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Kölner Doppelgramstufe

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Von: Jakob Böllhoff

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Der Ball kann auch mal ein Feind sein: Der Kölner Sargis Adamyan bei seinem tragischen Fehlschuss in Berlin.
Der Ball kann auch mal ein Feind sein: Der Kölner Sargis Adamyan bei seinem tragischen Fehlschuss in Berlin. © Imago/Beautiful Sports

Mit einer sagenhaft vergebenen Großchance wird Sargis Adamyan zum Sinnbild des 1. FC Köln bei der vermeidbaren Niederlage bei Hertha BSC.

Nun würde ein Tor fallen, keine Frage. Von der rechten Seite wurde der Ball in den Fünfmeterraum gespielt, vorbei am Torwart, vorbei an den Verteidigern, eine perfekte Vorlage. Der Fußballprofi Sargis Adamyan vom 1. FC Köln würde von der Vorlage profitieren und den Ball unbedrängt aus drei Metern über die Linie drücken, und dann würde er jubelnd davonlaufen und sich über seinen Treffer zum 1:1-Ausgleich im Spiel bei Hertha BSC freuen. Natürlich würde er das.

Nicht der Erste und Letzte

Das Schöne und gleichzeitig Furchtbare am Sport ist ja, dass ab und an das Unbegreifliche geschieht. Adamyan hat den Ball in dieser 14. Spielminute 60 827 staunenden Menschen im Berliner Olympiastadion nicht über die Linie gebracht. Die Kugel schien sich in einen Heliumballon zu verwandeln, als sie Adamyans Fuß berührte, sie stieg und stieg, wie mit Bedacht, gen Himmel, und bevor sie sich drüber senkte über das Tor, küsste sie noch die Latte, beinahe sah es zärtlich aus.

Aber es war brutal.

„Ich dachte, dass das nicht sein kann“, sagte Adamyan nach dem Spiel, das seine Kölner auch aufgrund seines Fehlschusses am Ende mit 0:2 (0:1) verloren hatten. „Der Ball ditscht ein bisschen auf. Ich treffe ihn mit dem Spann, wollte ihn aber mit der Innenseite treffen – und dann geht er halt über das Tor“, versuchte der 29-Jährige Angreifer das Unerklärliche zu erklären.

Vielleicht war auch mit seinen Schuhen etwas nicht in Ordnung, das wäre besonders tragisch, beinahe ein Familiendrama. Adamyan kam 1993 als Sohn eines Schuhfabrikanten in Armenien auf die Welt, ehe die Familie fünf Jahre später nach Deutschland zog, nach Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern. Fußballprofi wurde er dann bei Hansa Rostock, einen Namen machte er sich später in der zweiten Liga bei Jahn Regensburg, weshalb die TSG Hoffenheim ihn 2019 in die Bundesliga holte.

In diesem Sommer dann kam der schnelle, trickreiche Angreifer nach Köln, wo er nun das Sinnbild ist für die Schwierigkeiten, in denen der FC steckt. Es läuft nicht mehr für das Team von Trainer Steffen Baumgart, einfachste Dinge misslingen. Durch drei Niederlagen in Folge sind die Rheinländer unten reingerutscht in der Tabelle, das Abenteuer Europa in der Conference League endete jäh in der Gruppenphase. Die Kölner, so euphorisch in die Saison gestartet, wirken geschlaucht, alle miteinander. Baumgart rief pünktlich zum Jahresabschluss den Abstiegskampf aus. „Da muss man nicht drum herum reden. Alles andere ist Augenwischerei.“

Den sagenhaften Fehlschuss Adamyans nahm Baumgart locker. Ob er etwas derartiges schon mal gesehen habe, wurde er gefragt. „Ja, als ich Stürmer war“, antwortete der 50-Jährige.

Damit kann Adamyan sich vielleicht trösten: Er ist nicht der erste Berufskicker, dem ein vergleichbares Missgeschick unterlaufen ist, er wird nicht der letzte sein. Auf Youtube kann man Stunden mit diesen Szenen verbringen, und man trifft dabei auf Gesichter, die wesentlich bekannter sind als das von Sargis Adamyan: Neymar, Zlatan Ibrahimovic, Robert Lewandowski, Mario Gomez, Sergio Agüero, Edinson Cavani, um nur ein paar zu nennen.

Ein gramvolles Gesicht, egal wie berühmt, ähnelt sich stets. Auch irgendwie eine beruhigende Erkenntnis.

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