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Comeback in Bayern-Farben? Oliver Kahn bereitet offenbar seine Rückkehr nach München vor.

Oliver Kahn

Der Kandidat

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Der frühere Münchner Kapitän Oliver Kahn könnte beim FC Bayern ein Führungsamt übernehmen , die Frage ist nur, welches?

Die Fernsehjournalistin Dunja Hayali hat den Ruf, eine hartnäckige Nachfragerin zu sein und keine Furcht zu kennen, wenn es einem Thema dient, das ihr wichtig ist. Neulich aber zeigte sie sich als Moderatorin des ZDF-Sportstudios von einer ganz anderen Seite. Sie leitete ihre Recherche noch geschickt ein mit dem Hinweis, Uli Hoeneß wolle beim FC Bayern in absehbarer Zeit Platz machen für einen Nachfolger, sofern der aus dem Fußball stamme und eine menschliche Seite habe. Welche dieser Eigenschaften, fragte sie ihren Gesprächspartner, treffe auf ihn denn nicht zu? Doch als der Gast sich mit einem arg unverbindlichen „Alles zu seiner Zeit“ aus der Affäre zu retten versuchte, tat Dunja Hayali etwas Erstaunliches. Sie gab sich damit zufrieden.

Zu ihrer Ehrenrettung muss man sagen, dass es sich bei dem Gast um Oliver Kahn handelte. Einerseits zählt er noch immer zur Sport-Prominenz, andererseits ist er als ZDF-Experte aber auch so etwas wie ein Kollege. Da bohrt man nicht schmerzhaft nach, wenn es ihm unangenehm ist und im Vorgespräch vielleicht auch schon anders vereinbart. Der Öffentlichkeit blieb zu diesem Zeitpunkt, vor knapp zwei Wochen, ein klares Statement verwehrt. Aber der Eindruck war: Da könnte sich etwas anbahnen.

Inzwischen ist klar, dass die Anbahnungsphase bereits fortgeschritten ist. Seit dieser Woche hat Kahn (49), der mit dem FC Bayern den Champions League-Titel, acht deutsche Meisterschaften und noch viel mehr gewann, offiziellen Kandidatenstatus. Wofür er kandidiert, ist dabei noch gar nicht so ganz klar. Bisher sind es nur Mutmaßungen und Indiskretionen, die die Runde machen und den Bayern in unruhigen Zeiten einen neuen Aufreger bescheren. Klar ist bloß: Die Hoeneß-Nachfolge dürfte es nicht werden.

Absage an Schalke und Köln

Der Präsident hat bei den Bayern enorme Macht, doch im Kern ist der Posten immer noch ein Ehrenamt. Für Kahn dürften andere Jobprofile interessanter sein – vor allem das des zweiten starken Mannes Karl-Heinz Rummenigge. Der steht dem Vorstand der FC Bayern München AG vor, ist 63 und besitzt einen Vertrag bis Ende 2019. Wenn rund um den Klub wieder mal vom Umbruch gesprochen wird, dem beherrschenden Thema der gesamten Branche, dann geht es nicht nur um die Mannschaft, um alternde Flügelspieler und die Antrittsschnelligkeit der Innenverteidiger. Dann geht es auch um die Frage, wer in ein paar Jahren am entscheidenden Hebel der Macht sitzen wird.

Bereits vor 15 Jahren hat Oliver Kahn dazu gesagt, er könne sich in der Chefetage „keinen besseren Mann“ vorstellen als sich selbst. Das Zitat hat nun wieder Konjunktur. Seit seinem Rücktritt 2008 ist er nie wirklich aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er hat diversen Klubs Absagen erteilt (Schalke, Köln), dem ZDF seine Expertisen zur Verfügung gestellt und dabei eine ziemlich gute Figur abgegeben und ansonsten vor allem sich selbst vermarktet (Goalplay GmbH, Titaneon Media AG). Als Unternehmer hat er viel Erfahrung gesammelt. Als Manager eines Vereins  ist er indes noch nicht in Erscheinung getreten.

Das Szenario, das nun am häufigsten bemüht wird, sieht so aus: Kahn übernimmt in naher Zukunft, vielleicht im Laufe des kommenden Jahres, das Amt eines Sportvorstandes, das seit dem Abschied von Matthias Sammer 2016 vakant ist. Nach angemessener Einarbeitungszeit könnte er Rummenigge beerben, der wiederum in den Aufsichtsrat rückt, wo Uli Hoeneß schon auf ihn warten würde.

Heikle Gemengelage 

An dieser Stelle fangen aber auch die Unwägbarkeiten an. Wie lange dauert bei einem Schwergewicht wie den Bayern die Einarbeitung? Zum Vergleich lohnt sich ein Blick auf den wichtigsten nationalen Konkurrenten. In Dortmund wird seit dem Sommer der frühere Kapitän Sebastian Kehl, sozusagen der Oliver Kahn des BVB, darauf vorbereitet, den Sportdirektor Michael Zorc zu beerben. Zorc will 2021 abtreten, er wird dann 58 sein. Die kommenden drei Jahre ist Kehl Leiter der Lizenzspielerabteilung.

Der Job, der in München zu vergeben sein wird, ist noch sehr viel komplexer als der eines Sportchefs. Es geht nicht nur um Transfers und Scouting, Trainersuche und ständige Kommunikation, es geht auch um die ganz großen Linien, die ein Vorstandsboss vorgibt. Dennoch dürften die drei Jahre, gemessen an Rummenigges Alter und Kahns Ehrgeiz, extrem großzügig bemessen sein. Hinzu kommt, dass in einem notorisch unruhigen, weltweit beachteten Verein wie dem FC Bayern ein planvoller, gemächlicher Übergang erheblich schwerer zu realisieren ist als beim westfälischen Rivalen. Schon in einer Woche, auf der Jahreshauptversammlung, wird sich zeigen, wie sehr das Thema die Mitglieder elektrisiert.

Je länger die Debatten gehen, desto stärker werden dann auch die Detailfragen in den Mittelpunkt rücken. Seine übrigen geschäftlichen Aktivitäten, ob als Botschafter eines Wettanbieters oder in seinen Firmen, würde Kahn als Bayern-Boss wohl einstellen oder sehr deutlich zurückfahren müssen. Delegieren ließen sie sich nicht. Oliver Kahns Geschäftsmodell beruht vor allem darauf, seine eigene Marke zu sein: Kahn, der Titan. In dieser Funktion dirigiert er seit einem Jahr etwa die Torhüterausbildung in Saudi-Arabien. Das sei „ein nachhaltiges Projekt, angelegt auf fünf bis acht Jahre“, hat er damals gesagt.

Aber seitdem ist viel passiert, nicht nur in München. Saudi-Arabien ist spätestens seit der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi als Unrechtsregime verrufen, zudem unterhalten die Bayern enge Beziehungen zum Emirat Katar, einem erbitterten Feind des saudischen Königshauses. Wie Kahn in dieser heiklen Gemengelage als Vereinslenker agieren könnte, werden die Bayern der Öffentlichkeit dann noch erklären müssen.

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