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Vom Schicksal nominiert: Jörg Schmidtke spielt trotz Amputation weiter Fußball.

Ganz nah dran

Krücke vor, noch ein Tor

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Der Amputiertenfußball ist für viele einbeinige Spieler wie Jörg Schmidtke die Eintrittskarte zurück ins Leben.

Jörg Schmidtke hätte nach rechts fahren können. So wie er es geplant hatte, einfach nach rechts eingeschlagen, Gas gegeben, ab in den Taunus, wie er es oft genug getan hat. „Ich bin kein Raser“, sagt Jörg Schmidtke, aber auch „kein Langweiler auf dem Bock“, Motorradfahren bereitet ihm großes Vergnügen. Noch heute, aber dazu später. Die Maschine war geputzt und voll getankt, damals fuhr er eine Honda CB 1000R, 140 PS, 230 km/h Spitze.

Jörg Schmidtke hätte sein Büro bei Fresenius Medical Care im Bad Homburger Stadtteil Ober-Erlenbach auch fünf Minuten früher verlassen können. Oder fünf Minuten später. Oder sie hätten beim Gesundheitskonzern an diesem Tag keine Überstunden machen müssen, ohnehin sollte um 16 Uhr Feierabend sein, dann hätte Jörg Schmidtke, damals 40 Jahre alt, seine Taunustour wie vorgesehen machen können. Hätte, hätte.

Oder „die Dame“, wie er sie nennt, hätte halt besser aufgepasst, hatte sie aber nicht…

Seit einem Jahr spielt Jörg Schmidtke wieder Fußball. Es ist ein anderer Fußball, als den, den er viele Jahrzehnte gewohnt war, vor dem Unfall. Schmidtke, ein schlanker, stattlicher, gut aussehender Mann mit graumelierten Schläfen, spielte immer schon Fußball, unterklassig, beim VfL Repelen, beim FC Meerfeld in Moers oder beim VfB Homburg, Kreisliga, aber ordentlich. Jetzt spielt der Bad Homburger im Kraichgau, bei „Anpfiff Hoffenheim“. Die nehmen nicht jeden, nur ganz besondere Kicker: Voraussetzung, um mitspielen zu dürfen, ist eine Beinamputation. Gespielt wird ohne Prothesen, einbeinig an Krücken, der andere, der gesunde Fuß, steckt im Fußballschuh. Es geht auf Kleinfeld sieben gegen sieben. Der Ball darf mit den Krücken nicht berührt werde, die Krücken sind die Verlängerung der Arme, berührt der Ball die Gehhilfe, wird auf Hand entschieden. Im Tor, so steht es im eigenen Regelwerk, steht einer, dem ein Arm fehlt, beide Beine sind aber vorhanden.

Die Sportart heißt Amputiertenfußball und gibt es hierzulande seit 2009. Deutschlandweit spielen etwa 25 Spieler, es existieren derzeit drei Teams bundesweit, neben Hoffenheim noch die Sportfreunde Braunschweig und Fortuna Düsseldorf, einen Ligabetrieb gibt es bislang nicht. „Noch nicht“, sagt Christian Heintz, 2021 soll es so weit sein. Christian Heintz ist Nationalspieler an Krücken und bester deutscher Kicker auf einem Bein, er ist 36 Jahre, und treibende Kraft im Amputiertenfußball. Er ist Projektleiter von „Anpfiff ins Leben“, einer von der Stiftung „Aktion Mensch“ und der Sepp-Herberger-Stiftung unterstützten und finanzierten Organisation, das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt.

„Wir wollen die Sportart Amputiertenfußball bekannter machen“, sagt Heintz. Dafür ist der Koblenzer ständig unterwegs, putzt Klingen, sucht Mitstreiter. Für ihn, sagt Heintz, war der Fußball an Krücken „die Eintrittskarte ins Leben zurück“.

Heintz war kein Schlechter am Ball, auf der Sechs oder in der Viererabwehrkette hat er gespielt, damals als er noch in der Verbandsliga in der Eifel spielte und ehe er, im Winter 2010 war es, zu schnell auf vereister Fahrbahn mit seinem Auto gegen einen Baum raste. Er hat Glück gehabt, auf zehn Prozent hatten die Ärzte seine Überlebenschance geschätzt, als der Lungenflügel kollabierte. Dass das rechte Bein nicht mehr zu retten war, geriet da fast zur Nebensache. Zum Glück ist Christian Heintz Linksfuß. Es ging also weiter mit dem Fußball, als der damals 26-Jährige den Flyer über Amputiertenfußball in die Hände bekam. Da hatte der gelernte Maler und Lackierer plötzlich wieder ein Ziel. „Das Schicksal hat mich nominiert“, sagt er. Zum Fußballspielen brauchte er nur noch einen Schuh. Seine linke Klebe ist gefürchtet. Dass ihm nach dem Schicksalsschlag eine Möglichkeit aufgezeigt wurde, wieder kicken zu können, hat ihm einen enormen Schub gegeben, hat ihm über die Wochen der Depression hinweggeholfen. „Ohne diese Aussicht“, sagt er zehn Jahre später, „hätte ich es nicht geschafft.“

Ganz nah dran

Die FR-Serie erzählt von Menschen, die viel bewegen – mal sich selbst, mal andere. Von Sportlern, die außergewöhnliche Leistungen vollbringen oder vom Schicksal hart getroffen wurden. Von Trainern, die die Sportler zu außergewöhnlichen machen. Von Ehrenamtlichen, die für ihre Vereine unverzichtbar sind.
Heute: Ganz nah dran Jörg Schmidtke, der Amputiertenfußball spielt.

Es war der 22. Oktober 2013, ein Dienstag, ein sonniger Tag, kühl zwar, aber trocken, ideal fürs Motorradfahren, es war einer der letzten sonnigen Tage in diesem Jahr. Und es wurde der Schlimmste im Leben des Jörg Schmidtke. Bis heute kann der mittlerweile 46-Jährige nicht verstehen, wie es zu diesem Unfall hatte kommen können. Die Straße war frei, die Sicht klar, es gab auch keine unübersichtliche Situation. Und er hatte Vorfahrt.

Doch „die Dame“ nahm sie ihm, sie bog links ab und erwischte ihn voll, linksseitig: Fuß, Sprunggelenk und Knie links waren zertrümmert, Oberschenkel mitgenommen, das Schultereckgelenk gesprengt, dazu Wirbelbrüche. Der Fuß war nicht mehr zu retten, er musste abgenommen werden, später wurde auch der Unterschenkel knapp unterhalb des Knies amputiert, mehr als 20 Operationen hat Schmidtke über sich ergehen lassen, sein linkes Knie ist dauerhaft zerstört und kann nicht mehr wiederhergestellt werden. „Wahrscheinlich werde ich es noch verlieren“, sagt er heute, knapp sieben Jahren nach dem Schicksalsschlag. Sein Knie kann er maximal auf zehn Grad strecken und nur zu 75 Grad beugen. Probleme bereitet ihm die Schulter, er hat Arthrose, die Wirbelsäule ist fixiert. Mit der Prothese hat er sich längst arrangiert, seine Behinderung fällt beim Gehen kaum auf. Doch sie ist da, immer und immer spürbar.

Jörg Schmidtke erzählt seine Leidensgeschichte mit einer fast verstörenden Nüchternheit, emotionslos, so als rede er von einer fremden Person und nicht von sich, einem Menschen, der von jetzt auf gleich aus der Bahn geworfen wurde. Aber das ist er nicht, aus der Bahn geworfen, Schmidtke ist ein sehr rationaler, kühl analysierter Mensch, er nimmt die Dinge so wie sie sind, einer, der mit beiden Beinen, wenn man dieses Bild nehmen mag, auf dem Boden steht. Acht Jahre war er bei der Bundeswehr, inklusive Auslandseinsätze, jetzt arbeitet er als Projektmanager für IT-Systeme in der Dialyse bei Fresenius Medical Care, er hat gut zu tun.

Hätte, hätte. Das hat er sich nie gefragt, so ist er nicht gestrickt. Nicht mal im Krankenhaus, als die Diagnose gestellt war, kann er sich an eine depressive Phase erinnern. „Ich bin von Haus aus positiv eingestellt“, sagt er. Heute fährt er emotionslos an jener Stelle an Ostring/Massenheimer Weg vorbei, an dem sein Leben eine Volte schlug. Den Schicksalsschlag, unverschuldet, hat er akzeptiert. Nur wenn die Schmerzen in Knie, Wirbelsäule und Schulter arg schlimm werden, wenn ihm gewahr wird, dass ihn diese Begleiterscheinungen sein Leben lang verfolgen werden, hegt er einen gewissen Groll gegen „diese Dame“, die ihn genau ein einziges Mal im Krankenhaus besucht und sich ansonsten nie mehr bei ihm gemeldet hat, nicht an Weihnachten, nicht am Geburtstag. „Das“, so Schmidtke und dies ist das einzige Gefühl, das er zulässt, „werde ich nie verstehen können.“

Seit einem Jahr gehört er, der früher Volleyball und Basketball spielte, zum Team bei „Anpfiff Hoffenheim“. Bei einem Werbedreh der AOK war er in Kontakt mit Christian Heintz gekommen, der ihn sofort verpflichtete. Zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft, sagt Schmidtke, gehöre er. Leicht ist es nicht, ins Team zu kommen. Von Krückenfußballer wird eine Menge verlangt. Dieser Fußball ist enorm anstrengend, insbesondere für die Handgelenke und die Oberarme. „Wir joggen mit Krücken zwischen drei und fünf Kilometern“, sagt Heintz, dazu ist im Spiel eine gute Koordination erforderlich. Und die Laufwege müssen stimmen. „Von A nach B zu kommen ist für Krückenkicker relativ aufwändig“, sagt Claus Bender, in Personalunion Trainer der Nationalelf und von „Anpfiff Hoffenheim“, „falsche Laufwege sind fast nicht mehr korrigierbar“. Er selbst ist „Zweibeiner“, weiß um den immensen Kraftaufwand, der an den Krücken erforderlich ist: „Ich hab‘ das selbst ausprobiert, danach konnte ich drei Tage lang mein Jackett ohne Hilfe nicht mehr anziehen.“

Diese besondere Nationalelf war Teilnehmer bei der WM 2014 in Mexiko und bei der EM 2017 in der Türkei, dort wurde sie Achter (von zwölf Teams), es gab Länderspiele gegen die Niederlande, an zwei Tagen, einmal 0:2, einmal 1:0. Ein bis zweimal im Monat kommen sie zu Trainingslagern zusammen, aus ganz Deutschland reisen die Spieler an, zuletzt gab es ein Camp in Seulberg im Taunus. Gerne würde man öfter spielen, doch es fehlen Aktive, beim HSV in Hamburg will man sich engagieren, in Berlin und in Augsburg ist einiges am Entstehen. Aber immer noch fehlen Mitstreiter, sagt Christian Heintz, noch immer fehlt Öffentlichkeit.

Die führenden Nationen im Amputiertenfußball kommen aus Südamerika, aus Afrika, Russland und der Türkei. Dort existieren gar drei Ligen, die Spiele werden im Fernsehen übertragen, manche verdienen Geld mit diesem Sport. Auch in Brasilien sind die Behinderten gut organisiert. Warum Deutschland in diesem Punkt anderen Nationen weit hinterherhinkt, hat für Jörg Schmidtke einen einfachen Grund. Die Versorgung mit hochwertigen Prothesen sei hierzulande nahezu perfekt. „Kein Amputierter muss sich in Deutschland Sorgen machen, nicht ordentlich weiterleben zu können. Gedanken, auf Krücken oder gar auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, braucht sich keiner zu machen.“ Und im Kern könnten „wir auch mit Prothesen Fußball spielen“, sagt Schmidtke, ein ausgewiesener Fan des FC Bayern München.

Jörg Schmidtke fährt längst wieder Motorrad. Eine kleinere Maschine ist es jetzt, eine Honda CTX 700N, 60 PS und mit Automatikgetriebe. Mal fährt er rechts raus und manchmal links.

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