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Schalke im Training.

Schalke 04

Kommunikativ und variabel

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Domenico Tedesco soll Schalke 04 wieder in die internationalen Wettbewerbe führen.

Dolmetscher sind bei den allermeisten Fußballklubs so selbstverständlich wie der Physiotherapeut oder der eigene Koch. Das war auch lange bei Schalke 04 so – bis zu diesem Sommer. Wenn Domenico Tedesco mit der Mannschaft im Videoraum sitzt, kann es schon mal vorkommen, dass der neue Trainer einen seiner Spieler in der Muttersprache anspricht und einen Lösungsvorschlag für die gezeigte Situation fordert. Der 31-Jährige spricht neben Deutsch und Italienisch auch Englisch, Französisch und Spanisch.

„Es ist manchmal nicht so einfach“, gesteht Tedesco. Er habe auch Situationen erlebt, in denen er den Algerier Nabil Bentaleb auf Spanisch und den Spanier Coke auf Französisch angesprochen habe. „Aber die Jungs verzeihen es mir“, fügt er grinsend hinzu.

Kommunikativ, jung, dynamisch, zielstrebig. Keine Frage, das alles ist Domenico Tedesco. Doch kann der nach Julian Nagelsmann jüngste Trainer der Bundesliga einen Klub wie Schalke 04, der von seinem Selbstverständnis her immer europäisch spielen will, wenn möglich in der Champions League, auch wieder zu Erfolgen führen? Sportvorstand Christian Heidel ist fest davon überzeugt: „Mich haben sie auch schon zu Mainzer Zeiten erst wegen Jürgen Klopp zerfetzt, dann wegen Thomas Tuchel und später auch noch wegen Martin Schmidt – und bei allen dreien hat es funktioniert“, sagt Heidel. Der einstige Allesmacher des FSV Mainz 05 lag mit seinem ersten „Wunschtrainer“ bei den Königsblauen gründlich daneben.

Markus Weinzierl ließ nur sehr sporadisch guten Fußball auf Schalke spielen, beendete die Saison auf dem zehnten Platz und wurde von Heidel nach eingehender Analyse entlassen – am Telefon. „Eine Entwicklung hat in allen Bereichen stattgefunden, nur nicht auf dem Spielfeld“, war das harte Resümee von Heidel, der es in seiner ersten Saison zumindest geschafft hat, dass die Königsblauen von außen geschlossener wahrgenommen werden. Der Bayer Weinzierl war allerdings beim „Kumpel- und Malocherklub“ aus Gelsenkirchen nie angenommen worden.

Jetzt soll es also Heidels zweiter Wunschtrainer richten, der Jahrgangsbeste mit der Spitzennote 1,0 der Trainerausbildung 2015/16 – noch vor Julian Nagelsmann. „Er hat den Beruf von der Pike auf gelernt“, sagt Heidel. Zunächst als Jugendtrainer beim VfB Stuttgart, später bei der TSG Hoffenheim, ehe er im Winter den FC Erzgebirge Aue übernahm und den Klub mit 20 Punkten aus elf Partien in der zweiten Liga hielt. „Tedesco ist ein neuer Typ Trainer, der ein Fußballspiel liest und versteht“, schwärmt Aues Geschäftsführer Michael Voigt, „er betreibt eine Wahnsinnsanalyse des Gegners und des eigenen Spiels.“

Aber Tedesco sitzt nicht nur vor Computern und Taktiktafeln. Er hat auch verstanden, dass der Zusammenhalt auf Schalke enorm wichtig ist – und er wird entgegen des allgemeinen Bundesligatrends hinter verschlossenen Türen zu trainieren, mit wenigen Ausnahmen alle Einheiten der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das gibt Pluspunkte bei den Fans, und die Mannschaft wirkt angetan vom neuen Coach. „Er hat einen klaren Plan“, sagt Leon Goretzka.

In den Testspielen hat sich ein 3-4-3-System herauskristallisiert. Tedesco setzt auf schnelle Ballgewinne, wenn das nicht klappt, soll sich sein Team in ein 5-4-1 oder 5-2-2-1 zurückfallen lassen. Den Stoßstürmer wird Guido Burgstaller geben, der in der Rückrunde mit neun Treffern der Garant dafür war, dass es nicht schlimmer für Schalke kam. Das Angriffsspiel beleben soll der französische U20-Nationalspieler Amine Harit, der für acht Millionen Euro vom FC Nantes kam.

Der wichtigste „Neuzugang“ in der Offensive dürfte jedoch Breel Embolo werden, der nach seinem Wadenbeinbruch und Knochenmarködem weiter Stück für Stück herangeführt wird. Dem Schweizer Nationalspieler, vergangene Saison für 26 Millionen Euro vom FC Basel gekommen, fehlt allerdings noch die Spritzigkeit. Der Ukrainer Yevhen Konoplyanka wird eine zweite Chance auf den Flügeln bekommen, Max Meyer wird im variablen Offensivsystem zwischen den Reihen oder auf den Außen seine Minuten bekommen.

Im zentralen Mittelfeld wird Leon Goretzka gesetzt sein. Neben ihm hat Nabil Bentaleb die besten Chancen. Aber auch der erst 18-jährige US-Amerikaner Weston McKennie überzeugte Tedesco, genauso wie der 19-jährige Fabian Reese im Angriff. Auf den Außenbahnen haben Neuzugang Bastian Oczipka (Eintracht Frankfurt) und der Spanier Coke die besten Karten, dahinter steht Daniel Caligiuri bereit. Die Dreierkette werden Naldo, Benedikt Höwedes und Matija Nastasic bilden. Pablo Insua und Thilo Kehrer sind Alternativen.

Eine erste Elf gibt es bei Tedesco aber nicht. „Es gibt einen Kern von Spielern, die um Nuancen kämpfen“, erklärt der Trainer. Zu den Zielen befragt wiegelt er beharrlich ab. „Es geht nicht um Tabellenstände, sondern die Umsetzung unserer Spielidee“, sagt Tedesco. Training, Spielintensität und Auftreten würden dann über den Tabellenplatz entscheiden. Am liebsten so weit oben wie möglich.

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