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Karawane an die Ostsee

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Von: Jan Christian Müller

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Aufbauhelfer: HSV-Sportchef Jonas Boldt (hinten) hilft Faride Alidou auf die Beine. Intern wird beim HSV aber mal wieder schön gezankt.
Aufbauhelfer: HSV-Sportchef Jonas Boldt (hinten) hilft Faride Alidou auf die Beine. Intern wird beim HSV aber mal wieder schön gezankt. © IMAGO/Lobeca

Hamburger SV Die große Sehnsucht der Fans vor dem Spiel bei Hansa Rostock.

Vor etwas mehr als einem Monat, als einer „seelenlose HSV-Truppe“ („Bild“) beim 0:1 in Kiel so gar nichts eingefallen war, schrieb der einheimische Boulevard: „Jetzt offiziell: Null Prozent Aufstiegschance für den HSV!“ Rückblickend stimmte die Rechnung. Denn seit Einführung der Dreipunkteregel ist noch nie eine Mannschaft hochgekommen, die fünf Spieltage vor Saisonende mindestens sieben Zähler Rückstand auf einen Relegationsplatz hatte. Aber dann hat der Hamburger SV einfach mal vier Spiele in Folge dreifach gepunktet - und siehe da: Vorm 34. Saisonspiel am Sonntagnachmittag bei Hansa Rostock ist der noch immer stolze Traditionsklub plötzlich und unerwartet Dritter.

Die Kartennachfrage ist enorm. HSV-Fans kaufen den Schwarzmarkt leer. Im Internet werden Tickets für bis zu 1000 Euro angeboten. Hansa droht Wucherern sogar mit Vereinsausschluss. Auf jeden Fall wird sich am Sonntagmorgen eine gewaltige Karawane aus Hamburg die knapp 200 Kilometer über die A 20 an die Ostsee aufmachen.

Denn die Fans der Rothosen lechzen noch mehr nach der Rückkehr in die Bundesliga als die von Werder Bremen oder Schalke 04. Dreimal in Folge schaffte es ein zum Ende der Zweitliga-Spielzeiten jeweils lahmender HSV nur auf Rang vier. Umso gieriger sind die mit einer Überdosis an Frustrationstoleranz ausgestatteten Anhänger:innen nun nach mehr. Sollte der untote Dino die Relegation erreichen und dort im Rückspiel am 23. Mai gegen Hertha BSC oder den VfB Stuttgart den Aufstieg schaffen, sind die Szenarien klar. „Dann“, sagt ein Kenner des Klubs, „drehen alle hier genauso durch wie gerade auf Schalke.“

Aber der neuen Hoffnung steht die innerbetriebliche Stimmung fast diametral entgegen. Trainer Tim Walter und Sportvorstand Jonas Boldt, zwei ausgewiesene Alphatiere, erscheinen maximal genervt vom sich auffällig selbstbewusst gerierenden Vorstand Thomas Wüstefeld. Der Medizin-Unternehmer hat sich mit ein paar Prozent in die HSV Fußball-AG eingekauft und macht sich gerade daran, den ganzen Laden umzukrempeln.

Unruhe im Inneren

Die Angestellten sind noch nicht einmal mittelmäßig amüsiert über das, was Wüstefeld, der wie ein Unternehmensberater auftritt, „Transformationsmodell“ nennt. Da belässt es einer offenbar nicht dabei, ein paar verkrustete Strukturen aufzubrechen, sondern alles neu zu denken. Entsprechende Nervosität inklusive. Während der neue mächtige Mann bestens mit Präsident Marcell Jansen kann, verbindet Jansen mit Sportchef Boldt eine Art Nichtverhältnis.

Es ist wieder eine Melange typisch HSV: Das gewöhnlich sehr gut informierte „Hamburger Abendblatt“ weiß, dass der Verbleib von Boldt und Trainer Tim Walter trotz der jüngsten Siegesserie ebenso „ungewiss“ ist wie die von Sportdirektor Michael Mutzel und Nachwuchsdirektor Horst Hrubesch. Der hat seinen Verbleib nämlich an Boldt geknüpft. Entschieden wird erst bei einer Sitzung des Aufsichtsrats nach Ende der Saison.

Der Ausgang ist ungewiss, vor allem dann, wenn dieser mal wieder fragile HSV die Relegation zwar noch heldenhaft erreichen sollte, dann aber scheitern würde. Für den Fall eines Aufstiegs wäre es wohl kaum darstellbar, dass Wüstefeld mit dem Aufsichtsrat daherkommt und Boldt, Walter und Hrubesch ganz nach Art des Hauses vor die Tür setzt.

In der Nordkurve prangte beim 2:1 vergangenen Samstag gegen Hannover 96 weithin sichtbar ein Plakat: „Konstanz statt Umbruch.“ Die Sehnsucht nach Kontinuität in einem der weltweit notorisch unruhigsten Traditionsklubs der Welt ist fast genauso groß wie die nach Fußball im nationalen Oberhaus. Eine Etage tiefer hat Tim Walter unverdrossen am Tim-Walter-Fußball festgehalten: Von hinten heraus wird konsequent mit Flachpassspiel agiert, lange Bolzbälle sind verpönt. In Liga zwei hat das manchmal fantastisch funktioniert. Im DFB-Pokal-Halbfinale allerdings zeigte ein gnadenlos pressender SC Freiburg, was dem HSV mit dieser wagemutigen Spielweise in der ersten Liga blühen kann. Aber Walter ist kein Mann, der deshalb seine Ideale aufgeben würde. Manch einer fürchtet sich davor.

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