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Anführer der Jugendbewegung beim DFB: Joshua Kimmich.

Nationalmannschaft

Klettermaxe Kimmich

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Die DFB-Karriereleiter ist im oberen Bereich dünn besiedelt nach zahlreichen Brüchen in den vergangenen Jahren - Joshua Kimmich ist von den Jüngeren im aktuellen Kader der einzige, der in der Hierarchie schnell nach oben gekommen ist.

Das Kalenderjahr 2019 wird als Jahr des Umbruchs in die bewegte Historie der deutschen Fußball-Nationalmannschaft eingehen. Als Saison, in der Männer um die 30 ein unfreiwilliges Ende ihrer DFB-Karriere erlebten, um Freiräume für Jüngere zu schaffen und einen Generationenkonflikt zu vermeiden. Vor dem EM-Qualifikationsspiel an diesem Samstag (20.45 Uhr, RTL) in Mönchengladbach gegen Weißrussland lässt sich noch keinesfalls seriös ermitteln, ob Bundestrainer Joachim Löw damit eine erfolgreiche Strategie verfolgt.

Die jüngere Geschichte der Nationalmannschaft ist auch eine Geschichte der Brüche. Vor der WM 2006 brach Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit Spielern wie Christian Wörns und Dietmar Hamann. Wörns war ihm zu sehr klassischer Manndecker, Hamann zu sehr Tempoverschlepper. 2010 brach Joachim Löw erst mit Torsten Frings und dann mit Michael Ballack. Er wollte die beiden auch wegen deren Alphatier-Gebaren nicht mehr. 2014 gingen Philipp Lahm, Per Mertesacker, Miroslav Klose freiwillig, zwei Jahre später folgten Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski ähnlich konfliktfrei, aber zu spät, ehe Löw im März 2019 nach Mario Gomez und Sami Khedira auch Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller den Laufpass gab.

Im Oktober folgte nun die Verlautbarung, dass der Mannschaftsrat abgeschafft ist. Aus der vormaligen Führungsebene waren sowieso nur Manuel Neuer und der wenig nach Einfluss strebende Toni Kroos übriggeblieben. Jetzt verkündete Manager Oliver Bierhoff, die neue Konstellation sei „Ausdruck von gelebten flachen Hierarchien“.

Der Spirit von Sotschi

Mit einer praktisch nicht vorhandenen Hackordnung hatte Joachim Löw im Sommer 2017 beim Confederations Cup beste Erfahrungen gemacht. Von diesem „Spirit von Sotschi“ ist einiges im aktuellen Team kompensiert worden. „Wir sind ein bunter Haufen mit geilen Typen“, findet Mittelfeldspieler Leon Goretzka, damals in Russland des Beste einer Überraschungsmannschaft aus Namenlosen. Der 24-Jährige ist ein kluger junger Mann. Er sagt: „Wir sind gesellschaftlich und im Fußball an einem Punkt angekommen, wo jeder was sagen darf. Dazu muss man nicht erst 50 Länderspiele haben.“

Bereits 46 Mal spielte Joshua Kimmich für Deutschlands A-Team. Der 24-Jährige hat sich mit seiner aus Leistung und Persönlichkeit erworbenen Autorität eine Sonderstellung unter den vielen Gleichaltrigen erworben. Als im vergangenen Monat Manuel Neuer – erste Instanz nicht nur im Tor, sondern auch außerhalb des Platzes - einmal nicht zwischen den Pfosten stand, durfte Kimmich gar die Spielführerbinde tragen. „Das“, sagt der Defensivallrounder, „hat mir viel bedeutet“. Wiewohl das Stück Stoff ihm mehrfach vom Oberarm rutschte. Kimmich witzelte danach: „Der DFB muss mal eine Binde in Größe XS herstellen.“ Aber was seine Persönlichkeit angeht, könnte die Binde nicht groß genug sein. Kimmich lebt seinen Beruf bis ins Mark. Regelmäßig wendet er sich im WhatsApp-Teamchat mit Tipps an die Mitspieler.

Auch wenn der nur 1,75 Meter große Kerl mitunter sein Aggressionspotenzial ein wenig zügeln sollte - dass Kimmich zum Anführer taugt, weiß bei den Bayern und im DFB-Team inzwischen jeder. Nach dem Abschied vieler etablierter Spieler sei „jeder, der ein bisschen länger dabei ist, ein bisschen geklettert“, berichtet Kimmich, „ich natürlich auch“. Das ist bescheiden formuliert. Während junge Männer wie Jonathan Tah oder Julian Brandt noch irgendwo am Anfang hängen, ist Klettermaxe Kimmich schon ganz weit oben auf der dort dünn besiedelten DFB-Karriereleiter. Die Wertschätzung des Bundestrainers ist ihm gewiss. Nicht von ungefähr hat Löw ihn vom der rechten Verteidiger ins zentrale Mittelfeld verschoben, eine Position, die dem langjährigen Kapitän Philipp Lahm bis ans Ende seiner Profitage als Stammplatz verwehrt blieb.

Gegen Weißrussland dürfte das Chefchen an der Seite von Toni Kroos die zentrale Umschaltstelle besetzen, über den Bierhoff hochachtungsvoll sagt: „In kritischen Momenten kann Toni Halt und Rhythmus geben. Er hat Vorbildfunktion: Viele Spieler schauen auf ihn, wie er sich verhält.“

Das taten die Jungen zuvor vor allem mit Blick auf Hummels, Boateng und Müller. „Du hast bei denen gemerkt: Sie wollten immer, sie haben es mit ihrer Körpersprache geschafft, andere mitzureißen“, erinnert sich Julian Brandt. Dieser ehemalige Bayernblock fehlt nun. Geblieben sind Neuer-Kimmich-Goretzka-Gnabry und ein ansonsten sehr heterogen besetzter Kader mit Spielern, die ohne die ellenlange Verletztenliste (Rüdiger, Kehrer, Sané, Reus, Süle, Havertz, Draxler) zu Hause geblieben wären. Eine stabile Hackordnung kann sich so kaum verfestigen, ebenso wenig wie gut funktionierende Abläufe auf höchstem Niveau. Zumal den Freiburgern Koch und Waldschmidt, dem Kölner Hector, dem Berliner Stark, dem Hoffenheimer Rudy, dem Schalker Serdar und dem nicht für die Champions League nominierten Turiner Can in dieser Saison internationale Bewährungsproben in ihren Klubs fehlen. Was bleibt, ist Ungewissheit über den wahren Leistungsstand. „Wir jungen Spieler müssen lernen, mehr in die Verantwortung zu gehen“, sagt Julian Brandt, „wenn man uns etwas Zeit gibt, kann daraus etwas Gigantisches entstehen.“

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