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Thomas Müller.

Thomas Müller

Kein Zurück für den Schleicher

  • vonHanna Raif
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Beim FC Bayern München genießt ein gut aufgelegter Thomas Müller seinen zweiten Frühling, beim DFB bleibt hingegen die EM-Tür zu.

Wie gemein der „Anschiss“ wirklich ausgefallen ist, weiß nur das Ehepaar Müller selbst. Aber schon beim Verlassen der Allianz Arena am Samstagabend sah Thomas Müller nicht so aus, als habe er wirklich Angst vor möglichen Sanktionen seiner Frau. Er hatte beim 5:0 des FC Bayern zwar nicht selbst getroffen („Kriege wieder Anschiss daheim“), aber immerhin ja ein Tor vorbereitet. Das 18. in dieser Saison, damit führt er die Statistik der Bundesliga-Vorlagengeber an. Seine Frau Lisa dürfte stolz auf ihn sein, Bayern-Trainer Hansi Flick ist das auch. Nur Joachim Löw – der nicht.

Irgendwie hat man sich seit der Verlegung der Europameisterschaft ins kommende Jahr schon gefragt, ob auch diese sowieso schon endlos scheinende Diskussion um ein DFB-Comeback nun in die Verlängerung geht. Seit gestern weiß man: Eher nicht. Denn Oliver Bierhoff zeigte sich im „kicker“ zwar erfreut darüber, „wie Thomas gerade aufspielt“, stärkte Bundestrainer Löw aber in seiner Entscheidung, auf den 30 Jahre alten Weltmeister zu verzichten. „Jogi hat sehr deutlich gemacht, dass er den Spielern, die zuletzt dabei waren und bei uns überzeugt haben, die Stange hält“, führte der DFB-Direktor aus. Bei diesem „harten Schnitt“ bleibe es auch: „Ich finde, das muss man anerkennen. Er hat den jungen Spielern sein Vertrauen ausgesprochen.“

Jung, das sind Müller und auch die zeitgleich mit ihm aussortieren Jerome Boateng (31) und Mats Hummels (31) nicht mehr. Aber sie alle eint, dass sie als Profis mit dem Beinamen „Ex-Nationalspieler“ beste Leistungen bringen. Boateng ist in der Viererkette der Bayern derzeit eine feste Größe und hat zuletzt zahlreiche Argumente für eine Vertragsverlängerung gesammelt. Hummels fungiert in Dortmund als Abwehrchef. Und Müller blüht unter Flick sowieso auf wie kein Zweiter. Seine bisherige Bestmarke von 16 Assists in der Saison 2017/18 hat er mittlerweile bereits fünf Spieltage vor Saisonende übertroffen, ein Ende des Höhenfluges ist nicht in Sicht. Löw hatte schon im Februar, als man noch von einer EM 2020 ausging, erklärt, dass die Wahrscheinlichkeit auf ein DFB-Comeback von Müller „relativ gering“ sei. Dabei bleibt es. Punkt.

Bierhoff sorgt für Klarheit

100 Länderspiele stehen für Schleicher Müller zu Buche, das ist eine runde Sache. Und trotzdem ist die Endgültigkeit der Entscheidung kaum nachzuvollziehen. Der Bundestrainer ist zwar bekannt dafür, sich Fehler nicht unbedingt gerne einzugestehen – und sein Kurs, auf die Jugend zu setzen, in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Anders als der FC Bayern, der in der Phase des Umbruchs junge Spieler fördert, ohne auf die Erfahrung und Qualität der gestandenen Profis zu verzichten, ist er – so die einhellige Meinung in der Branche – bei der Aussortierung seiner Weltmeister jedoch zu rigoros vorgegangen. Auf ein Umdenken hatte man bis vor der Corona-Pause auch in der Chefetage des FC Bayern gehofft. Nach wie vor herrscht dort Unverständnis für den Umgang mit Müller, der sich augenscheinlich im zweiten Frühling befindet.

Bierhoffs Ansage bringt nun Klarheit, ehe die Diskussion wieder anrollt. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass das Thema weiter mitschwingen wird. Bis zum Anpfiff der EM vergeht noch ein Jahr, noch länger bis zu einer möglichen Olympia-Teilnahme. Oder um in Müller-Zahlen zu sprechen: Rund 20 Vorlagen, zehn Tore – und ein paar kleine „Anschisse“ zu Hause. Aber jünger wird auch ein Müller nicht.

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