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Zwischen Hoffenheim und München: Kristin Demann.

Kristin Demann

Kristin Demann, die heimliche Heldin

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Kristin Demann hat ihre ersten Fußabdrücke hinterlassen. Bundestrainerin Steffi Jones schätzt vor allem ihre Ruhe am Ball.

Vielleicht ist es ganz gut, dass die deutschen Nationalspielerinnen alle Einzelzimmer bezogen haben, an denen jeweils ihre Panini-Bildchen kleben. Nicht, dass Kristin Demann keine gesellige Sportlerin wäre – ganz im Gegenteil -, aber das Rückzugsgebiet schätzt die 24-Jährige im Quartier „De Ruwenberg“ durchaus. Denn: „Ich lerne noch für mein Psychologiestudium.“ Der Input, sagt sie, empfinde sie während der Frauen-EM in den Niederlanden zwischen Essen und Training, Behandlung oder Besprechung als Bereicherung. Motto: „Kopf freikriegen.“ 

Der Erfolg bei einem Fußballturnier mag wichtig sein, die duale Karriere voranzutreiben, ist unausweichlich: Nicht mal eine gewonnene Europameisterschaft macht eine Nationalspielerin annähernd so reich – als Prämie winken 37 500 Euro –, dass sie danach ausgesorgt hatte. Zwei wichtige Prüfungen stehen für die 1,9er Abiturientin im September an. Bachelor hat sie, Master soll folgen. „Sportpsychologie würde mich reizen.“ 

Bei Jan Mayer, dem Sportpsychologen der TSG Hoffenheim, hat sie bereits ein Praktikum gemacht hat. Und natürlich spricht sie oft mit Birgit Prinz, die den Übergang von der Weltfußballerin zur Diplom-Psychologin beinahe fließend bewältigte. Derzeit arbeitet Demann aber in erster Linie allerdings daran, im internationalen Frauenfußball ihre ersten Fußabdrücke zu hinterlassen. Hätten die Uefa-Juroren genauer hingesehen, wäre nach der Schweden-Nullnummer nicht Dzsenifer Marozsan, sondern Demann zur „Spielerin des Spiels“ ausgerufen worden. 

Bundestrainerin Steffi Jones würdigte ihre heimliche Heldin dafür ausgiebig: „Kristin ist unwahrscheinlich ruhig am Ball. Sie hat eine Übersicht und selbst unter Druck noch die Mitspielerin gefunden.“ Fast wie Toni Kroos. Der Real-Star, der mit traumwandlerischer Sicherheit die Bälle verteilt, nennt Demann als Vorbild: „Ich schaue gerne Spiele von ihm.“ Dass die in Gehrden bei Hannover geborene Mittelfeldspielerin sich ihre Fähigkeiten nur vom männlichen Pendant abgeschaut hat, stimmt indes nicht. Ihre Handlungsschnelligkeit hat sie sich nämlich in Fleißarbeit im Footbonauten der TSG Hoffenheim angeeignet: „Dort bin ich meist ein- oder zweimal die Woche gewesen. Das ist ein guter Trainingseffekt. Vor allem für die Orientierung.“ 

Im Trainingszentrum in Zuzenhausen steht seit 2014 eine Anlage, die Talente der TSG nutzen – und die Erstbesuchern noch wie aus einem Science-Fiction-Film vorkommt. Eine Kunstrasenfläche in einem Gitter mit quadratischen Zielflächen. Roboterhaft werden aus rotierenden Walzen mit bis zu 100 Stundenkilometern die Bälle in den Raum katapultiert, die in festgelegte Bereiche gebracht werden müssen. Demann hat es offenbar besonders geholfen, dort ihre kognitiven Fähigkeiten fortzuentwickeln. „Der Fantasie sind im Footbonaut keine Grenzen gesetzt. Man kann dabei viel lernen.“ 

Mit dem Wechsel zum FC Bayern („Ich will in der Women’s Champions League und um Titel spielen“) verlässt sie dieses Trainingsumfeld. Und doch ist der Karriereschritt nur logisch. Wennigsen, wo ihre Eltern Marion und Markus wohnen („Mein Vater kommt vielleicht zum zweiten EM-Spiel“) wohnen, ist ihr Zuhause, „doch ich fühle mich eigentlich überall wohl.“ In Potsdam ging sie ins Jugendinternat und durchlief unter Turbine-Legende Bernd Schröder eine Schule fürs Leben. 2013 wechselte sie zur TSG Hoffenheim und wohnte zuletzt im beschaulichen Nußloch. In München hat sie nach langer Suche eine Wohnung gefunden. Im Norden in Eching, weil es dann nicht so weit ins neue Bayern-Trainingszentrum ist. Die FCB-Frauen können sich auf eine lebenslustige Frau freuen, die das Zeug zur EM-Entdeckung hat.

Dass Jones auf ihre Nummer sechs am Freitag im zweiten Gruppenspiel gegen Italien (20.45 Uhr/ARD) verzichtet, erscheint nach der Auftaktleistung unwahrscheinlich. „Es ist unser Anspruch, gegen Italien zu gewinnen. Ich bin da sehr zuversichtlich“, sagt Demann vor ihrem erst zwölften Länderspiel. Als Comic-Figur hat ihr die Bundestrainerin übrigens „Robin“ zugeteilt, der als jugendlicher Assistent Batman bei der Verbrechensbekämpfung unterstützt. Ob das wirklich für die EM-Aufgabe passt? Abwarten. Aber wenn jemand knifflige Aufgaben löst, dann die wohl pfiffigste Fußballerin im deutschen Aufgebot.

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