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Kampf der Kulturen

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Von: Günter Klein

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Die Fans Saudi-Arabiens sorgen für gute Stimmung: Hier jubeln sie nach dem Schlusspfiff mit ihren siegreichen Spielern.
Die Fans Saudi-Arabiens sorgen für gute Stimmung: Hier jubeln sie nach dem Schlusspfiff mit ihren siegreichen Spielern. © dpa

Eine Stimmungslage wie in Katar hat es bei einer WM noch nie gegeben. Ein Teil ist in Opposition getreten, der andere lässt sich mitnehmen auf die Reise ins Wunderland des Fußballs.

Immer wieder Regenbogen-Geschichten. Über den 23-jährigen Fan aus Köln, dem, als er zum Spiel Senegal gegen Niederlande wollte, sein Schweißband in den bunten Farben abgenommen wurde. Oder die Story des US-amerikanischen Journalisten Grant Wahl, den Ordnungskräfte nötigen wollten, sein T-Shirt mit der LGBTQ-Symbolik auszuziehen. Er weigerte sich, man ließ es ihn weiterhin tragen, erklärte ihm, dass man ihn nur habe schützen wollen vor möglicherweise aufgebrachten einheimischen Stadionbesuchern. Die Polizei sprach sogar eine Entschuldigung aus.

Doch am anderen Tag twitterte der Influencer Bin Nahar: „Als Katari bin ich stolz auf das, was da geschehen ist. Ich weiß nicht, wann die Westler realisieren werden, dass ihre Werte nicht universell sind. Es gibt andere Kulturen mit anderen Werten, die gleichfalls respektiert werden sollten.“ Und er fügte noch an: „Lasst uns nicht vergessen, dass der Westen nicht der Sprecher für die Menschheit ist.“

Bilanz, nachdem der erste Spieltag der Gruppenphase durch ist: Im Fußball verändert sich gerade etwas, eine Stimmungslage wie in Katar hat es bei einem WM-Turnier noch nie gegeben. Ein Teil ist in Opposition zu den Verhältnissen getreten, zum Gastgeberland, zur Fifa. Der andere Teil lässt sich mitnehmen auf die Reise ins Wunderland des Fußballs, das Fifa-Präsident Gianni Infantino beschwört. Wenn eine überdimensionierte Nachbildung des Weltpokals in den Mittelkreis gefahren wird und die Fahnen der gleich spielenden Mannschaften über den Rasen getragen werden, wenn abends dann auch noch das Licht ausgeht und alle mit den Smartphone-Bildschirmen funkeln, dann fühlt sich die WM an wie in Südafrika oder Brasilien.

Gute TV-Quoten im Ausland

Doch es fehlt etwas: Deutschland-Fans, die zu Zehntausenden aufschlagen wie in Kapstadt oder Rio, komplett in Oranje gekleidete Niederländer, die einen Zug durch die Straßen der Stadt veranstalten wie noch bei der EM 2021 durch Budapest. Es fehlen Engländer, die bei jeder Gelegenheit ihr „God Save the King“ anstimmen und die Gute-Laune-Dänen. Sie sind nur in überschaubarer Zahl vor Ort. Obwohl die WM mit dem Konzept lockt: Viel Fußball auf engem Raum, schönes Wetter. Die Kroaten, die sonst überall auftauchen – kaum im Bild der WM präsent. Auch Frankreich, Spanien: begleitet von wenigen Fans, vielleicht tausend. Nicht alle sind Touristen, viele Expats. Sie sind des Berufs wegen in Katar, leben hier – und jetzt ist halt Fußball. Eine schöne Abwechslung.

Andere Nationen liefern andere Zahlen: Das Lusail Stadium, das 88 000 Plätze bietet, war vollständig in argentinischer und saudi-arabischer Hand, als ihre Teams aufeinander trafen. Aus dem Nachbarland kommen Busse angereist. Hervé Renard, der französische Trainer von Saudi-Arabien, rief aus: „Es müssen noch mehr Fans werden.“ Marokko hat einen Tross von 20 000 Anhänger:innen. „Wir sind stolz, bei dieser WM dabei zu sein“, sagt Nationaltrainer Walid Regragui, und man kann aus dem Satz heraushören, dass er nicht versteht, wenn andere Teilnehmer diese Überzeugung nicht ausstrahlen. Er ist Araber, in seine Sätze baut er häufig ein „Inschallah“ (So Allah will) ein, und obwohl Marokko von Katar weiter entfernt ist als Deutschland, meint er: „Zum ersten Mal findet eine WM bei uns statt.“

Süd- und Mittelamerikaner, Nordafrikaner, die Saudis, sie stellen das Hauptpublikum dieser WM, auch viele Iraner sind da – wobei etliche nicht aus ihrem Heimatland angereist sind, sondern von überall her, aus den USA etwa. Hier geht es auch um eine aktuelle politische Mission: Zeigen, dass man zu den Menschen steht, die unterdrückt werden.

Die Partie mit der gedämpftesten Stimmung war bislang Frankreich gegen Australien, ein „Allez les bleus“ trotz berauschenden Spiels selten zu vernehmen. Am lautesten wurde es bei Argentinien gegen Saudi-Arabien. Die Fan-Gruppen begegneten sich freundschaftlich. Was sie eint: Sie empfinden die Veranstaltung als unbeschwert.

In Deutschland ist diese Stimmungslage gar nicht aufgekommen. Der DFB ist für die Fifa zum Que(e)rtreiber geworden, erst recht, nachdem er der einzige Verband aus Reihen der vormals acht Nationen starken One-Love-Fraktion ist, der die Agenda des Zeichensetzens weiter verfolgte. Bei den anderen drängt, seit der Ball rollt, der Sport nach vorne. Auch zu Hause. Frankreich und Spanien meldeten für die ersten Spiele höhere TV-Quoten als 2018.

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