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Kellers Kernthemen

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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In der heutigen Büttnerstraße in Leipzig steht die Wiege des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Der Kommentar.

Es ist mittlerweile schon wieder zwei Jahrzehnte her, dass der ehemalige DFB-Präsident Egidius Braun eine Gründertafel an der einstigen Gasstätte „Zum Mariengarten“ enthüllte. In der heutigen Büttnerstraße in Leipzig steht die Wiege des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der hier am 28. Januar 1900 gegründet wurde. Getrieben vom Wunsch, für den aus England nach Deutschland geschwappten Fußballsport einen strukturierten Spielbetrieb und verbindliche Regeln einzuführen – es konnte doch nicht sein, dass Seile die obere Begrenzung der Tore bildeten. Ordentliche Holzlatten sollten es bitteschön sein. 120 Jahre später sind die Herausforderungen ganz andere.

Am Dienstag wird DFB-Präsident Fritz Keller in feierlichem Rahmen darüber sprechen. Der badische Gastronom ist angetreten, um wieder für ein Stück mehr Glaubwürdigkeit zu stehen: Der wohl nie mehr gänzlich aufzuklärende Skandal um die WM 2006 hat dem größten Einzelsportverband der Welt genauso geschadet wie die häufigen Rochaden an der Spitze.

Vermutlich dürfte der 62-Jährige auch den Bogen zum düstersten Kapitel der Geschichte schlagen, nachdem er bereits an das Holocaust-Gedenken erinnerte: Weil sich der von 1942 bis 1945 amtierende DFB-Präsident Fritz Linnemann an der Vorstufe der Deportationen von Sinti und Roma nach Auschwitz beteiligte, forderte Keller, dass diese Verbrechen niemals in Vergessenheit geraten. Gerade heute, da sich nicht mehr jeder in Deutschland daran erinnern will, mahnte Keller, der anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz eine besondere Verantwortung für den DFB verspürte.

Obgleich das 13. Oberhaupt in der DFB-Geschichte in seiner Machtfülle arg beschnitten ist, hält es ihn nicht davon ab, wieder mehr das gesellschaftliche Wirken des Verbands in den Mittelpunkt zu stellen, um Rassismus und Diskriminierung zu bekämpfen. Die Aufgaben für den Verband sind breit gefächert. Man will das letzte Lagerfeuer für die Menschen bilden, Gewaltexzesse in unteren Spielklassen eindämmen und immer auch den Leistungsgedanken im Blick behalten, um die Nationalmannschaften, Männer wie Frauen, wieder zurück an die Weltspitze bringen.

Der DFB braucht eine starke A-Nationalmannschaft allein aus wirtschaftlichen Gründen: Bei fast 400 Millionen Euro Jahresumsatz gibt sie das große Zugpferd, das die opulenten Erlöse beim Sponsoring und Spielbetrieb erst ermöglicht. Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat ein ureigenes Interesse an einer starken DFB-Auswahl; und daran, dass es noch genügend deutsche Identifikationsfiguren in der Bundesliga gibt.

Der mit großer strategischer Weitsicht gesegnete DFL-Chef Christian Seifert saß in der Findungskommission des neuen Präsidenten und hatte die Nachwuchsproblematik zur zentralen Botschaft seiner Neujahrsansprache gemacht. Keller bleiben noch genügend Kernthemen: die Wertevermittlung und Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen, die Stärkung des Ehrenamts und nicht zuletzt die Verringerung der Kluft zwischen Amateuren und Profis.

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