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Vertieft ins Fachblatt anno 1970: Die damaligen Nationalspieler Berti Vogts und Hannes Löhr.

Der „Kicker“ wird 100

„Kicker“: Ein guter, alter Freund

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Der „Kicker“ feiert in nicht ganz einfachen Zeiten seinen 100. Geburtstag und ist doch immer auch jung geblieben. Die Treue seiner Redakteure macht ihn so zuverlässig.

Dass es nun wieder losgeht, wenngleich nur gedimmt mit Geisterspielen, erfüllt auch das Heiligtum hiesiger Fußball-Lektüre mit neuem Leben. „Endlich“ wieder „sportlicher Wettbewerb“, schreibt der Jubilar voller „Vorfreude“ und „Sorgen“. Schwere Zeiten alldieweil: Ausgerechnet jetzt, im Jahr des 100. Geburtstages, hat der „Kicker“ den Corona-Shutdown moderieren müssen, hat den Einbruch gespürt, geächzt und gestöhnt - und atmet nun erleichtert auf: „Die Bundesliga kann zum Vorreiter werden.“ So wie auch das Sportmagazin „Kicker“ selbst immer Vorreiter geblieben ist - und sich dabei sogar neu erfunden hat.

Womöglich ist der wichtigste Neuzugang der Deutschen liebsten Fußballlektüre vor zirka 23 Jahren ein überregional nach wie vor nahezu unbekannter diplomierter Sozialökonom und Kommunikationswissenschaftler geworden. Fest steht jedenfalls: Dass sich der „Kicker“ auch im Jahr 2020 und trotz Corona-Krise (und deshalb ausfallender großen Party-Sause) noch guter Gesundheit erfreut, hat auch mit Alexander Wagner zu tun. Wagner, randlose Brille, freundlich-zurückhaltendes Lächeln, arbeitet seit 1997 in der Nürnberger Zentrale des Fachblatts, welches auch dank des 53-Jährigen nicht mehr bloß ein traditionsbehaftetes gedrucktes Magazin geblieben ist. Sondern auch ein höchst erfolgreiches digitales Produkt.

Wagner und seine Leute in der Onlineabteilung haben es geschafft, das ein wenig verstaubte Image nachhaltig aufzupolieren. Das zwar betagte, aber bestimmt noch nicht gebrechliche Geburtstagskind steht wirtschaftlich stabil auf zwei Beinen. Die Mindereinnahmen des von einer Höchstauflage von 350.000 Exemplaren auf knapp 115.000 Exemplare pro Ausgabe gesunkenen, immer montags und donnerstags erscheinenden Druckwerks ist vom Erfolg des Online-Auftrittes und des E-Papers (mitsamt Archiv aller Ausgaben bis zurück ins Bundesliga-Gründungsjahr 1963) überkompensiert worden. Fast drei Viertel der Erlöse stammen mittlerweile aus den digitalen Kanälen des Marktführers.

Herzlichen Glückwunsch, du gutes altes, liebgewonnenes Schlachtross.

Die Erstausgabe vom 14. Juli 1920. 

Als Alexander Wagner damals neu zum „Kicker“ kam, wusste niemand, ob das Internet eine neue Perspektive bieten würde. Eine Meldung pro Tag veröffentlichte das kleine Team täglich - und war stolz darauf. Mittlerweile kam der „Kicker“, in besten Monaten vor Corona, auf zehn Millionen Nutzer und 2,2 Milliarden Seitenaufrufe monatlich, Bestwerte, die es erlauben, den Onlineauftritt weiterhin nicht hinter eine Bezahlschranke zu schieben. Denn er finanziert sich dank der riesigen Reichweite durch die Werbeeinnahmen. Und verdient sogar reichlich Geld damit. Und zwar gerade deshalb, weil, so Wagner nicht ganz ohne Stolz, „wir es geschafft haben, den Markenkern des „Kicker“ in die digitalen Kanäle zu transportieren“ und gleichzeitig als „innovative Medienmarke wahrgenommen werden“.

Auch online setzen die Fußballfachleute auf Glaubwürdigkeit und pusten nicht jedes absurde Transfergerücht mit reißerischer Überschrift in die angeschlossenen Mobiltelefone. „Click-Baiting haben wir von Anfang an nicht mitgemacht, wir sind dennoch gigantisch gewachsen“, erklärt Wagner frohgemut, „in Zeiten von Fake-News ist Seriosität unser großes Qualitätsmerkmal.“

Wagner bildet seit gut fünf Jahren gemeinsam mit Rainer Franzke, dem nimmermüden, inzwischen 68 Jahre alten, sturmerprobten „Schlachtschiff“, und Jörg Jakob eine Dreifachspitze, die den „Kicker“ gemeinsam journalistisch in die Zukunft geführt hat. Um ein dichteres digitales Netzwerk zu schaffen, wurden 2014 junge, dynamische Reporter eingestellt. „Eine richtige, aber riskante Entscheidung“, erinnert sich Wagner, „denn woanders wurde journalistisches Personal abgebaut.“ Fast täglich spuckt die Kicker-App seitdem zu jedem Erstligisten eine eigene Meldung aus.

An der Spitze des Verlages im vierten Stock des Gebäudes in der Nürnberger Badstraße 4 -6 sitzen Frauen, was bemerkenswert ist, denn die Redaktion des „Kicker“ ist weitgehend eine Männerdomäne geblieben. „Auch deshalb, weil sich kaum Frauen bewerben“, wie Chefredakteur Franzke glaubhaft versichert. Die familiengeführte Olympia-Verlags GmbH wird von Bärbel Schnell als Geschäftsführerin geleitet, auch das Personal managt eine Frau. Als Herausgeber dreht der ehemalige Chefredakteur Rainer Holzschuh, 75, allwöchentlich routiniert wie sein Vorgänger Karl-Heinz Heimann die ewige Kolumne „Scheinwerfer“, die sich bei etlichen der jahrzehntelangen strukturkonservativen Leser einiger Beliebtheit erfreut, mitunter aber mit seinen kantigen Satz-Ungetümen auch unfreiwillig ungeschliffen komisch gerät.

Langgediente „Kicker“-Leser mögen es am liebsten genauso so, wie es immer schon war. Sie widmen sich der halbjährlichen „Rangliste des deutschen Fußballs“ mit dem gleichen heiligen Ernst wie die Redaktion, die über die Einstufung noch eines jeden überregional weitgehend unbekannten Linksverteidigers in den „Weiteren Kreis“ oder das „Blickfeld“ nach intensiver Debatte demokratisch abzustimmen pflegt - ehe die Ergebnisse im Stile amtlicher behördlicher Mitteilungen veröffentlicht werden. Und diese Leser goutieren ausdrücklich auch die mitunter ungnädigen Schiedsrichter-Bewertungen im Schulmeister-Stil („hat das gelbwürdige Foul von X in der 42. Minute im Mittelfeld übersehen, gelb gegen Y war zu hart“). Latente Kritik an vorgeblich dröger Diktion in der Bibel des deutschen Fußballs kontert Chefredakteur Jakob kühl: „Das Allerwichtigste ist: Die Menschen sollen uns verstehen.“

Die „Kicker“-Leute sind selbstbewusst, aber sie sind es auch gewohnt, sich rechtfertigen zu müssen. Indes wäre es über viele Maßen unfair zu behaupten, die Institution „Kicker“ sei nach wie vor das Blatt der Eckenzähler. Wenngleich den in der Datenbank sorgsam eingepflegten statistischen Werten in Einzelfällen fast religiöser Glaube geschenkt wird, hat sich die Berichterstattung tatsächlich zunehmend weg vom Spielfeld hin zu immer mehr Hintergründen und größerer Meinungsfreude entwickelt. Die Recherchen des Reporters Thomas Hennecke vor der Fast-Insolvenz von Borussia Dortmund sind Legende, längst werden Fanbelange und wirtschaftliche Zusammenhänge im „Kicker-Business“ intensiv eingebunden, sehr erfolgreich war vor Jahren eine beachtliche Serie über die Probleme der Amateurvereine, Reporter Michael Ebert hat undercover erfolgreich seine Spielerberater-Lizenz erworben und darüber spannend berichtet, Redakteur Patrick Kleinmann erschrieb sich den zweiten Preis im Deutschen Sportjournalisten-Wettbewerb mit seiner aufwühlenden Reportage 20 Jahre nach dem Angriff deutscher Hooligans auf den Gendarmen Daniel Nivel. Altmeister Rainer Franzke schnüffelt nach wie vor reichlich Exklusives aus den geheimnisvollen Verbänden DFB und DFL - und so weiter und so fort.

Was dem „Kicker“ mit seinen rund hundert Mitarbeitern in der Redaktion (inklusive Grafik und Layout) sicher erheblich journalistisch stabilisiert, ist die Treue seiner Journalisten zum Blatt. Das Magazin profitiert von kumuliert jahrhundertelanger Erfahrung. Herausgeber Holzschuh, Chefredakteur Franzke, Bayern-Chefreporter Karlheinz Wild, West-Legende Frank „Frankie“ Lußem, Schiedsrichter-Fachmann Thomas Roth - sie alle haben ihr Berufsleben dem „Kicker“ verschrieben. Auch die starken „Mittelalten“ – wie Chefreporter Oliver Hartmann, Hertha-Insider Steffen Rohr, Nord-Boss Michael Richter, Werder-Reporter Thiemo Müller, HSV-Mann Sebastian Wolff, Gladbach-Berichterstatter Jan Lustig, Stuttgart-Urgestein George Moissidis, Premier League-Experte Thomas Böker und noch viele mehr – sowie die aufstrebenden Jungen bleiben ihrem zuverlässigen Arbeitgeber bei der Stange. Eine hohe persönliche Anerkennung bei Klubs und Lesern, eine angenehme Arbeitsatmosphäre und ordentliche Bezahlung sind Rahmenbedingungen, die die Schreiber in den Außenredaktionen Peine, Köln, Offenbach und Berlin und die Macher am Nürnberger Desk bei der Stange halten.

„Kicker“-Journalisten verstehen sich nicht als Fanreporter und sind es erst Recht in diesen Zeiten nicht geworden, aber Nestwärme genießen sie schon. Längst spüren sie die zunehmende Kluft zu den Klubs, und sie leiden darunter mitunter wie Hunde ohne Trinknapf in der Sommersonne. Das macht sie in ihrer relativen Unabhängigkeit aber auch so unersetzlich. Denn die Veröffentlichungen der Vereine – selbst längst zu Medienunternehmen mit Dutzenden Mitarbeitern für Homepage, Soziale Netzwerke und Klub-TV geworden – ist interessengetrieben. Das ahnen die Fans, und sie wissen deshalb vielleicht auch, dass ein kritisches Fachblatt mit seiner distanzierten Nähe wie der „Kicker“ auf allen Kanälen umso wichtiger geworden sein sollte.

Bleib ruhig noch ein bisschen, wie du bist, alter Freund.

Walter Bensemann: Der Gründungsvater

Walther Bensemann, der Gründer des „Kicker“.

Der „Kicker“ wurde im Juli 1920 in Konstanz von Walther Bensemann gegründet und hat seit 1926 seinen Sitz in Nürnberg. Fußball-Pionier Bensemann flüchtete als von den Nazis verfolgter Jude in die Schweiz, wo er 1934 starb. Der „Kicker“ war in der NS-Zeit von Propaganda durchzogen. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das 1944 eingestellte Blatt im 1946 gegründeten Olympia-Verlag zunächst unter dem Titel „Sport“ veröffentlicht. Der „Kicker“ verblieb bis auf einen kurzen Ausflug zum Springer-Konzern stets beim Olympia-Verlag. 

Die verkaufte Auflage der Montagsausgabe beträgt 114. 721 Exemplare, ein Minus von 60 Prozent seit 1998. Digital nutzten im Februar 2020 zehn Millionen Leser den „Kicker“, durch die Corona-Krise brach die Nutzung im April um mehr als ein Drittel ein. 

Seit 1968 vergibt der „Kicker“ die Torjägerkanone an den besten Torschützen der Bundesliga. 

Zusammen mit dem Verband Deutscher Sportjournalisten ehrt der „Kicker“ jährlich die männlichen und weiblichen Fußballer des Jahres, den Trainer des Jahres und prämiert das Sportfoto des Jahres. 

Der „Kicker“ ist Partner der Deutschen Akademie für Fußballkultur. FR

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