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Eckfahnenjubel in Mönchengladbach: Marcus Thuram in seinem Element.  

Mönchengladbach - Bayern München 2:1

Kraft aus Tradition

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Borussia Mönchengladbach untermauert nach dem 2:1-Sieg über den FC Bayern seine Ambitionen, ganz oben zu bleiben - selbst die ruhmreiche Klubgeschichte trägt dazu bei.

Mit Hinweisen auf den starken Eigenantrieb seiner Spieler, die prima Zusammenarbeit mit seinem Trainerteam oder das generell positive Miteinander am Borussia-Park hat Marco Rose mittlerweile viel Übung. Nach dem 2:1 (0:1) gegen den FC Bayern fand Gladbachs Cheftrainer aber noch einen weiteren Grund für die anhaltende Hausse am Niederrhein. „Selbst die Geschichte des Vereins trägt dazu bei“, betonte der aufmerksame Fußballlehrer – dem auf dem Weg zu dieser Erkenntnis auch das große Transparent nicht entgangen sein dürfte, das die Fans vor dem Anpfiff in der Nordkurve aufgespannt hatten.

„Erst mit Hennes Weisweiler legte die Borussia so richtig los“, stand da Schwarz auf Weiß – in Erinnerung an den legendären Gladbacher Meistertrainer, der am Donnerstag 100 Jahre alt geworden wäre. Drei deutsche Meistertitel holte Weisweiler in den 1970ern mit den Fohlen. Bei den beiden weiteren der bislang fünf Gladbacher Meisterschaften saß in den Jahren 1976 und 1977 dann Udo Lattek auf der Trainerbank. Und genau in dieser Zeit kam in der damaligen DDR Marco Rose zur Welt – der Mann, der die Menschen ganz im Westen der Republik nun wieder von der berühmtesten Salatschüssel im Land träumen lässt.

Der prominente Besuch aus dem Süden und speziell dessen fußballerische Machtdemonstration vor der Pause (den bajuwarischen Chancenwucher mal ausgeklammert) brachte die Gladbacher dabei am Wochenende ein gutes Stück voran. Fand Rose. „Das hilft uns in unserer Entwicklung, weil wir jetzt manches besser einordnen können“, spielte der 43-Jährige das von ihm so geschätzte Immer-schön-bodenständig-bleiben-Spiel. Andererseits wollte er bei jetzt sieben Punkten Vorsprung auf München auch nicht zu bescheiden wirken – und lockerte die verbale Handbremse ein wenig.

„Dieses Spiel hat eine hohe Aussagekraft für uns, auch was das Drumherum in Mönchengladbach betrifft“, erklärte der gebürtige Leipziger und griff anschließend die zunehmend lebhaften Diskussionen „über die ganz großen Ziele“ auf: „Alle haben gesehen, dass wir heute eine Mannschaft zu Gast hatten, die uns in der ersten Halbzeit gezeigt hat, wo wir hinwollen.“ Oder anders ausgedrückt: „Wir sind ein Team, das grundsätzlich weiß, dass es die Bayern schlagen kann. Den Glauben daran haben wir in der ersten Halbzeit ein bisschen in der Kabine gelassen. Wenn wir dann mal so weit sind, diesen Glauben über 90 Minuten mitzunehmen, können wir auch über runde Teller reden.“

Aktuell ist die Meisterschale noch in München in Verwahrung, nach den Erlebnissen vom Samstag erkannte Bayern-Coach Hansi Flick die Ernsthaftigkeit der Gladbacher Ambitionen allerdings ohne große Umschweife an. Gleich nach Wiederbeginn hatte sich seine Mannschaft durch den feinen Drehschusstreffer des Kroaten Ivan Perisic für ihren starken ersten Durchgang belohnt, ließ aber kurioserweise gerade nach dem Führungstor den Spielfaden entgleiten.

Die Borussen griffen beherzt zu, brachten für Mittelfeldakteur Laszlo Benes Angreifer Breel Embolo in die Partie, kamen zwei Minuten später durch das Kopfballtor von Rami Bensebaini im Anschluss an eine Ecke zum Ausgleich – und Flick sagte später: „Danach hat Gladbach gezeigt, dass sie zurecht da oben stehen. Sie haben eine enorme Power in der Offensive.“ Nicht nur dort.

Der Aufschwung beim Rautenklub fußt nicht allein auf den klaren Ideen des neuen Bank-Chefs Rose, der zweitbesten Defensive der Liga oder dem neuen Sturmereignis Marcus Thuram – sondern zum Beispiel auch auf dem neuen Linksverteidiger Bensebaini. Der algerische Nationalspieler, im Sommer von Stade Rennes gekommen, verkörpert das kontinuierlich gewachsene Selbstbewusstsein der Borussen derzeit wie kein Zweiter. Schon in den letzten Partien war der 24-Jährige stets einer der Auffälligsten. Und es war kein Zufall, dass Bensebaini nach dem ungeschickten Foul von Bayern-Verteidiger Javi Martinez am enteilten Thuram in der Nachspielzeit die Ausführung des fälligen Elfmeters übernahm.

„Ich habe schon im Training ein paar Mal gesehen, wie und mit welcher Sicherheit er Strafstöße schießt. Deshalb habe ich mich auch gefreut, als er den Ball genommen hat“, berichtete Schlussmann Yann Sommer mit breitem Grinsen – kurz nachdem ihm Übungsleiter Rose im Vorbeigehen kurz durchs braune Haar gewuschelt hatte.

Danach brauchte Sommer erst mal ein paar Sekunden Bedenkzeit, um den Dauerplatz an der Liga-Spitze seriös einordnen zu können. „Erster Platz – das ist top, wirklich top“, sagte der 30-jährige Schweizer schließlich. „Aber wir wissen auch, dass es schwierig ist. Wir sind die Gejagten, wir müssen vorsichtig mit der Situation umgehen.“ Eine Haltung, um die das niederrheinische Ensemble vor allem die Münchner gerade sehr beneiden. „Gladbach ist momentan die Benchmark“, betonte Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Denn, so die schlichte Wahrheit: „Wer vorne ist, der hat den Anspruch darauf.“

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