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Wie im Rausch: Alex Oxlade-Chamberlain versetzt die Kop in Extase.

Champions League

Klopp entschlüsselt Pep

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Mit seinem schnellen Gegenstoßfußball zieht der FC Liverpool dem Ballbesitzfußball von Manchester City den Zahn.

Es lief schon die Nachspielzeit, ein großer Abend ging zu Ende, als es noch einmal eine Szene auf dem Rasen zu beobachten gab, die sich mit dem Drumherum zu einen stimmigen Gesamtbild fügte. Manchester City versuchte einen letzten Angriff, um doch noch zu einem Tor zu kommen gegen den FC Liverpool im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League an der Anfield Road, doch der Versuch scheiterte wie so oft, und das auf komische Weise. Der eingewechselte Raheem Sterling und Gabriel Jesus rannten sich fast über den Haufen und verloren dadurch den Ball. Die Zuschauer hielten im gleichen Moment ihre Schals nach oben und stimmten „You’ll never walk alone“ an, das Lied, das in vielen Stadien der Welt gespielt wird, aber nur hier zu Hause ist.

Manchester City, die Mannschaft von Trainer Josep Guardiola, die eine so makellose Saison spielt und am Wochenende Meister in England werden kann, wirkte vollkommen überfordert in dieser Partie, wie eine schlechte Kopie. Sie wurde bei der 0:3-Niederlage durch die Treffer von Mohamed Salah, Alex Oxlade-Chamberlain und Sadio Mané schon in der ersten halben Stunde überrumpelt, knickte ein in der rauschenden Atmosphäre an der Anfield Road – möglicherweise auch eingeschüchtert von Flaschenwürfen gegen den Mannschaftsbus bei der Ankunft am Stadion – und steht vor dem Aus im Europapokal. „Das Ergebnis ist hart, das können wir nicht abstreiten“, sagte Guardiola mit leiser Stimme, gab aber auch an, noch an das Weiterkommen zu glauben im Rückspiel kommende Woche, am Dienstag im eigenen Stadion.

Er ist nicht alleine mit der Auffassung, dass dieses Viertelfinale noch nicht entschieden ist. Auch Liverpools Trainer Jürgen Klopp warnte davor, trotz der guten Ausgangslage für seine Mannschaft schon über den Wunschgegner für das Halbfinale nachzudenken. Er erinnerte daran, wie er vor vier Jahren, in seiner Zeit bei Borussia Dortmund, das Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid 0:3 verloren hatte und diesen Rückstand im Rückspiel fast noch aufgeholt hätte. „Da hatte mir auch jeder gesagt, dass die Sache schon entschieden sei“, berichtete Klopp. Er weiß, dass der Fußball manchmal verrückt spielt, er kennt die Unwägbarkeiten dieses Sports. Und wer, wenn nicht Manchester City, in der Liga mit 18 Punkten Vorsprung auf Liverpool, könnte im eigenen Haus imstande sein, einen 0:3-Rückstand noch zu drehen?

Die Erkenntnisse aus dem Treffen an der Anfield Road können Klopp allerdings optimistisch stimmen. Das Beeindruckendste an Liverpools Auftritt war nicht einmal die Wucht, mit der die Mannschaft den Gegner überrannte. Das Beeindruckendste war, wie sicher die in dieser Saison oft anfällige Defensive stand. Und das, obwohl City in der zweiten Halbzeit mehr vom Spiel hatte und den Gegner unter Dauerdruck setzte. Doch der Druck blieb wirkungslos.

Guardiolas Mannschaft fand keinen Weg durch das rote Dickicht und verzeichnete über das ganze Spiel nicht einen einzigen Schuss auf das Tor vom Ex-Mainzer Loris Karius. „Ich habe keine Ahnung, wie wir das gemacht haben“, staunte Klopp. So ist dieser 3:0-Erfolg gegen City ein noch erstaunlicheres, ein noch wertvolleres Ergebnis als das 4:3 in der Liga im Januar an gleicher Stelle. Nicht nur, weil es Liverpool die Chance auf die erste Teilnahme am Halbfinale der Champions League seit zehn Jahren eröffnet. Sondern auch, weil es einen echten Fortschritt bei der Entwicklung von Klopps Mannschaft anzeigt.

Für den Trainer war es ein persönlicher Triumph, auch wenn er das so nicht zugeben würde. Er festigte seinen Ruf als Angstgegner Guardiolas, als einziger Besitzer eines Gegenmittels gegen den Fußball des Übungsleiters aus Katalonien. Die Partie war das 13. Aufeinandertreffen der beiden Kollegen, die sich in vergangenen Bundesliga-Tagen mit Dortmund und dem FC Bayern gegenüberstanden, sieben Spiele davon gewann Klopp, so viele wie kein anderer Trainer gegen Guardiola. Das hat auch mit ihrer Herangehensweise zu tun. Guardiola bevorzugt ein offensives Ballbesitzspiel, das eine hoch stehende Abwehr erfordert und deshalb anfällig ist für Konter. Klopp ist Spezialist für schnelle Gegenstöße. Beim 4:3 im Januar fielen alle vier Tore mehr oder weniger aus solchen Situationen heraus, das 3:0 in der Champions League wurde durch den Kontertreffer von Salah eingeleitet.

Erstmals Kritik an Guardiola

Als Konsequenz aus der Partie sieht sich Guardiola zum ersten Mal in dieser Saison mit heftiger Kritik konfrontiert, nicht unbedingt, weil seine Mannschaft erneut an der Anfield Road kapituliert hatte, sondern wegen seiner Aufstellung. Er wich von seiner Linie ab und passte die Formation dem Gegner an, anstelle des üblichen 4-3-3-Systems wählte er eine Art 4-2-3-1, mit Kevin De Bruyne in ungewohnt defensiver Rolle und Ilkay Gündogan anstelle des in guter Form befindlichen Sterling. Das Manöver ging schief. Die „Times“ attestierte Guardiola einen „grauenhaften Fehler“ und fühlte sich bei Gündogan an „eine Feder in einer Windmaschine“ erinnert.

Ein Trost für den deutschen Nationalspieler: Er war nicht Citys einziger Profi, dem an diesem rauschenden Europapokalabend an der Anfield Road Orientierung, Gleichgewicht und Wehrhaftigkeit abhandenkamen.

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