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Klopps Suche nach Identität

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Von: Hendrik Buchheister

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Hand aufs Herz für den FC Liverpool: Jürgen Klopp.
Hand aufs Herz für den FC Liverpool: Jürgen Klopp. © Steve Welsh/dpa

Der deutsche Trainer steckt nicht zum ersten Mal in der Krise mit dem FC Liverpool, aber die aktuelle ist so bedrohlich, weil nur schwer zu greifen. Über eine Sinnsuche.

Das Deprimierende an Niederlagen ist deren Eintönigkeit. „Wenn man gewinnt, kann man über fünf Millionen Dinge sprechen“, sagte etwa Jürgen Klopp vergangene Woche nach der Partie des FC Liverpool beim Premier-League-Tabellenführer Arsenal: „Dieser Spieler ist großartig, jener Spieler ist großartig.“ Klopps Problem ist allerdings, dass Liverpool nur noch selten gewinnt in diesen Tagen - vor allem in der heimischen Liga nicht. Die Bilanz: zwei Niederlagen, vier Unentschieden, nur zwei Siege. So schlecht ist Liverpool in sieben Jahren unter Klopp noch nie in eine Saison gestartet. Die Mannschaft ist Zehnter, weshalb der Trainer im Moment keine fünf Millionen Gesprächsthemen hat: „Wenn man verliert, ist es immer das Gleiche. Die Gespräche sind ein bisschen rostiger“, so Klopp.

Es ist schon immer wieder erstaunlich, wie schnell sich die Dinge im Fußball ändern. In der vergangenen Saison spielte Liverpool bis zum Schluss um alle vier möglichen Titel mit. Am Ende reichte es zu Siegen in den englischen Pokalwettbewerben. In der Meisterschaft dagegen musste Klopps Team Manchester City den Vortritt lassen, das Finale der Champions League ging gegen Real Madrid verloren. In der laufenden Saison hat Liverpool 14 Punkte Rückstand auf die Spitze.

Man City als Härtetest

Nach der Pleite bei Arsenal räumte der Trainer ein, dass seine Mannschaft im Moment kein Kandidat auf die Meisterschaft sei. Das war kein Eingeständnis, das Schlagzeilen wert sein sollte, sondern die Anerkennung der Wirklichkeit. Anstatt um Titel zu spielen, muss Liverpool die eigene Identität wiederfinden - und das am besten schnell. Nachdem sich die Mannschaft am Mittwoch in der Champions League mit dem 7:1 bei den Glasgow Rangers wieder Zutrauen in die eigene Stärke holte, wartet am Sonntag der echte Härtetest: das Duell gegen Manchester City.

Klopp erlebt in Liverpool nicht seine erste Krise. Doch anders als vor zwei Spielzeiten, als sich eine Misere mit zwischenzeitlich sechs Heimniederlagen am Stück vor allem mit der Verletzung von Abwehrchef Virgil van Dijk erklären ließ, ist die aktuelle Tristesse schwerer greifbar und deshalb auch komplizierter zu lösen. Die Mannschaft wirkt ausgelaugt nach der Vorsaison, in der sie in allen Wettbewerben die maximal mögliche Anzahl an Spielen absolvierte. Darunter leidet Liverpool. Wichtige Spieler sind außer Form. Abwehrkoloss van Dijk hat seine Unfehlbarkeit verloren. Torjäger Mo Salah spielt seit seiner Rückkehr vom Afrika-Cup im Februar wie eine schlechte Kopie. Rechtsverteidiger Trent Alexander-Arnold gelingt fast nichts mehr. Dazu gesellen sich Verletzte wie Naby Keita oder Arthur Melo. Klopp hat kaum Möglichkeiten, erschöpften Profis eine Pause zu gönnen.

Ein Stück weit war es zu erwarten, dass Liverpool in dieser Saison Probleme bekommt. Fast fünf Jahre hat die Mannschaft am Limit gespielt, sich einen spektakulären Zweikampf mit dem finanziell überlegenen Manchester City geliefert, die Champions League (2019) und die Meisterschaft (2020) gewonnen. Es ist kein Wunder, dass ein solches Niveau nicht dauerhaft zu halten ist, wenn der Kader im Kern der gleiche bleibt, wie es bei Liverpool der Fall ist. Die Mannschaft braucht einen Umbruch.

Es ist verlockend, ein Muster in der Krise sieben Jahre nach Klopps Amtsantritt erkennen zu wollen, weil seine Magie auch in Mainz und Dortmund im siebten Jahr verflog. Doch es wäre zu einfach, die Situationen gleichzusetzen. Klopp brennt für Liverpool, das hat er im Frühjahr mit seiner Vertragsverlängerung bis 2026 bewiesen, und er hat schon einmal eine Krise bei dem Verein überstanden. Nur ist die aktuelle Misere schwerer zu erklären als jene damals – und damit auch schwerer zu bewältigen.

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