raumaufteilung zu Fehlern zwingen.“ Kapitän Neuer hat dem Original-Bundestrainer daheim in Freiburg folgende Botschaft übermitteln lassen: „Wir wollen ihm zeigen, dass er sich auf die Spieler verlassen kann, die er nominiert hat.“

Die fünf Tage von Venlo ohne Löw standen ansonsten im Zeichen des Zusammenfindens, kurz gestört durch einen unangemeldeten Besuch von Kontrolleuren der Nationalen Antidopingagentur Nada, die am Dienstagabend bei sechs Spielern Urinproben abnahmen.

Julian Draxler, mit 49 Länderspielen erfahrenster Feldspieler im Aufgebot, ordnet ein: „Wir fangen an, eine neue Mannschaft aufzubauen. Nach der schlechten WM musste sich was tun. Es wird einige Zeit dauern, bis wir auf dem Niveau von 2014 und 2016 sind. Wenn wir hart an uns arbeiten, haben wir großes Potenzial, zurück zu alter Stärke zu finden.“ Diesen Eindruck, sich gerade auf einen neuen Weg begeben zu haben, der möglicherweise gar nicht so furchtbar lang ist, vermittelt auch Manuel Neuer: „Unser Job ist es, uns zu finden, uns einzuspielen mit Blick auf die EM 2020, dass wir dort so konkurrenzfähig sind, um den Titel zu gewinnen.“ Ganz so wie damals in Brasilien.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare