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Katars System der Zweideutigkeiten

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Von: Ronny Blaschke

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Ende September macht Bundeskanzler Olaf Scholz (links) auch in Doha Station: Emir Tamim bin Hamad Al Thani freut’s.
Ende September macht Bundeskanzler Olaf Scholz (links) auch in Doha Station: Emir Tamim bin Hamad Al Thani freut’s. © Imago/APAimages

Im Nahen Osten ist Katar militärisch unterlegen, doch mit strategischen Investitionen hat das kleine Emirat mächtige Verbündete im Westen gewonnen.

In Norwegen haben Fußballfans und Spieler intensiv über einen Boykott der WM in Katar diskutiert. Lise Klaveness, Präsidentin des norwegischen Fußballverbandes, gilt als kritische Wortführerin gegen die Fifa. Was kaum zur Sprache kam: Zwischen Norwegen und Katar gibt es ein Freihandelsabkommen. Norwegische Unternehmen haben fast neun Milliarden Euro in Katar investiert, unter anderem in Meerestechnik.

„In einigen Ländern Westeuropas bewerten Journalisten und Aktivisten die WM ganz anders als ihre Regierungen“, sagt Kristian Ulrichsen, der sich am Baker Institute in Houston mit der Region am Persischen Golf befasst. „Für die Wirtschaft gilt Katar als wichtiger Partner und Investor. Es bestehen ökonomische und sicherheitspolitische Beziehungen, die lange vor der WM-Vergabe 2010 etabliert wurden und auch das Jahr 2022 überdauern werden.“ Auch Deutschland könnte bald von katarischen Gaslieferungen abhängig sein. Daraus ergibt sich folgende Frage: Wie können Organisationen aus westlichen Demokratien für Menschenrechte eintreten, ohne auf ökonomische Partnerschaften zu verzichten?

Katar bindet sich an Westen

Rund zwei Milliarden Euro dürfte Katar in europäische Fußballklubs investiert haben. Gemessen an den Gesamtinvestitionen des Emirats eine überschaubare Summe. Die „Qatar Investment Authority“, einer der größten Staatsfonds der Welt, soll in Dutzenden Ländern mehr als 350 Milliarden Euro angelegt haben. Gut ein Viertel in den USA, Großbritannien und Frankreich, drei ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates. Katar hält Anteile an Kapitalmärkten wie der Londoner Börse und an Banken wie Barclays und Credit Suisse. Auch an der US-Filmproduktion Miramax, dem Londoner Kaufhaus Harrods oder an der britischen Supermarktkette Sainsbury ist Katar beteiligt.

Katar legt sein Geld in zukunftsfähigen Branchen langfristig an. Seit der Entdeckung von einem der größten Erdgasfelder vor der katarischen Küste Anfang der 70er-Jahre hat sich Doha zu einem wichtigen Gasexporteur entwickelt. Fast sechzig Prozent der Staatseinnahmen stammen aus diesem Sektor. Doch die Zeit fossiler Rohstoffe geht mittelfristig zu Ende. „Katar will seine Wirtschaft diversifizieren“, sagt der Politikwissenschaftler Danyel Reiche von der Georgetown University in Doha. „Katar will mehr auf Dienstleistungen, Technologien und Tourismus setzen.“

Zum einen bindet sich Katar an den Westen. Seit 2003 beherbergt das Land eine der größten US-Militärbasen im Nahen und Mittleren Osten. Zudem setzt Doha auf Soft Power, auf milliardenschwere Investitionen in Mobilität, Medien, Wissenschaft und Sport. Beispiele: Die Fluglinie Qatar Airways oder der Nachrichtensender Al Jazeera. Überdies die „Education City“, ein Campus mit Außenstellen westlicher Universitäten, und die Übernahme des Fußballklubs Paris Saint-Germain.

Katar gibt Milliarden für das eigene Image aus, für PR-Agenturen, Lobbyisten und eine gewisse staatliche Flexibilität. Doha ist für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, gründete aber 2002 ein „Nationales Komitee für Menschenrechte“. Katar verzeichnet pro Kopf einen der höchsten Emissionsausstöße der Welt, veranstaltete aber 2012 die UN-Klimakonferenz in Doha. An der Northwestern University in Doha wird kritischer Journalismus gelehrt, doch das katarische Pressegesetz von 1979 gestattet dem Staat eine Vorzensur.

Dieses System der Zweideutigkeiten hat Katar zu einer Regionalmacht heranwachsen lassen. Doha förderte während der arabischen Aufstände ab 2011 die Rebellen in Ägypten, Syrien und Libyen. 2012 ließ sich der damalige Emir als erster Staatschef im Gazastreifen von der Hamas empfangen, einer Organisation, die in vielen westlichen Staaten als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Darüber hinaus hält Katar Verbindungen zur Muslimbruderschaft und gestattete den Taliban 2013 in Doha die Öffnung ihres ersten Büros außerhalb Afghanistans.

Was selten erwähnt wird: Die Fachleute im Auswärtigen Amt oder im State Department betrachten Katar in der Regel als verlässlichen Vermittler, der von eigenen Interessen geleitet wird, aber weniger von Ideologie. Auch auf Drängen Washingtons wurde der Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan bis Februar 2020 vor allem in Doha verhandelt. Bei der chaotischen Umsetzung ein halbes Jahr später half Katar bei der Evakuierung aus Kabul. „Doha wird als Mediator in Krisenregionen weiterhin gefragt sein“, sagt der Islamwissenschaftler Sebastian Sons.

Am Golf dagegen blicken andere Monarchien misstrauisch auf den Aufstieg Katars. 2017 eine neue Eskalationsstufe: Eine Allianz unter Führung Saudi-Arabiens verhängte eine wirtschaftliche Blockade über Katar und kappte diplomatische Beziehungen mit Doha. Mit Hilfe von der Türkei und dem Iran ließ der Emir Tamim bin Hamad Al Thani neue Lebensmittelimporte organisieren.

Anteile an deutschen Firmen

Auch die Bundesregierung hat ein Interesse an der Stabilität Katars. 2018, während der Blockade, empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel den Emir zu einem Wirtschaftsgipfel in Berlin. Katar gehört zu den größten Auslandsinvestoren in Deutschland, mit einem Volumen von mehr als 20 Milliarden Euro. Über seinen Staatsfonds hält Doha Anteile an Volkswagen, an der Deutschen Bank oder an der Großreederei Hapag-Lloyd.

„Deutsche Konzerne waren an großen Infrastrukturprojekten in Katar beteiligt“, sagt Kathrin Lemke, die sechs Jahre lang das Büro der deutschen Außenhandelskammer in Doha geleitet hat. Die Deutsche Bahn und Siemens beteiligten sich am Aufbau des Nahverkehrs, SAP an der Digitalisierung. Vor der Pandemie war Deutschland für Katar der drittwichtigste Handelspartner, die Exporte nach Doha erreichten einen Wert von 1,5 Milliarden Euro. 150 deutsche Firmen sind in Katar aktiv. Gerade hat der Bundesverband mittelständische Wirtschaft in Doha eine Niederlassung eröffnet.

Bis zum WM-Finale dürften Menschenrechte in Katar ein mediales Dauerthema bleiben. Doch aus der Politik ist die Kritik nicht mehr allzu laut. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine will die Bundesregierung das grundlegend ändern. Im Mai empfingen Bundespräsident und Bundeskanzler den Emir in Berlin. Ende September machte Olaf Scholz auf seiner Reise an den Golf mit einer Wirtschaftsdelegation auch in Doha Station.

Auch Anhänger:innen der „wertegeleiteten Außenpolitik“ dürften inzwischen einsehen, dass für den heimischen Wohlstand mitunter die Zusammenarbeit mit autokratischen Regimen notwendig ist. Es gibt etliche Themen, bei denen Deutschland und Katar zusammenarbeiten könnten, schreibt Sebastian Sons in seinem Buch „Menschenrechte sind nicht käuflich“. Zum Beispiel im Abfallmanagement, in der Wasseraufbereitung oder bei der Gewinnung erneuerbarer Energien. Auch der Medizinsektor wäre ein Feld: 17 Prozent der Erwachsenen in Katar leben mit Diabetes. Für die Entlastung des Gesundheits- und Pflegesystem möchte die katarische Regierung den Breitensport ausbauen. Eine Orientierung könnte das deutsche Vereinswesen bieten. Sebastian Sons: „Auch nach der WM werden wir uns weiter mit Katar arrangieren müssen.“

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