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Kämpft sich durch:Antonio Rüdiger.

Deutsche Nationalmannschaft

Klebstoff fürs Gemüt

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Bundestrainer Joachim Löw reagiert nach dem mühsamen 2:1-Sieg gegen ersatzgeschwächte Ukrainer auf Fundamentalkritik entspannt: „Ich stehe über den Dingen“.

Es ging vor Ort schon steil auf Mitternacht zu. Der Mannschaftsbus wartete mit laufendem Motor für den eilig vorgezogenen nächtlichen Abflug zurück vom Risikogebiet Kiew ins Risikogebiet Köln, als Joachim Löw sich ausschweifend wortreich durch das ganz persönliche Risikogebiet eines deutschen Bundestrainers im Herbst 2020 kämpfte. Als dann auch noch die ukrainische Dolmetscherin offenbar jede einzelne Silbe des 60-Jährigen übersetzte, wurde der DFB-Pressesprecher dann doch ein wenig unruhig. Denn Löw sollte ja unbedingt auch auf dem Rückflug ein Delegationsmitglied bleiben und nicht in der Ukraine zurückgelassen werden. Das gelang, weil die gute Frau kurzerhand vom dolmetschen freigestellt wurde.

Der Bundestrainer spürt gerade, dass es Erklärungsbedarf gibt, ja, sogar Rechtfertigungsdruck. Von allen Seiten kommen die Pfeile, Bastian Schweinsteiger, Lothar Matthäus, Berti Vogts, Jürgen Kohler - fast genüsslich breitgewalzt nicht nur vom Boulevard. An der allgemeinen Moll-Stimmung im Fußballland hat auch der erste Sieg im siebten Spiel der für die Deutschen zuvor so unseligen Nations League nichts geändert. Zumal das 2:1 (1:0) gegen erheblich ersatzgeschwächte Ukrainer nur noch wenig mit dem aufregenden Fußball zu tun hatte, den Löw liebt. Stattdessen: Konterabsicherung, Chipbälle in die Spitze, wo kein ausreichend korpulenter Abnehmer zugegen war, Sicherheitscheck bei jedem Querpass und eine defensive Dreierkette mit einem Hünen-Trio zur Torverhinderung.

Es gehörte nicht zum Plan, dass genau dieses Trio - Niklas Süle, Antonio Rüdiger und Matthias Ginter - nach 20 Minuten für die beste Begebenheit des Spiels verantwortlich werden sollte. Alle drei waren nach einer abgewehrten Ecke vorn geblieben, irgendwie kam der Ball zu Süle, der per Hacke auf Rüdiger weiterleitete, der sich urwüchsig in den Strafraum Richtung Grundlinie rammte und flach zur Mitte passte, wo Ginter wie weiland Miro Klose vollendete.

Später traf noch Leon Goretzka zum 2:0, sehr aufmerksam nach einem Torwartfehler, ehe Süles überflüssiges Foul und das daraus folgende 2:1 per Strafstoß die Schlusssequenz noch zur Zitterphase werden ließ. Das ist schon fast Tradition in der jüngsten DFB-Geschichte. Aber diesmal hielt Manuel Neuer in der letzten Minute der Nachspielzeit den letzten verzweifelten Schuss der Ukrainer fest.

Ein ukrainischer Ausgleich hätte vor dem Spiel am Dienstagabend (20.45 Uhr, ARD) gegen die Schweiz ganz zweifellos zu noch mehr Donnergrollen in der Heimat geführt. Ohnehin sind diejenigen Berufsnörgler, die Rudi Völler in seiner vierjährigen Teamchef-Episode als verachtenswerte „Gurus“ und „Obergurus“ fast in den Wahnsinn getrieben hätten, gerade wieder kollektiv im Vormarsch. Die Menschen im Land folgen ihnen nah bei Fuß. Selten ist die Nationalmannschaft als so unsexy wahrgenommen worden wie jetzt gerade.

Joachim Löw hat das sogar mitbekommen. Er sagt zwar, dass er gerade keine Zeitungen liest, aber zumindest lässt er sich sicher den Pressespiegel von den Medienleuten zusammenfassen. Selbst der dem Bundestrainer ansonsten freundschaftlich verbundene Bastian Schweinsteiger formulierte als ARD-Experte womöglich etwas schärfer, als er eigentlich beabsichtigt hatte: „Man kann sich nicht mehr so hundertprozentig identifizieren mit der Nationalmannschaft.“

Die Fundamentalkritik hörte sich zuletzt bei den Altvorderen Matthäus. Vogts, Kohler, Schweinsteiger verdächtig ähnlich an. Löw ist nicht der Typ, den die Vorwurfskultur kalt ließe, er tut nur so, als berühre ihn das wenig, und ja, er hat sich nach 16 Jahren im Amt auch eine Panzerschicht angelegt, die ihn schützt.

Also sagt er milde, er könne die Kritik sehr wohl einordnen, er sei dem Lothar nicht böse, er schätze dessen Meinung sogar, gleichwohl: „Ich stehe über den Dingen, was Kritik betrifft.“ Und er erinnert an den Herbst 2018, als seine Mannschaft 0:3 in den Niederlanden untergegangen war: „Im November 2018 waren wir ganz unten. Man muss sehen, wo wir herkommen.“ Da vermisst einer Respekt für seine Umbrucharbeit. Er wirkt nicht so beleidigt und zermürbt, wie dereinst Berti Vogts kurz vor dessen Rücktritt Ende des vergangenen Jahrtausends. Doch Löw spürt natürlich, dass er schon lange nicht mehr als der Weltmeistertrainer von 2014 wahrgenommen wird, sondern als mitverantwortlicher Spielverderber von 2018.

Aus der Distanz des Kokons der Hygieneblase klang sein virtuell in die Wohnzimmer der Reporter übertragener viereinhalbminütiger Monolog aus Kiew möglicherweise noch eine Spur belehrender, als das vor Ort der Fall gewesen wäre. „Ich weiß, wann ich was tue. Ich sehe das große Ganze.“ Zum großen Ganzen gehört auch: Der 60-Jährige hat einen Paradigmenwechsel vorgenommen. Interessierte ihn zwischen den Turnieren nahezu ausschließlich die Weiterentwicklung, so sagt er mittlerweile pragmatisch: „Siege sind der Klebstoff, der eine Mannschaft ausmacht.“ Pflichtsiege als Pattex fürs Gemüt.

Zwar verwehrt Löw sich dagegen, dass solche Erfolge „dreckig“ erspielt sein dürfen, aber er tut taktisch genau das, was dreckige Siege ausmacht: Hinten drin stehen drei Riesen, rechts und links verriegeln die rechtschaffenen Arbeiter Klostermann und Halstenberg dem Gegner die Laufwege, zwischen die drei Innenverteidiger lassen sich im Aufbau noch abwechselnd die Mittelfeldspieler Kimmich und Kroos fallen, vorne wird Serge Gnabry ziemlich allein auf weiter Flur gelassen. Am Ende steht ein glanzloser Sieg gegen einen Gegner, den der Bundestrainer zuvor größer geredet hat, als er in dieser Zusammensetzung auch nur annähernd war.

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