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Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart

VfB Stuttgart

Kommentar: Die letzte Peinlichkeit des Wolfgang Dietrich

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Abschied eines Unbelehrbaren – der zurückgetretene Präsident des VfB Stuttgart gibt den Kritikern und dem Klub Schuld an seinem Scheitern.

Am Tag seines überfälligen Rücktritts hat Wolfgang Dietrich noch einmal eindrucksvoll bewiesen, warum er mit seiner Persönlichkeitsstruktur für das Amt des Präsidenten des VfB Stuttgart ungeeignet ist. Dietrich meldete sich am Tag nach der abgebrochenen Mitgliederversammlung via Facebook-Eintrag ab. Selbst leiseste Anflüge von Selbstkritik waren in seinem Erguss in dem sozialen Netzwerk nirgendwo aufzufinden. Stattdessen rumpelte da ein alter, beratungsresistenter Mann wie ein getunter Traktor durchs Internet und begab sich dabei auf einen Rundumschlag, der peinlicher nicht hätte ausfallen können. Diejenigen, die in dem bald 71-Jährigen schon immer einen furchtbaren Spalter hinter der Nussknacker-Fassade erkannt hatten, konnten sich bestätigt fühlen. Da hatte sich einer ein letztes Mal die Maske vom Gesicht gerissen.

Dietrich schrieb in seinem Statement, er lasse sich seine „Würde und Ehre nicht von denjenigen nehmen, die ihre Macht mit verbaler Gewalt demonstrieren. Ebenso wenig wie von denen, die sich schon seit langem an den gut gefüllten Töpfen unseres Vereins bedienen wollen“. Und er trat noch einmal ordentlich gegen jenen Klub nach, den er in den knapp drei Jahren seiner Amtszeit schnurstracks zurück in die zweite Liga geführt hatte.

Wörtlich las sich das so: Er wolle „nicht mehr einer Organisation vorstehen, die weder willens ist, sich mit mir gemeinsam diesen Interessen entgegenzustellen, noch in der Lage, den einwandfrei funktionierenden Ablauf einer Mitgliederversammlung zu gewährleisten“. Man darf das getrost als Dreistigkeit interpretieren, nicht aber als Überraschung. Denn der ehemalige Sprecher des Bahnprojekts 21 hat es schon immer verstanden, Verantwortung genau dann nach unten zu delegieren, wenn mal wieder etwas unter seiner Führung schiefgelaufen war. Beobachter vor Ort hatten am Sonntag den unbedingten Eindruck, der Systemausfall bei der aus dem Ruder gelaufenen, von Pfiffen und Buhrufen begleiteten Mitgliederversammlung hätte Dietrich die Schmach erspart, mit mehr als 75 Prozent der Gegenstimmen abgewählt zu werden.

Vor dem sportlich, ideell und atmosphärisch bis auf die Grundfesten herabgewirtschafteten VfB liegt nun ein weites Feld. Manche Fans wünschen sich Grünen-Politiker Cem Özdemir zum Chef. Auch die Ambitionen von Vereinsikone Jürgen Klinsmann dürften neue Nahrung erhalten. Der ehemalige Bundestrainer ist bekannt dafür, jeden Stein umzudrehen. Das erscheint nirgendwo notwendiger als beim VfB Stuttgart.

Von Jan Christian Müller

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