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Kluge Köpfe im DFB-Team

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Von: Frank Hellmann

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Nicht nur Fußball im Kopf: Die meisten Nationalspielerinnen arbeiten parallel zur sportlichen Karriere auf einen Uni-Abschluss hin.
Nicht nur Fußball im Kopf: Die meisten Nationalspielerinnen arbeiten parallel zur sportlichen Karriere auf einen Uni-Abschluss hin. © dpa

Die deutschen Nationalspielerinnen basteln an ihrer zweiten Karriere. Das Gros der Mannschaft studiert - parallel zum Sport.

Tabea Waßmuth muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn sie darauf angesprochen wird, dass sie sich in ein, zwei Jahren vielleicht „Frau Doktor“ nennt. In erster Linie definiert sich die 25-Jährige als Fußballerin, die beim VfL Wolfsburg zu den Leistungsträgerinnen und verdientermaßen zum deutschen EM-Kader gehört. Aber parallel arbeitet die Offensivspielerin nach ihrem Master-Abschluss im Fachbereich Neuropsychologie an der Universitätsmedizin Mannheim noch an ihrer Promotion. Beschäftigt sich mit Studien, bei denen Schlaganfallpatienten ein Aufmerksamkeitstraining durchlaufen. „Die Daten der Probanden werden von Mitarbeitenden erhoben, und ich kann alles auswerten“, erzählt die 25-Jährige. Sie hat an der Schnittstelle zwischen Medizin und Psychologie auch schon ein Praktikum gemacht, „später würde ich gerne in diesem Bereich arbeiten.“

Bemerkenswert: 15 Nationalspielerinnen haben ein Studium angefangen oder abgeschlossen. Einen akademischen Bildungsgrad zu erlangen, ist die Regel und nicht die Ausnahme. Linda Dallmann und Giulia Gwinn (FC Bayern) studieren Sportwissenschaften, Sara Däbritz (Olympique Lyon) Wirtschaftspsychologie, Klara Bühl (FC Bayern) Medienmanagement, Lina Magull (FC Bayern) Sportmarketing und Svenja Huth (VfL Wolfsburg) hat ein Sportmanagement-Zertifikat abgeschlossen. Auch für Laura Freigang (Eintracht Frankfurt) gehört der Gang an die Goethe-Universität zum Alltag, sie hatte mit 18 Jahren mit einem Sportstipendium an der Pennsylvania State University in den USA studiert. „Ich gehe mit mehr Elan ins Training, wenn ich nicht den ganzen Tag vorher an Fußball gedacht habe“, sagt die 24-Jährige.

Lea Schüller (FC Bayern) hat sich für ein Fernstudium in Wirtschaftsingenieurwesen entschieden. „Für mich wäre das gar nichts, einfach nur Fußball zu spielen und danach zuhause rumzuhängen“, sagt die 24-Jährige. Die Stürmerin kann sich später einen Job im Automobil- oder Architekturbereich vorstellen. „Ich weiß nur nicht, wie es ist, erst mit 30 oder 35 in die Berufswelt einzusteigen.“ Aber immerhin hat sie einen Plan für die Zeit danach.

Fast keine, die sich nicht bereits ein zweites Standbein aufbaut. Vermehrt kommt auch der Wunsch auf, nach der Karriere als Trainerin zu arbeiten. Marina Hegering wechselt jetzt auch deshalb zum VfL Wolfsburg, weil der 32-Jährigen in ein oder zwei Jahren eine Stelle im Trainerstab zugesichert worden ist. Die Abwehrchefin gehört zu dem Dutzend Nationalspielerinnen, die den ersten Trainerschein, die sogenannte „B-plus“-Lizenz gemacht haben. Dafür opferten Alexandra Popp, die bekanntlich lange als ausgebildete Tierpflegerin gearbeitet hat, und viele Mitspielerinnen sogar Teile des Urlaubs.

„Ich kenne nicht viele Männer, die während ihrer aktiven Karriere schon eine Trainerausbildung machen“, sagt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Die 54-Jährige spricht gerne von „tollen Persönlichkeiten“, weil sie um die Doppelbelastung weiß. „Dass viele Spielerinnen studieren, liegt daran, dass sie die duale Karriere noch immer brauchen. Sie können es sich schlicht nicht leisten, erst nach der Fußballkarriere zu schauen, wie es weitergeht. So viel Geld werden sie nicht verdient haben.“ Mögen die besten Nationalspielerinnen in den Topklubs mittlerweile auch fünfstellige Monatsgehälter kassieren, so bleiben die Millionengagen bei den Männern auf lange Sicht Utopie.

Dass bei den DFB-Frauen die klügeren Köpfe als bei den Männern spielen, will Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter aller Nationalmannschaften unter dem DFB-Dach, aber pauschal nicht bestätigen: „Ich möchte darin nicht unterscheiden, ob Frauen oder Männer besser oder klüger sind. Wir haben in beiden Mannschaften besondere Persönlichkeiten, die für die Gesellschaft Vorbild sein können.“ Eine ist beim Frauen-Nationalteam definitiv Lena Lattwein, Mittelfeldspielerin beim VfL Wolfsburg. Voss-Tecklenburg bekommt leuchtende Augen, wenn sie den Reifegrad der 22-Jährigen beschreibt.

Nach ihrem Traumabi (1,0) belegt die Mittelfeldspielerin Online-Kurse, um an der Uni Mannheim ihren Master in Wirtschaftsmathematik zu machen. Stochastik, Statistik, Finanzmathematik, Mikro- und Makroökonomik sind ihr ständiger Begleiter. Sie kann aber nicht nur gut rechnen, sondern auch druckreif reden. Und sie war so selbstbewusst, in der Equal-Pay-Debatte indirekt dem Tweet von Bundeskanzler Olaf Scholz zu widersprechen: „Es ist immer einfach, so was zu sagen, ohne die Einblicke zu haben, wie die Bezahlungen zustande kommen. Das Thema ist sehr komplex.“ Hörte sich fast so an, als könne sie es sofort erklären.

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