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Spielt für zwei: N’Golo Kanté.
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Spielt für zwei: N’Golo Kanté.

Champions-League-Finale

N’Golo Kanté vom FC Chelsea: Der stillste Star

  • Thomas Kilchenstein
    VonThomas Kilchenstein
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Er ist klein, er ist nett, er hat Lionel Messi gestoppt – die ungewöhnliche Karriere des bescheidenen Abräumers N’Golo Kanté vom FC Chelsea.

Der große englische Fußballphilosoph Gary Lineker hat, als er einmal den Spieler N’Golo Kanté charakterisieren sollte, einen gewagten Vergleich gewählt: „Zwei Drittel der Erde werden von Wasser abgedeckt, das übrige Drittel von N’Golo Kanté.“ Dazu muss man wissen, dass der mittlerweile 30 Jahre Kanté beim Champions-League-Finalisten FC Chelsea im defensiven Mittelfeld eingesetzt wird, Spieler auf dieser entscheidenden Position gelten als Staubsauger, als jene, die das Spiel des Gegners unterbinden, die Bälle abjagen und den eigenen Angriff iniitieren, die ankurbeln und antreiben, die niemals müde werden und das ganze Feld als ihren natürlichen Lebensraum empfinden. All diese Fähigkeiten beherrscht der kleine französische Nationalspieler aus dem Effeff, vermutlich ist er aktuell der beste Sechser auf dem Planeten, ein Spieler, „den jeder gerne in seiner Mannschaft hat“, wie Chelseas deutscher Trainer Thomas Tuchel dieser Tage hervorhob.

Mehr noch. Der nur 1,68 Meter große Rechtsfuß bringt eine unglaubliche Stabilität in ein Team, er beackert praktisch jeden Zentimeter des Spielfeldes, ist ständig in Bewegung, zieht die meisten Sprints an, unermüdlich trotz 47 Pflichtspielen in dieser Saison: „Er ist der Schlüssel zu allem, er ist zwei Spieler in einem“, sagt Tuchel. Abräumer und Motor zugleich, exemplarisch belegt im Halbfinalrückspiel gegen Real Madrid: Kanté eroberte vor beiden Toren jeweils in der Defensive den Ball und startete sofort die Angriffe, die zu den Toren führten. Er hat ein unglaubliches Gespür für den Raum, läuft instinktiv richtig. „N’Golo bringt für jedes Team auf der Welt Input“, lobhudelt Tuchel, der den kleinen Rumtreiber seinerzeit schon zu Paris St. Germain holen wollte und sich wunderte, dass er unter seinem Vorgänger in London, Frank Lampard, zuweilen auf dem Flügel eingesetzt wurde, Tuchel stellte ihn sofort wieder in Zentrum. „Wenn er in Form ist“, bestätigt auch sein ehemaliger Mannschaftskamerad Eden Hazard, mittlerweile unglücklich bei Real Madrid, „hast du eine Chance von 95 Prozent, das Spiel zu gewinnen.“

Und N’Golo Kanté ist in Form. Und wie.

Curry bei Fremden

Kanté, Frankreichs Fußballer des Jahres 2017, stammt nicht aus den berühmten Nachwuchsleistungszenten, ganz im Gegenteil. Seine atemberaubende Karriere ist umso ungewöhnlicher: Mit 20 Jahren spielte er noch bei US Boulogne, sechste Liga, bei anderen unterklassigen Teams war er vorher durchgefallen. Jetzt wird er auf einen Marktwert von 55 Millionen Euro taxiert. 1980 war die Familie aus Mali nach Frankreich gekommen, der Vater schlug sich als Müllmann durch, er starb, als N’Golo elf Jahre alt war. Der Filius lebte mit acht Geschwistern in einem Pariser banlieu, in Rueil-Malmaison, oft wurde er gehänselt und beschimpft, er verlor aber nie sein fröhliches Wesen. Nach der Schule, die er mit dem französischen Abitur beendete, begann er eine Lehre als Buchhalter, erst mit 22 Jahren wechselte er in die erste französische Liga, zu SM Caen. Da begann seine Profikarriere, 2016 schloss er sich Leicester City an und wurde gleich sensationell Meister, im Team mit Riyad Mahrez, seinem besten Freund, heute Abend im Finale im Sturm von Gegner Manchester City unterwegs. 2017 ging er für 35 Millionen Euro zum FC Chelsea, ein Jahr später wurde er in Russland mit der Equipe tricolore Weltmeister, Les Bleus bezwangen im Finale  Kroatien, hinterher stimmte das halbe Stadion den Chanson von Joe Dassin („Aux Champs Elysees“) an: „Il est petit, il est gentil, il va bouffer Lionel Messi“ – „er ist klein, er ist nett, er hat Lionel Messi gestoppt.“ Und die ganze Welt sah, wie unangenehm ihm diese Lobeshymnen in aller Öffentlichkeit war. Im Rampenlicht stehen mag er gar nicht.

Denn N’Golo Kanté, ein Spieler „mit dem Kopf eines Ingenieurs und dem Herzen eines Marathonläufers“, wie ein französischer Kommentator urteilte, ist trotz seiner Popularität und seines zweistelligen Millionengehaltes gesegnet mit einer kaum glaublichen Bescheidenheit, er ist demütig, höflich und bodenständig, fast „scheu, einer der ganz leisen Töne“, wie Tuchel sagt. „Ich war schon immer diskret und introvertiert“, sagte der Profi in einem seiner seltenen Interviews. In London kurvt er, der nie auf sein Lächeln verzichtet, mit einem Mini Cooper durch die Straßen. Einmal, als er seinen Zug nach Paris verpasste, hat der gläubige Muslim in London eine Moschee besucht, um zu beten. Natürlich ist er erkannt worden, wurde nach Hause eingeladen – und nahm die Einladung der Fans prompt an. Er aß mit der fremden Familie zu Abend ein Curry, spielte Fifa und guckte gemeinsam bei BBC die Spielzusammenfassungen.

„Manchmal sagen wir“, berichtete dieser Tage ein Chelsea-Mitspieler, „wir müssen heute nicht verteidigen, wir haben ja N’Golo“. Vielleicht ist das fürs Spiel gegen Manchester City heute Abend nicht ganz die richtige Taktik, sie zeigt aber die übergroße Wertschätzung, die der allseits beliebte N’Golo Kanté genießt.

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