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Keine Champions League mehr öffentlich-rechtlichen TV.

Kommentar TV-Rechte

Königsklasse kostet extra

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Fans können allenfalls noch über die Geschwindigkeit abstimmen, mit denen das Business Profifußball ins digitale Zeitalter rast. Ein Kommentar.

Schön war die Zeit, auch wenn sie verdammt lang zurückliegt. Im vergangenen Jahrtausend war es noch üblich, dass ein Europapokal-Thriller aus den drei Wettbewerben im Regelfall nur live und nur im Stadion zu erleben war. Damals herrschte bei Vereinsvertretern noch die Meinung vor, dass eine Fernsehübertragung vom Stadionbesuch abhält - und nur in Ausnahmefällen genehmigt werden kann. 

Der TV-Konsument konnte sich immerhin darauf einstellen, dass um 22.30 Uhr in ARD oder ZDF die Zusammenfassung der deutschen Spiele lief. Bei Auswärtsspielen aus dem damaligen Ostblock kamen mitunter nur ruckelnde Schwarz-Weiß-Bilder zustande, auf denen Ball und Mannschaften schwer zu erkennen waren. 

Trotzdem war es oft irre spannend, zumal bei Roter Stern Belgrad vorwiegend furchtlose Jugoslawen, bei Inter Mailand vorwiegend nicklige Italiener und beim FC Liverpool lauter raubeinige Engländer gegen den Ball traten. EU-Recht, aber auch Globalisierung und Kommerzialisierung fegten nicht nur die Ausländerregel, sondern auch die Übertragungsgewohnheiten hinweg. Die Errungenschaft der 1992 installierten Champions League ist ein Vierteljahrhundert später unbestritten: Nirgendwo wird schnellerer und anspruchsvollerer Fußball gespielt. Eine Weltmeisterschaft, das hört die Fifa nicht gern, steht hinter diesem Uefa-Produkt mittlerweile in der Qualität weit zurück. 

Denn die Global Player auf Vereinsebene können sich Weltauswahlen mit den besten Kräften für jede Position zusammenkaufen. Am besten gleich zwei davon. Heraus kommen in der K.o.-Phase faszinierende Duelle, die im modernen Fußball eher als jede Nationalmannschaft den Maßstab abbilden. Die Königsklasse hat jedoch immer auch die Gier nach mehr Geld getrieben, und da ist jetzt für viele gerade ein Schmerzgrenze erreicht, weil die Champions League in Deutschland auf absehbare Zeit komplett hinter die Bezahlschranke wandert.

Dazn gewinnt immens

Mario Gomez, ehemaliger Nationalspieler vom VfB Stuttgart, hat bekannt, dass er gar nicht mehr durchblicke, wer fortan was wann und wo übertrage. Selbst technik-affine Zeitgenossen wirken überfordert, wenn sie erklären sollen, welchen Player, welchen Anschluss, welche Konsole oder welchen Stick es braucht. Denn der Bezahlsender Sky hat den Vorteil eingebüßt, alle Spiele zeigen zu können. Der Großteil läuft exklusiv beim Streaming-Dienst Dazn, der nicht nur mit der englischen Premier League ein Premiumprodukt im Portfolio hat. Der Preis von 9,99 Euro im Monat ist ein weiterer Vorteil des Vielübertragers. Nachteil: Amazon Fire oder Google Chrome erlangen für den Fußballfreund auf einmal dieselbe Bedeutung wie eine Ecke oder ein Elfmeter, um das auf dem Smartphone, Tablet oder PC sichtbare Bild auf den Fernseher zu bekommen.

Vorausgesetzt das Gerät ist internetfähig. Und die Internetleitung ist stabil und schnell genug. 
Viele Traditionalisten zeigen den Anbietern vermutlich erst einmal den Vogel. Weil sie an diesem Punkt nicht mehr mitgehen wollen. Das ist ihr gutes Recht, doch aufhalten lässt sich die Entwicklung wie so vieles in der Gesellschaft nicht mehr. Der Zug ist längst auf die Schiene gesetzt. Die Fans können allenfalls noch über die Geschwindigkeit abstimmen, mit denen das Business Profifußball ins digitale Zeitalter rast. Alle Nostalgiker müssen sich mit den alten Zeiten trösten.

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