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Kratzen an der Oberfläche

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Von: Jan Christian Müller

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Ein bisschen mehr Tiefe hätte es gerne sein dürfen: Bundestrainer Hansi Flick.
Ein bisschen mehr Tiefe hätte es gerne sein dürfen: Bundestrainer Hansi Flick. © dpa

Wo Hansi Flick draufsteht, ist auch Hansi Flick drin, weshalb die Analyse des Bundestrainers seicht ausfällt: Ein bisschen mehr sollte es schon sein, um das Volk wieder gnädig zu stimmen.

Wahrscheinlich wäre es vermessen gewesen, von Hansi Flick so etwas wie eine Übermittlung von Aufbruchstimmung zu erwarten. Zwei Wochen nach dem zeitigen WM-Ausscheiden in Katar hat ein noch angeschlagen wirkender Bundestrainer ein paar Interviews gegeben. Gerecht verteilt auf die beiden Nachrichtenagenturen dpa und sid sowie die TV-Sender ARD und ZDF. Inhaltlich kam dabei in etwa diese Zehn-Punkte-Analyse heraus: Erstens: Uns hat vorn die Effizienz gefehlt. Zweitens: Defensiv war es nur Durchschnitt. Drittens: Wir sind in der Bringschuld bei den Fans. Viertens: Es gibt keinen Grund für großartige personelle Änderungen im Kader. Fünftens: Wir haben im Trainerteam keine offenkundigen Fehler gemacht, die es öffentlich zu benennen gilt. Sechstens: Haltet uns die Politik vom Leib. Siebtens: Ich lese lieber keine Zeitungen. Achtens: Ich mache gerne weiter. Neuntens: Wir haben enorme Qualität. Zehntens: Olli Bierhoff war wichtig für mich.

Nach dieser insgesamt wenig erhellenden, weitgehend an der Oberfläche kratzenden Gesprächsreihe darf getrost davon ausgegangen werden, dass der olle Kahn Nationalmannschaft von Käpt’n Flick mit ruhiger Hand am Steuer über deutsche Binnengewässer gen EM 2024 geschippert wird. Wo Hansi Flick draufsteht, ist auch Hansi Flick drin. In Aktionismus auszubrechen, war seine Sache nie. Insoweit hat er sich mit dem stocknüchternem Rückblick auf die Weltmeisterschaft keineswegs selbst verraten.

Aber Flick hat dabei auch ein wenig wehleidig gewirkt, er hat nicht kraftvoll angesprochen, welche Idee er hat, nach Jahren des Darbens endlich wieder Begeisterung bei den vom DFB-Team entfremdeten Fans zu etablieren. Sein Verweis auf fehlende Unterstützung durch die Politik schiebt Verantwortung von sich, die deutsche Nationalspieler und ihr Chefcoach auch in Zukunft schon selber tragen müssen. Einen unpolitischen Fußball mag sich der Bundestrainer wünschen, es wird ihn aber nicht geben.

Denn auch mit der Euro 2024 will deren Turnierdirektor Philipp Lahm ja auch ein gesellschaftspolitisches Bild von Deutschland malen: eine EM in Freiheit und Demokratie, frei von Rassismus, voll von Diversität. Hansi Flick ist qua Persönlichkeit kein idealtypischer Markenbotschafter für eine solche Mission. Das überfordert ihn, dafür ist er zu wenig begeisterungsfähiger Rhetoriker oder gar Vordenker in großen Linien, die weit über den Sport hinausgehen, wie das Jürgen Klinsmann in seinen zwei Reformjahren bis zum Sommermärchen 2006 war.

Das heißt in der Konsequenz nicht, dass es in der gegenwärtigen Versuchsanordnung zwingend nichts werden kann mit Blick auf den Sommer 2024. Bis dahin wirken in Deutschland ganz andere Kräfte als in Katar im November/Dezember 2022. Aber Flick und seine Gefolgsleute sollten spürbar mehr tun als nur ein bisschen besser auf dem Platz und in der Coachingzone zu performen, um das Fußballvolk wieder gnädig zu stimmen.

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