+
So sieht die Zukunft des deutschen Fußballs aus.

DFB-Team

Der komplizierte Neuaufbau

  • schließen

Die EM-Qualifikation gilt im kommenden Länderspieljahr fast schon als Formsache. Der Blick der Verantwortlichen geht für die deutsche Nationalmannschaft schon bis zur EM 2020 und darüber hinaus.

Es war ein ungemütlicher Novemberabend, als sich Toni Kroos zum Abgang aus der Arena auf Schalke eine blau-weiß gestreifte Strickmütze übergestülpt hatte. Ein letztes Statement sollte der Dauergewinner von Real Madrid zu diesem vermaledeiten Länderspieljahr abgeben, und das fiel dem Taktgeber der deutschen Nationalmannschaft nicht schwer, nachdem die deutsche Nationalmannschaft vor nicht ausverkauftem Haus einen 2:0-Vorsprung gegen die Niederlande verspielt hatte.

„Wir hätten das Erfolgserlebnis ein Stück weit gebraucht. Wenn es in der 85. Minuten 2:0 steht, muss es reichen. Diese zwei Aktionen passen hervorragend zu diesem Jahr.“ Dann entschwand der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler in die Nacht. Auch Joachim Löw hatte in Gelsenkirchen geäußert, dass das unschöne Ende – womit die DFB-Auswahl aus der A-Kategorie der Nations League ohne Sieg abstieg – sich in ein „enttäuschendes Jahr“ fügte.

Löw geht mit gutem Gefühl in die Winterpause

Gleichwohl: Viel mehr Unmut ließ der Bundestrainer beim Jahresabschluss nicht zu. Sondern der 58-Jährige konstatierte tapfer: „Ich gehe mit einem guten Gefühl in die Winterpause. Wir können wieder positiv nach vorne schauen.“ Oder: „Mein Gefühl sagt mir, dass wir auf einem guten Weg sind, um wieder erfolgreichen Fußball zu spielen.“ Es brauchte vor allem Löw’sches Bauchgefühl, um solch unerschütterlichen Optimismus fürs neue Jahr vorzuleben.

Wie positiv sind wirklich die Perspektiven für eine DFB-Auswahl, die sich im Fifa-Ranking hinter Uruguay, Schweiz und Dänemark, Kolumbien, Chile und Schweden wiederfindet? DFB-Boss Reinhard Grindel findet, in den Länderspielen gegen Russland (3:0) und die Niederlande (2:2) habe sich „eine Mannschaft mit einem neuen Gesicht präsentiert, die attraktiven Fußball spielen will. Deswegen können wir selbstbewusst in die Qualifikation zur EM 2020 gehen“.

Die Zulassung zur Endrunde hatte Löw bereits versprochen, ehe die Lose gezogen waren, und nach der Prozedur im Convention Center von Dublin am 2. Dezember durfte sich der Fußballlehrer bestätigt fühlen. Bis auf die Niederlande, auf die Deutschland gleich im ersten Qualifikationsspiel am 24. März 2019 in Amsterdam trifft, sind nur Leichtgewichte in der Fünfer-Gruppe. Weder Nordirland (Weltranglistenplatz 35) und erst recht nicht Weißrussland (76.) und Estland (96) dürften zum Stolperstein werden.

Zumal sich der Gruppenerste und –zweite direkt für die EM 2020 qualifizieren. Eingedenk der recht komfortablen Konstellation will sich Löw „zwei wichtigen Themen“ gleichzeitig widmen: „Die Qualifikation schaffen und den jungen Spielern Raum geben, um sich zu entwickeln, ihnen langsam Verantwortung übertragen mit Blick auf 2020.“ Dieser Spagat sei nicht allzu schwierig. Vom EM-Titel redet der 58-Jährige tunlichst (noch) nicht.

Schlüsselrollen bei der Langzeitentwicklung kommt den Jahrgängen 1995/1996 zu. Joshua Kimmich, Niklas Süle, Thilo Kehrer, Leon Goretzka, Timo Werner, Leroy Sané und Julian Brandt sind gemeint. Und dann ist da ja auch noch Kai Havertz. Bei dem erst 19 Jahre alten Leverkusener handelt es sich jedoch um eines der seltener gewordenen Toptalente im deutschen Fußball.

Denn die Personaldecke für den Spitzenbereich wird die nächsten Jahre dünner. Dortmunds Manager Michael Zorc betonte kürzlich, dass auf jeden guten deutschen Spieler heute bereits zwei Franzosen, zwei Engländer und zwei Spanier kämen. Im Nachwuchsbereich tun sich nicht nur Lücken auf den Problempositionen wie den Außenverteidiger oder bei den Mittelstürmern auf, sondern grundsätzlich wird es in den kommenden Jahren an Qualität fehlen.

Kuntz sieht viel Gesprächsbedarf

U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz sieht viel Gesprächsbedarf. Noch vor Weihnachten war der Nachwuchscoach, der 2017 den EM-Titel gewann und im kommenden Jahr mit seinem Team die Endrunde in Italien und San Marino spielt, auf Rundreise, um sich ein Meinungsbild bei mehreren Bundesligisten einzuholen. Denn auch in den Nachwuchsleistungszentren läuft längst nicht mehr alles rund. Kuntz spürt das bei seiner U21.

„Wenn heute ein Spieler zu mir kommt, hat er 500 oder 1000 Konflikte weniger gelöst als zu meiner Zeit. Sie übernehmen dazu familiäre Verantwortung, weil sehr früh sehr viel Geld verdient wird.“ Aber es werde den Talenten zu wenig Lebenserfahrung vermittelt. Kuntz schlägt zudem vor: „Die Individualität sollte mehr gefördert werden. Fangen wir später mit Tabellen an? Spielen wir lieber Drei-gegen-Drei, Vier-gegen-Vier, um mehr Ballkontakte zu arbeiten?“

Lesen Sie auch: Deutschland-Niederlande: Löw erklärt seine Doktrin und wird von Kroos unterstützt

Auch Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, der mit seiner Direktion Nationalmannschaften und Akademie im neuen Jahr wegen des vergrößerten Platzbedarfes eigene Bürogebäude im Frankfurter Stadtteil Niederrad bezieht, sieht raschen Handlungsbedarf. „Wir wollen in allen Bereichen zurück an die Weltspitze. Für die Zukunft stellen wir alles infrage.“ Dabei geht es um ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die bis zur Basis reichen. Konkrete Vorschläge will seine Abteilung bis Februar machen, um letzten Endes die Wettbewerbsfähigkeit der Nationalmannschaft zu erhalten.

Zunächst beginnt das neue Länderspieljahr am 20. März mit einem Freundschaftsspiel gegen Serbien. Ursprüngliche Wünsche von Löw, gegen Argentinien oder Brasilien zu testen, waren nicht zu realisieren. Gespielt wird gegen den WM-Teilnehmer Serbien mit etlichen Bundesligaspielern in Wolfsburg, was eine Verbeugung vor dem neuen Generalsponsor der Nationalmannschaft darstellt, den künftig der Automobilkonzern VW und nicht mehr Mercedes-Benz bildet. Mittelklassewagen statt Luxuskarosse – irgendwie kennzeichnet diese Veränderung ungewollt den Wertverfall der Nationalmannschaft im Jahr 2018.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion