Florian Kohfeldt
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Florian Kohfeldt steckt in der ersten tiefgreifenden Krise seiner Karriere.

Kommentar

Das Pro und Kontra bei Kohfeldt

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Werder Bremen spricht dem Trainer weiterhin glaubwürdig das Vertrauen aus. Das macht trotz des sportlichen Tiefflugs durchaus Sinn. Denn die wahren Probleme in Bremen liegen woanders.

Unter den Bedingungen, die man im ungnädigen Bundesligabusiness als „Normalfall“ bezeichnet, hätte Werder Bremen am Sonntag die Beurlaubung von Trainer Florian Kohfeldt bekanntgegeben. Der Klub hätte mitgeteilt, dass die Trennung unausweichlich gewesen sei, da ein neuer Impuls aufgrund der prekären Situation und der klaffenden Lücke zwischen Erwartung und Erreichtem notwendig wäre und die matten Auftritte in der vorhanden Konstellation keine Aussicht auf Besserung gewährleisteten.

Stattdessen bestätigen die auf Rang 17 abgerutschten Grün-Weißen auch am Tag des vorerst tiefsten Tiefpunkts die weitere Zusammenarbeit mit dem nach wie vor geschätzten Chefcoach.

Tatsächlich gäbe es für beide Argumentationsmuster pro und kontra gute Gründe. Für eine vorzeitige Verabschiedung spräche, dass es Kohfeldt nach dem Hochgefühl vom Pokal gegen Dortmund nicht einmal im Ansatz geschafft hat, die Stimmung so zu konservieren, dass gegen Union Berlin ein energiereicher Auftritt gefolgt wäre. Der Stimmungsabfall hätte gravierender nicht sein können, die Ratlosigkeit sprach dem sonst so eloquenten Coach aus jeder Pore. Auffällig ist zudem das konditionelle Defizit der Mannschaft, die regelmäßig nach dem Wechsel schlappmacht.

Trotz einer nahezu vorbildlichen Unterstützung von den eigenen Anhängern ist die Heimbilanz aus den Monaten Dezember, Januar und Februar mit verheerend noch freundlich beschrieben: 0:1 gegen Paderborn, 0:5 gegen Mainz, 0:3 gegen Hoffenheim, 0:2 gegen Union. Die Einwechslungen von Faktotum Pizarro geraten zur bemitleidenswerten Folklore.

Für eine Weiterbeschäftigung Kohfeldts spricht, dass dieser talentierte, wenngleich mutmaßlich (und auch an dieser Stelle) ein wenig zu sehr gehypte junge Mann ja noch immer ein hochintelligenter Mensch und oft sehr guter Öffentlichkeitsarbeiter ist, der gerade die erste tiefgreifende Krise seiner Karriere erlebt. Aus dieser Krise dürfte der 37-Jährige mit Erfahrungen herausgehen, die ihm in seiner weiteren Laufbahn weiterhelfen. Aus Sicht des SV Werder wäre es somit förderlich, diesen Erfahrungsschatz für den Klub zu nutzen. Zumal der wahrlich nicht zur Hektik neigende mächtigste Mann im Klub, Aufsichtsratschef Marco Bode, bislang eher den Anschein erweckt, die betrübliche Situation noch immer lieber im Kollektiv Bode/Kohfeldt/Sportchef Baumann zu lösen als in einer Konstellation, die womöglich auch Baumann den Job kosten könnte.

Solange man bei Werder glaubt, der Fußballlehrer Kohfeldt sei nicht schlechter als die Mannschaft und die Personalpolitik, macht es Sinn, das Trainertalent nicht vom Hof zu jagen. Niemand kann seriös voraussehen, dass das die Wahrscheinlichkeit auf den Klassenerhalt erhöhen würde. Zumal der Druck der Öffentlichkeit nach wie vor gering ist. Kohfeldt hat sich wegen seiner anfänglichen Erfolge, seiner Bereitschaft zu attraktivem Vorwärtsspiel und seiner kommunikativen Natur einen Vertrauensbonus im Verein, bei Fans und Medien erarbeitet, der noch nicht aufgebraucht ist. Aber auch er weiß, dass die Auszeichnung zum amtierenden „Trainer des Jahres“ alles andere als einen Welpenschutz bedeutet: Markus Kauczinski scheiterte bald nach seiner Wahl nacheinander in Karlsruhe, Ingolstadt und St. Pauli, Hannes Wolf erst beim VfB Stuttgart, dann beim HSV.

Nach Wolfs Ex-Klubs aus Stuttgart und Hamburg droht nun Werder der größte Verlierer im Boombusiness Profifußball zu werden. Schon jetzt gelangen die Verpflichtungen der Spieler Toprak, Bittencourt und Selke nur, indem die seit Jahren schon klammen Bremer die dafür nötigen Transferausgaben wie ein Darlehen in die Zukunft verrückten. In diesem und im nächsten Sommer werden für diese drei Profis, den Klassenerhalt vorausgesetzt, zwingend rund 27 Millionen Euro fällig. Werder ist somit praktisch gezwungen, seinen mit Abstand besten und werthaltigsten Spieler, Milot Rashica, zu verkaufen. Ganz egal, wer dann Trainer ist.

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