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La’eeb und der Gröffaz

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Von: Thomas Kilchenstein

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Gestatten: La’eeb, das WM-Maskottchen.
Gestatten: La’eeb, das WM-Maskottchen. © afp

Keine WM-Begeisterung hierzulande. Ein Zeichen der Zeit, des allgemeinen Fußballverdrusses? Vielleicht, aber Zeiten wandeln sich, manchmal ganz schnell.

Woran mag das liegen? Noch keine Deutschlandflagge am Auto flattern gesehen. Keine Brasilien-Flagge. Kroatien-Flagge. Italien-Flagge, okay, dafür gäbe es womöglich eine dürre Erklärung. Bestimmt sind die Flaggen teuer, außerdem fallen sie immer ab, kaum fährt man mal ein bisschen flotter, sofern das geht, überall sind neuerdings superbreite, fast zweispurige Fahrradwege rot auf den Asphalt gemalt.

Es wird geklagt im Handel: Kein Wüstensohn kauft Schals, Trikots mit dem Bundesadler drauf, keine Wüstentochter ersteht Schlüsselanhänger oder Kaffeetassen, fast dreiviertel der befragten Deutschen weigert sich beharrlich, dafür Geld auszugeben. Unglaublich. Ja, was ist da los? Panini-Bildchen? Rückläufig, seit Jahren. Sonderhefte? Verstauben in den Regalen, wenn sie überhaupt aufgelegt wurden. Und wer hat sich einen Spielplan übers Bett gehängt? Womöglich Spiele getippt? Katar vs. Ecuador, wie könnte das nur ausgehen. Oder Iran gegen Wales? Hmmm. Und was ist eigentlich ein La’eeb?

Die Hälfte der Bundesbürger hat keinen Bock, sich Spiele in der Wüste anzugucken. Sagen sie jetzt zumindest, Public Viewings gibt es aus nachvollziehbaren Gründen nicht, vermutlich wird es auf Weihnachtsmärkten keinen Stand geben, der ganz hinten einen Fernseher laufen lässt mit WM-Spielen. Es gab Zeiten, da waren die Straßen leergefegt, wenn der Weltmeister-Ball rollte, Wochen vorher stiegen Fieber und Vorfreude unaufhaltsam. Dieses Mal hat vor vier Tagen noch die Bundesliga gekickt.

Es ist grad keine WM-Stimmung im Land, das muss auch der eingefleischteste Wüstensohn einsehen. Blöder Termin, verkehrter Ort. Das passt alles nicht in diese Zeit. Da kann der immer unsympathischer grinsende Gröffaz, der größte Fifaführer aller Zeiten, noch so viel antichambrieren, diese WM ist von Grund auf falsch.

Und passt damit in eine kulturkritische Zeit, in der sich ohnehin viele abwenden vom Fußball. Der Blick auf die Branche ist schärfer geworden, ein wachsendes Unbehagen über Entwicklungen in der Parallelwelt Profifußball mit seinen Exzessen ist mit Händen zu greifen. Schwingt da bei vielen, die sich jetzt (öffentlich) verweigern wollen, nicht auch Enttäuschung mit, vielleicht Desinteresse an diesem außer Rand und Band geratenen Fußballzirkus? Möglich. Möglich ist auch, dass alle wieder gucken, wenn der Ball erst mal rollt.

Der/die/das La’eeb ist übrigens das offizielle WM-Maskottchen, kennt halt keiner. Sieht irgendwie aus wie Hui Buh, das kleine Schlossgespenst. Ist aber auch Scheichegal.

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