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Von gelb auf rot für Dynamo Dresden.

Gesundheitskonzept

Bundesliga: Kernziel komplett verfehlt

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Das Beispiel Dynamo Dresden zeigt, auf welch tönernen Füßen das DFL-Konzept steht.

Im Gespräch mit ZDF-Moderator Jochen Breyer hat Christian Seifert am Samstagabend im Sportstudio tapfer versucht, Haltung zu bewahren. Wer den 51-Jährigen etwas länger und genauer kennt, hat schnell feststellen können, wie schwer das jenem selben Mann fiel, der nach dem positiven Befund der Politik unter der Woche international als „Retter der Bundesliga“ und „Vorreiter für den Profisfußball“ gefeiert worden war. Denn kurz bevor er sich auf den kurzen Weg mit dem Auto zum Mainzer Lerchenberg aufmachte, war dem Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL) Ungemach kundgetan worden: Das zuständige Gesundheitsamt in Dresden hatte laut offizieller Mitteilung „nach einer intensiven Analyse der Situation“ den gesamten Kader des ortsansässigen Zweitligisten Dynamo nach zwei weiteren Corona-Fällen just in eine zweiwöchige häusliche Quarantäne geschickt. Die Spiele in Hannover sowie eine Woche später gegen Fürth müssen verschoben werden.

Das Kernziel des medizinischen DFL-Konzepts ist damit zumindest in Dresden komplett verfehlt worden. Es zielte darauf ab, dass nur die unmittelbar vom Virus Befallenen vorübergehend vom Trainings- und Spielbetrieb suspendiert werden, nicht aber alle Spieler, Trainer und Betreuer. Seifert sagte gleichwohl im Sportstudio, er „interpretiere das nicht als Rückschlag“. Das ist mindestens eine kühne Interpretation. Denn natürlich wächst nun auch der Druck auf andere Gesundheitsämter in der Republik, sich am Dresdner Beispiel zu orientieren. „Wir haben stets darauf verwiesen, dass die Behörden den Takt vorgeben“, sagte Seifert süß-sauer.

Die beiden neuen Corona-Fälle waren das Ergebnis einer dritten Testreihe bei den Sachsen. Beim ersten Durchgangs am 2. Mai war das Virus bei einem Dresdner Profi nachgewiesen worden, der sich seit dem 3. Mai in Quarantäne befindet. Der Kleingruppentrainingsbetrieb durfte seinerzeit mit dem Plazet der Behörden noch weitergeführt werden. Bei der zweiten Testreihe am Montag, 4. Mai gab es keinen positiven Fall. Am Donnerstag wurde das komplette Mannschaftstraining aufgenommen, ehe am Freitag nochmals 42 Personen getestet wurden und am Samstag die beiden positiven Befunde aus dem beauftragten Labor aus Jena vorlagen. Mit Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Profis veröffentlichte der Tabellenletzte der Zweiten Bundesliga die Namen nicht.

Ursprünglich hatte der Kader sich am Montag abgeschottet in einer Dresdner Viersterne-Herberge in die von der DFL vor der Wiederaufnahme der unterbrochenen Saison in Team-Quarantäne begeben wollen, um dann am Sonntag in Hannover anzutreten.

Bei Dynamo verweist man darauf, sich pflichtgetreu an die DFL-Vorgaben gehalten zu haben. „Wir haben sowohl personell als auch logistisch einen enormen Aufwand betrieben, um alle vorgeschriebenen medizinischen und hygienischen Maßnahmen strikt umzusetzen“, wurde Sportgeschäftsführer Ralf Minge in der Klubmitteilung vom Samstagabend zitiert.

Nach dem bis 23. Mai währenden Hausarrest bräuchte das Team zumindest eine Woche Vorbereitung, könnte also frühestens am 30./31. Mai wieder antreten und hätte damit beim ursprünglich geplanten Saisonabschluss bis zum 30. Juni neun Begegnungen binnen eines Monats zu absolvieren, was unter Maximalbelastung gerade noch im Drei-Tages-Rhythmus zu schaffen wäre. Alternativ könnten die Planungen auch darauf hinauslaufen, die Zweitligasaison in den Juli hinein zu verlängern. Da Zweitligisten nicht noch in europäischen Wettbewerben oder im DFB-Pokal anzutreten haben, wären derartige Planungen leichter umzusetzen als in der Ersten Bundesliga.

Laut Seifert will die DFL über das weitere Vorgehen zum Wochenstart beraten. So viel stehe fest: „Wenn Dresden 14 Tage in die Quarantäne geht, ist das für den Moment noch kein Grund, die Fortführung der zweiten Liga komplett infrage zu stellen. Wir ändern nicht das Ziel, sondern nur die Pläne.“ Entsprechende Notfallszenarien sind in den Terminplan eingepreist, zumal die deutschen Bundesligen den anderen europäischen Spielklassen derzeit noch um mehrere Wochen voraus sind.

Noch betrifft der Fall Dresden nur zwei von 81 Zweitligaspielen. Seifert räumte aber auch ein: „Es gibt sicherlich eine Größe, dann ist das irgendwann nicht mehr machbar.“ Wäre etwa ein Klub wie Eintracht Frankfurt betroffen, der wegen eines Nachholspiels in Bremen und des DFB-Pokal-Halbfinals in München kaum noch Wochenspieltage freihat, wäre die Machbarkeit schon viel ärger eingeschränkt.

An der Torwand hat Christian Seifert später dreimal getroffen. Eigentlich bemerkenswert oft. Aber auch nur ein relativer Erfolg: Beim vorherigen Sportstudio-Besuch gelangen ihm vier Treffer. Zwei unten, zwei oben.

Von Jan Christian Müller

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