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Ratlos in Stuttgart: Michael Reschke (re.)

Kommentar

Rodeo im Ländle

Der VfB Stuttgart gab 50 Millionen Euro für neue Spieler aus - der Ertrag bleibt aus. Ein Kommentar.

Gestern ergriff mal wieder einer aus der fußballlehrenden Gilde das Wort für seinen Berufsstand. „Manche Vereine haben in 18 Monaten drei oder vier Trainer. Für den Fußball ist das nicht gut“, sagte Robin Dutt dem „Kicker“. Dass es immer früher auch Sportdirektoren erwische, sehe er mit Sorge. „Es fliegt zu schnell ein komplettes Konzept über Bord.“ Nun gut, klingt logisch, ist es vielleicht auch. Zumindest in der Theorie. In der Praxis kommt es aber nun mal darauf an, ob ein solches Konzept auch ein gutes ist. Und vor allem, ob es funktioniert. Falls nicht ist eine Neujustierung unabdingbar.

Perfekt in diesen Kontext passt die Aussage Dutts, weil der 54-Jährige zum einen von der Schnelllebigkeit seiner Branche schon mehrfach selbst überrollt wurde. Zum anderen weil ihm das ausgerechnet beim VfB Stuttgart wiederfuhr. 2016 war das, da wurde Dutt nach gerade mal 16 Monaten bei den Schwaben als Sportdirektor vor die Tür gesetzt. Im Wesentlichen lag das an drei Punkten: An schlechten Spielertransfers, misslungenen Trainerverpflichtungen (erst scheiterte Wunschkandidat Zorniger, dann Novize Kramny) und einer miesen Außendarstellung in Zeiten der Krise. Die Folge: Stuttgart stieg ab.

Drei Jahre später, im Sommer 2018, sahen sie sich im Ländle deutlich besser aufgestellt als damals. Vielleicht könne es die Europa League werden, hieß es, auf keinen Fall aber der Abstiegskampf. Im Februar 2019 muss festgehalten werden: eine Fehleinschätzung. Die Stuttgarter liegen nach dem 0:3 gegen Düsseldorf drei Zählern hinter Augsburg auf dem Relegationsrang und haben ihrerseits nur einen, beziehungsweise drei Punkte Vorsprung auf Hannover und Nürnberg. Vergleiche mit 2016 drängen sich auf.

Reschke wirkt hilflos

Zum einen ist die Transferbilanz eine ausgesprochen schlechte, Sportdirektor Michael Reschke erleichterte den so prall wie nie gefüllten Geldspeicher in dieser Saison zwar um fast 50 Millionen Euro, der sportliche Ertrag aber blieb aus. Zum anderen hat das zuvorderst natürlich mit der fußballlehrenden Gilde zu tun. Erst scheiterte Tayfun Korkut, seit dem achten Spieltag probiert sich Markus Weinzierl mehr schlecht als recht. Nur zehn Punkte aus 14 Spielen, das sagt alles. Die These, dass Weinzierl sich nicht mehr lange an seinem rodeoartig kreiselnden Trainerstuhl festkrallen kann, ist keine allzu gewagte. Geht die samstägliche Partie gegen Leipzig erneut schief, wird er mit hoher Sicherheit abgeworfen.

Bleibt Punkt drei, die Außendarstellung in Zeiten der Krise. Da gibt vor allem Reschke ein schauriges Bild ab. Bei seinen vorherigen Stationen in Leverkusen und München leistete er im Schatten von Branchengrößen wie Rudi Völler oder Karl-Heinz Rummenigge durchaus gute Arbeit, das Stuttgarter Rampenlicht als alleiniger Verantwortlicher aber ist ihm offenbar zu grell. Der 61-Jährige wirkt ein wenig hilflos. Mal stellt er sich verbal vor die Spieler, dann macht er das komplette Gegenteil. Mal redet er seinen Trainer am Abend stark, um ihm am nächsten Morgen zu entlassen (Korkut), mal schweigt er am Abend, um am nächsten Morgen eine angebliche Unterstützung des Coaches zu verkünden (Weinzierl). Glaubhaft ist das nicht, eine Aufbruchstimmung lässt sich so nicht erzeugen. Selbst wenn am Ende doch der Klassenerhalt steht, weil Teams wie Nürnberg oder Hannover noch schlechter sind, dürfte Reschke daher ein ähnliches Schicksal wie einst Robin Dutt blühen. Konzept hin, Konzept her.

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