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Klima des Misstrauens

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Von: Ingo Durstewitz, Jan Christian Müller

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Eiszeit: BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und DFL-Vorsitzende Donata Hopfen haben sich nichts mehr zu sagen. Foto:dpa
Eiszeit: BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und DFL-Vorsitzende Donata Hopfen haben sich nichts mehr zu sagen. Foto:dpa © dpa

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke übernimmt das Oberkommando über den deutschen Fußball und wird DFL-Chefin Donata Hopfen entmachten.

Der deutsche Fußball wird gerade ordentlich durchgeschüttelt und gerüttelt. Am Mittwoch ist der große Tag der Entscheidung. Es bleibt kein Stein auf dem anderen. Die erst im Januar als Nachfolgerin des vorher 17 Jahre amtierenden Christian Seifert als Chefin der Bundesliga verpflichtete Donata Hopfen dürfte dann durch den Aufsichtsrat der Deutschen Fußball-Liga (DFL) aus ihrem bis Ende 2024 laufenden Dreijahresvertrag vorzeitig beurlaubt werden. In einer weiteren Krisensitzung wird es vor allem um die Zukunft von Oliver Bierhoff gehen.

Großer öffentlicher Druck

Nur der Dortmunder Klubchef Hans-Joachim Watzke gehört bei beiden Zusammenkünften zu den Entscheidern. Im Fall Hopfen ist nach Informationen der Frankfurter Rundschau der Finger bereits ultimativ gesenkt, Bierhoff müsste seinerseits schon sehr überzeugende Argumente für eine persönliche Zukunft in Doppelfunktionen als Geschäftsführer Nationalmannschaften und Akademie vorbringen, um Watzke und den DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf zu überzeugen. Zumal der öffentliche Druck gewaltig ist. Auch Bundestrainer Hansi Flick steht auf dem Prüfstand, wird aber derzeit noch von weiten Teilen der Branche gestützt.

Bei Donata Hopfen ist das schon geraume Zeit nicht mehr der Fall. Die ehemalige Verlagsgeschäftsführerin der „Bild“-Gruppe gilt als isoliert. Große Teile der Bundesligisten folgen ihr nicht mehr, die Unzufriedenheit ist groß, die Hamburgerin hat jeden Rückhalt verloren. Es gelang ihr nie, eine Vertrauensebene zu den Klubs aufzubauen. Die Ansagen kamen von oben, was auch bei Vorgänger Seifert mitunter der Fall gewesen war. Aber da konnten die Vereinsmanager in der Regel darauf vertrauen, dass Seifert wusste, was er tat. Dieses Vertrauen hat sich Hopfen in elf Monaten nicht erarbeiten können.

Auch gab es in zugegeben schwierigen Zeiten keine wegweisenden strategischen Schritte, sieht man einmal von den von vielen Klubs mit Skepsis begleiteten Bemühungen ab, einen milliardenschweren Investor für die Ligavermarktung zu gewinnen und im nächsten Zug möglicherweise eine eigenen Streamingplattform und einen eigenen Bezahlkanal aufzubauen. Drängende Antworten auf Fragen zur 50+1-Regel, auch mit Hinblick auf das Bundeskartellamt, stehen aus. Watzke, der das Oberkommando über den deutschen Fußball übernommen hat, will jetzt die Notbremse ziehen und ist sich dabei breiter Rückendeckung gewiss.

Während im Fall Hopfen bislang kein Protagonist öffentlich sprechen möchte, sieht sich Bierhoff Fundamentalkritik ausgesetzt. So äußerte Oliver Ruhnert als Geschäftsführer von Union Berlin im „Kicker“: „Das ganze System passt einfach so nicht mehr. Wir sind im Gesamtbereich des DFB, der Direktion Nationalmannschaften schlecht aufgestellt – und das von unten bis oben.“ Bei einer Debatte über personelle Konsequenzen müsse man „auch die Führungsebene ins Auge fassen. Das muss man klar ansprechen, trotz der Verdienste in der Vergangenheit“, so Ruhnert. Oliver Bierhoff mag sich angesprochen fühlen.

Talententwicklung stockt

Ruhnert weiß einerseits, wovon er spricht. Der 51-Jährige war sechs Jahre lang Leiter der Knappenschmiede bei Schalke 04. Andererseits arbeitet er bereits fünf Jahre für Union. Der Beitrag der Ostberliner zur Nachwuchsförderung in dieser Bundesligasaison: null Prozent Einsatzzeit von Eigengewächsen in Pflichtspielen. Zum Vergleich: der SC Freiburg liegt bei 34 Prozent, Mainz 05 bei 24 Prozent, Werder Bremen als Dritter bei immerhin noch 15 Prozent, Borussia Dortmund und der FC Bayern folgen direkt dahinter.

Die Talententwicklung gehört in erster Linie in den Verantwortungsbereich der Klubs. Offenbar wird gerade in England schon seit vielen Jahren im Nachwuchs bessere Arbeit verrichtet. Der auf der Insel beim FC Chelsea ausgebildete Jamal Musiala erklärte kürzlich, er sei in England stets angehalten worden, mutig ins Dribbling zu gehen: „Play with freedom“ – „Spiele frei auf“. Vermutlich wäre der mit einigem Abstand beste deutsche Spieler bei dieser WM in einem Bundesliga-Nachwuchsleistungszentrum zur Passmaschine ausgebildet worden. Oliver Bierhoff weist schon seit mehr als einem Jahrzehnt fast gebetsmühlenartig auf die Defizite in der Ausbildung hierzulande hin.

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