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Kommentar: Nostalgie spielt mit

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Von: Frank Hellmann

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Dürfen künftig wieder zweitklassigen Fußball schauen: die Fans von Eintracht Braunschweig.
Dürfen künftig wieder zweitklassigen Fußball schauen: die Fans von Eintracht Braunschweig. © dpa

Den verschiedenen Strömungen und wechselnden Stimmungen nicht nachzugeben, ist die hohe Kunst bei allen Klubs, in denen die Nostalgie als zwölfter Mann mitspielt. EIn Kommentar.

Es scheint in dieser Saison tatsächlich höhere Mächte zu geben, die im bezahlten Fußball die publikumsträchtigsten Klubs in die Entscheidungsspiele bitten. Es scheint ja fast so, als wäre so viel Geschichte wie möglich ein Zulassungskriterium. Ganz oben, in der Champions League, spielen bald Real Madrid gegen den FC Liverpool um den Henkelpott; eine Stufe drunter, jeder weiß es, packt das Endspiel der Europa League zwischen Eintracht Frankfurt gegen Glasgow Rangers alle Liebhaber. Und die neue Conference League führt zum Finale in letzter Instanz AS Rom und Feyenoord Rotterdam zusammen. Klingt prächtig. In diese geschichtsträchtigen Konstellationen passen die Relegationsspiele rein, die der deutsche Fußball rund um die Europapokalendspiele drapiert.

Vieles deutet beim letzten freien Bundesliga-Platz auf eine Ausscheidung zwischen dem Zweitligist Hamburger SV und einen der Erstligisten VfB Stuttgart oder Hertha BSC hin. Aber nicht minder viel Tradition steckt eine Etage tiefer im schon feststehenden Duell zwischen dem Drittliga-Dritten 1. FC Kaiserslautern und Zweitliga-Drittletzten Dynamo Dresden. So viel Nostalgie spielt aus der Pfalz und bei den Sachsen mit, das sich in den Köpfen junger Kicker erste Blockaden aufbauen. Anders ist es nicht zu erklären, dass der FCK auf der Zielgeraden völlig versagt, die Beine tonnenschwer wirken, weil die Spieler spüren, dass sie die Sehnsucht einer Region schultern sollen.

Der Druck in der Pfalz

Für einen Standort wie Kaiserslautern, der erneut sein riesiges, eigentlich nur zur WM 2006 derart monströs erweitertes Fritz-Walter-Stadion bis auf den letzten Platz füllt, wäre es jammerschade, würde nach dieser furiosen Saison der Aufstieg nicht gelingen. Ein solcher Klub kann dauerhaft nur gesunden, wenn er mindestens zweitklassigen Fußball anbietet. Aber will man der Stadt Dresden mit ihrem wunderschönen Ambiente an der Elbe den Abstieg wünschen? Auch Dynamo stiftet seiner riesigen Gefolgschaft viel Identität. Der Klub weiß seit Wochen, dass die Relegationsspiele der letzte Rettungsanker sind. Ein Vorteil?

Im Zuge des Lauterer Nervenflatterns hat es ein Gründungsmitglied der Bundesliga wieder in den Lizenzfußball gespült. Eintracht Braunschweig ist, trotz einer 2:3-Niederlage beim SV Meppen, mit zwei Tagen Verspätung aufgestiegen. Glückwünsche an die Hamburger Straße, noch so einen ehrenvollen Ort gelebter Erinnerungen, wo eine begeisterte Menge spontan am Sonntagabend zusammenkam. „Manchmal muss man Feste feiern, wie sie fallen – heute ist so ein Tag für die gesamte Eintracht-Familie“, schrieb der Klub auf seinen Social-Media-Kanälen.

Braunschweig hat viel mitgemacht in jüngerer Vergangenheit, so schnell ging es rauf und runter, Hoch aus der dritten Liga bis in die Bundesliga, dann wieder der Absturz. Die zweite Liga scheint ein schöner Platz für diesen Verein, bei dem derzeit neben Sport-Geschäftsführer Peter Vollmann vor allem Trainer Michael Schiele zu nennen ist, der sehr konsequent den Kurs gehalten hat. Den verschiedenen Strömungen und wechselnden Stimmungen nicht nachzugeben, ist die hohe Kunst bei allen Klubs, in denen die Nostalgie als zwölfter Mann mitspielt.

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