Kein Sieg von der Stange. 
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Kein Sieg von der Stange.

Frauenfußball

VfL Wolfsburg: Kein Titel vom Fließband

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Selten sind die Frauen des VfL Wolfsburg auf so viel Widerstand getroffen wie beim sechsten Pokalsieg in Folge gegen die SGS Essen.

Die eingeübten Abläufe bei einer Siegerehrung in Corona-Zeiten mögen völlig anders geworden sein, einige Rituale sind geblieben. Der Konfettiregen, in dem Lena Goeßling, Pernille Harder oder Alexandra Popp freudestrahlend im Kölner Stadion mal wieder die Trophäe für den DFB-Pokal in die Luft reckten, nachdem sie vorher mit Sicherheitsabstand durch das Spalier der mit Masken geschützten Spielerinnen der SGS Essen gegangen waren, erinnerte zunächst an Altbekanntes. Aus den Lautsprechern plärrte wie all die Jahre die VfL-Hymne „Immer nur Du“ und schnell waren angelehnt an den Songtext die dazugehörigen T-Shirts gefunden. „Titel am Fließband“ stand drauf. Nur passte der Aufdruck eigentlich gar nicht zum Ablauf.

Dieser Pokalsieg, der siebte insgesamt, der sechste in Folge, womit das vierte Double hintereinander perfekt gemacht wurde, fügte sich eben nicht ins Schema der routiniert in Akkordarbeit verrichteten Titelgewinne. Diese würden ohnehin „auf keinen Fall zur Gewohnheit“, versicherte VfL-Trainer Stephan Lerch. Dass keine gekünstelte Freude aufkam, dafür sorgte der dramatische Verlauf: 4:2 im Elfmeterschießen, nachdem Tore von Pernille Harder (11.), Anna Blässe (70.) und Dominique Bloodworth (86.) für Wolfsburg sowie Lea Schüller (1.), Marina Hegering (18.) und Irini Ioannidou (90.+1) für Essen in ein spektakuläres 3:3 nach regulärer Spielzeit gemündet hatten.

Am Sonntag trugen sich die Werksfußballerinnen im Rathaus der Autostadt ins Goldene Buch ein, am Samstag hätten sie in Köln-Müngersdorf beinahe die erste Niederlage seit dem 27. März 2019 erlitten, als das Champions-League-Viertelfinale gegen das Weltklasseteam von Olymique Lyon verloren ging.

Ihm seien „Steine vom Herzen gefallen“, berichtete Lerch. Hätte er noch Haare auf dem Kopf, unkte der gebürtige Darmstädter, wären sie ihm wohl ausgefallen, „so ist vielleicht nur mein Bart grauer geworden“. Man brauchte nur die freudig im Kreis ihrer Kolleginnen mitjubelnde Mutter Almuth Schult beobachten, um die Erleichterung zu spüren. „Da steht nicht der verdiente Sieger auf dem Podest“, stellte Hegering als beste Essenerin zunächst enttäuscht am ARD-Mikrofon fest, um ihre Aussage später in der Video-Pressekonferenz zu relativieren.

„Pure Leidenschaft und positive Energie“ seien leider nicht belohnt worden, erklärte die 30-Jährige, die bei der Siegerehrung bitter schluchzend rücklings auf dem Rasen lag. Eigentlich war der Außenseiter nach Popps Elfmeterfehlschuss schon im Vorteil, dann scheiterten Ioannidou und Nina Brüggemann an VfL-Torhüterin und Schult-Vertreterin Friederike Abt („Ich habe auf mein Gefühl gehört“). Aus Essens Trainer Markus Högner („Wir waren sehr nahe dran“) sprach viel Stolz, zum besten und spannendsten Endspiel seit der Eigenständigkeit 2010 beigetragen zu haben. Man habe vielleicht sogar ein Signal geliefert, „um diesen übermächtigen Gegner zu knacken“.

Doppelt schade, dass keine Zuschauer dabei sein konnten. „Da war das Frauen-Finale selbst im Vergleich zum Männer-Finale richtig spannend. Da war alles drin, was den Frauenfußball attraktiv macht“, sagte Siegfried Dietrich als Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen. Dass der Ausbildungsverein aus dem Essener Stadtteil Schönebeck jetzt mit Hegering und Schüller (beide FC Bayern), Lena Oberdorf (VfL Wolfsburg) und Turid Knaak (Ziel unbekannt) vier deutsche Nationalspielerinnen verliert, gefällt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nur bedingt, die um ausreichend Spielanteile ihrer Akteure bangt, die nächste Saison fast alle beim VfL Wolfsburg oder FC Bayern unter Vertrag stehen.

Der deutsche Doublegewinner muss jedoch zusehen, dass er international konkurrenzfähig bleibt. Im nächsten Monat wird in Turnierform die Women’s Champions League fortgesetzt: Wolfsburg trifft am 21. August im spanischen San Sebastián auf Glasgow City. Atletico Madrid oder FC Barcelona wären der mögliche Gegner im Halbfinale, Lyon könnte im Finale warten.

Lerch spendiert daher nur knapp drei Wochen Sommerpause, bereits für den 28. Juli ist der Trainingsauftakt angesetzt. Den Trainer reizte die Aussicht aufs zweite Triple nach 2013 am Wochenende nur bedingt. Vom Pokalfinale sichtlich geschafft, sagte der 36-Jährige: „Daran denke ich noch gar nicht. Jetzt gehen wir alle erstmal in den wohlverdienten Urlaub.“

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