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Maurizio Sarri, in Rage.

Einwurf

Eine Kippe wegen Kepa

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„Weigert sich ein Spieler, der ausgewechselt werden soll, das Feld zu verlassen, läuft die Partie weiter.“ So das Regelwerk.

Maurizio Sarri ging jetzt ab wie das HB-Männchen. Schon zuvor muss der Abend die Hölle gewesen sein für ihn, der Mann ist Kettenraucher, und das Spiel zwischen Chelsea und Manchester City ging in die Verlängerung, schließlich ins Elfmeterschießen. Zweieinhalb Stunden ohne Zigarette also. Bis zu fünf Packungen vernichtet er pro Tag, heißt es, in Italien war das kein Problem, dort ließen sie ihn auch im Stadion rauchen, und als er einmal mit dem SSC Neapel in der Champions League nach Leipzig kam, wurde extra ein Raucherraum präpariert, nahe der Kabine. In England aber ist es kompliziert für Sarri, 60, seit dieser Saison Chelsea-Trainer; er darf nicht, wie er will. Wenn es schlimm wird, holt er einen Zigarettenfilter aus der Jackentasche und kaut darauf herum.

Doch für Kompromisse war es diesmal zu spät. Sarri schrie, riss sich die Trainingsjacke auf, trat Sachen herum, warf Sachen herum. Dann drehte er ab und bahnte sich den Weg Richtung Kabine, und das war der entschlossene Gang eines Mannes, der jetzt unbedingt eine rauchen will. Eine Kippe wegen Kepa.

Sarri hat sich dann doch noch selbst abgefangen. Als die Türe zu den Katakomben vor ihm aufging, drehte er um und lärmte weiter aufs Spielfeld des Wembleystadions ein, wo immer noch der Grund für seinen Wutanfall am Sonntagabend im Finale des englischen Ligapokals stand: Kepa Arrizabalaga, der Torwart des FC Chelsea, der in der Verlängerung zweimal mit Krämpfen behandelt wurde, den Sarri jetzt, kurz vor Ablauf der Zeit, beim Stand von 0:0 auswechseln wollte. Ersatzmann Willy Caballero, 37, stand schon bereit, ein gefürchteter Elfmeterspezialist, da stand er und ließ den linken Arm kreisen, eine tragische, grüne Gestalt mit riesigen Torwandhandschuhen an den Händen. Auf dem Feld bedeutete Kepa, 24, seinem Trainer mit heftigen Gesten, dass er nicht vom Feld gehen werde, „no, no, nooo, NOOO!“. Draußen wusste Sarri nicht, wohin mit sich und seiner Wut.

Der sture Keeper blieb, parierte beim Elfmeterschießen einen Schuss, ließ einen weiteren aber durch die Finger gleiten, und am Ende siegten die anderen, die von Manchester City.

An einen vergleichbaren Fall der Befehlsverweigerung kann man sich nicht erinnern, abgesehen vom renitenten Günter Netzer natürlich, DFB-Pokalfinale 1973. In der Halbzeit verweigerte Netzer Trainer Hennes Weisweiler die Einwechselung, aber das machte Netzer später wieder gut, indem er sich ungebeten selbst einwechselte („Ich spiel dann jetzt!“) und für Mönchengladbach das Siegtor erzielte. Andere Zeit, sowieso: Kettenraucher wie Weisweiler durften noch ungestört ihrer Sucht nachgehen am Fußballplatz. Niemand war gezwungen, an Filtern herumzuknabbern.

Sarri nicht wohlgelitten

Vordergründig hat sich der Weltverband Fifa Gedanken zur Thematik gemacht, im Regelwerk heißt es: „Weigert sich ein Spieler, der ausgewechselt werden soll, das Feld zu verlassen, läuft die Partie weiter.“ Als würde es ständig passieren. Wie er nun mit seinem pubertären Torwart umgehen soll – Kepa ist mit einer Ablösesumme von 80 Millionen Euro übrigens der teuerste Keeper der Welt – und einem öffentlich erniedrigten Trainer, muss der FC Chelsea allein rausfinden. Der Italiener ist nicht mehr wohlgelitten in London, Platz sechs in der Premier League nur, dazu dröger Ballbesitzfußball und ein Autoritätsproblem, von dem nun die ganze Welt weiß. Als hätten es Raucher nicht so schon schwer genug.

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