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Alles ein bisschen unwirklich: Mainz-Profi Jean-Paul Boetius sinniert über den Spielverlauf in Kaiserslautern, während vor dem Gästeblock Fackeln der Mainzer-Fans brennen.

1. FC Kaiserslautern - FSV Mainz 05

Die Kraft des Sehnsuchtsortes Betzenberg

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An einem wilden Nachmittag wirft Kaiserslautern Mainz aus dem Pokal. FSV-Fans drehen durch.

Am Ende hätten die Bilder gegensätzlicher nicht sein können. Hier die berühmte Westkurve des Fritz-Walter-Stadions, pickepackevoll mit enthemmt jubelnden Fans, die ihrer Siegermannschaft huldigten wie Fußballgöttern, dort der Osten mit 6000 schwer frustrierten Mainzer Anhängern, die mit den Verlierern nichts zu tun haben wollten. Die Profis der Nullfünfer wurden nach der 0:2-Pokalniederlage von ihrer Kurve weggeschickt und trollten sich bald. Es war aus Sicht der Landeshauptstadt ein Nachmittag zum Vergessen, einerseits wegen des Aus‘ in Runde eins ausgerechnet beim derzeit drittklassigen Ex-Erzrivalen aus der Pfalz, dem vormals ruhmreichen 1. FC Kaiserslautern, andererseits wegen des ungebührlichen Verhaltens einer doch recht großen Zahl Mainzer Ultras. 

Die hatten schon während der gesamten Partie immer wieder Pyrotechnik gezündet, alle Ermahnungen des Stadionsprechers halfen da nicht, und schließlich passierte noch das, was im DFB-Strafenkatalog gemeinhin besonders heftig sanktioniert wird: Nach dem Lauterer Tor zum 2:0 kurz vor Schluss flogen ein rundes Dutzend Fackeln über den Zaun auf den Platz. Das Spiel musste minutenlang unterbrochen werden, die Feuerwehr brauchte Zeit zum Löschen der hartnäckigen Flammen.

Rouven Schröder lobt die Mainz-Fans trotz Pyro-Wurfgeschossen

Leuchtfeuer, das die Hand verlässt und als Wurfgeschoss genutzt wird, ist ein No Go. Das weiß jeder in der Szene. Umso erstaunlicher mutete an, dass der Mainzer Sportvorstand Rouven Schröder den Anhängern ausdrücklich ein „Kompliment“ dafür aussprach, wie „absolut vorbildlich“ sie ihre Mannschaft angefeuert hätten, und leider darauf verzichtete, im selben Atemzug den ständig zündelnden Teil davon ausdrücklich auszunehmen. 

Der Mainzer Präsident Stefan Hoffmann folgte später dankenswerterweise mit einer kritischeren Beurteilung der Vorkommnisse, Vorkommnisse nämlich, die man in dieser aggressiven Form in deutschen Fußballstadien nur noch selten sieht: „Zur Pyrotechnik gibt es keine zwei Meinungen: Das geht gar nicht. Darüber muss geredet werden. Das können wir so nicht im Raum stehen lassen.“ Hoffmann kündigte Regress bei denjenigen an, die der Fackelwürfe überführt werden könnten. Das dürfte nicht ganz einfach werden, schon gar nicht bei denjenigen, die sich zuvor maskiert hatten. Dass am Ende sogar ein großes Banner am Zaun brannte, rundete den Auftritt nach unten ab. Es wird teuer werden, so viel steht fest. Der Vorsitzende DFB-Richter Hans E. Lorenz war jedenfalls höchstpersönlich vor Ort.

Leidgeprüfte Lauterer treffen auf erfolgsverwöhnte Mainzer

Den Umgang mit Frusterlebnissen haben die leidgeprüften Lauterer Fans über die Jahre besser erlernt als die vergleichsweise erfolgsverwöhnten Mainzer. Umso größer entwickelte sich die Begeisterung auf dem traditionsreichen Betzenberg. Schon vor dem Spiel, auf dem Weg nach oben, ist die ruhmreiche Vergangenheit dieses ganz besonderen Klubs auf diesem ganz besonderen Berg allgegenwärtig. Die Rücken der Trikots der Anhänger zieren große Namen von Gestern und Vorgestern: Sippel und Dick, Kadlec und Sforza, Altintop und Klose. Die kleinen Helden von heute heißen Lennart Grill, Timmy Thiele, Manfred Starke oder Dominik Schad, der ein großes Spiel machte.

Eine halbe Stunde lang ist diesen jungen Männern nicht wohl gewesen auf dem Platz vor der gewaltigen Kulisse von 40.700 Zuschauern. Sie wurden von den Gästen hergespielt wie Schulbuben, aber Mainz verpasste es, Schärfe vor dem Tor zu entwickeln. Lieber ergötzte man sich am Kombinationsspiel, solange, bis Verteidiger Stefan Bell im Sprintduell mit Mittelstürmer Thiele zu langsam war und so nach einer guten Stunde einen Strafstoß produzierte, wenngleich einen äußert strittigen. Zu allem Mainzer Unglück trudelte der schwach geschossene Ball von Starke dann auch noch durch die imaginären Hosenträger des Mainzer Keepers Florian Müller zum 1:0 für den Underdog.

Sandro Schwarz bestellt die Mainzer Truppe zum Rapport

Der Betze bebte, und die Mainzer schafften es nicht mehr, sich zu rütteln und zu schütteln und konzentriert gegenzuhalten. Stattdessen: Schludrigkeiten, Ballverluste, fehlende Konterabsicherung, alles in allem: Fußball ohne Seriosität. Und ein Trainer Sandro Schwarz am Spielfeldrand, dem der zunehmende Ärger über die Nachlässigkeiten an der Körpersprache sehr präzise abzulesen war. Hinterher rief der Chefcoach seine Truppe geschlossen zusammen, was er selten tut, an diesem Tag aber für geboten hielt: „Ich wollte, dass wir gemeinsam in der Kabine leiden.“ Dass er am nächsten Tag beim Morgentraining nicht selber dabei sein konnte, weil er dem TV-Sender Sport 1 schon lange für den Doppelpass-Talk zugesagt hatte, kam hinzu.

Der 1. FC Kaiserslautern seinerseits will diesen Sieg nach der beachtlichen Energieleistung, garniert mit einer bärenstarken Umschaltbewegung, mehr zuordnen als bloß den Erfolg an diesem einen Nachmittag. Trainer Sascha Hildmann war der Stolz auf sein Team anzusehen: „Die Jungs haben sich in jeden Ball reingefetzt und Betze-Fußball gezeigt.“ Nicht nur er empfand den Nachmittag als „Riesengeschichte“ und „Balsam auf die Seele der Fans“. Nun will er gemeinsam mit seinen Spielern „Kraft und Selbstvertrauen“ aus diesem bemerkenswerten Nachmittag ziehen. Elfmeterschütze Starke stimmte vorbehaltlos hinzu: „Da sieht man, was möglich ist hier in Lautern, das haben wir und die Fans gemeinsam aufgesaugt.“

Der FCK hat noch einen langen Weg vor sich

Es ist ein wahrer Jammer, dass solche Tage so selten geworden sind in der Pfalz, dort, wo die Anhänger noch eine Spur anhänglicher sind als anderswo, dort, wo großer Fußball so wunderbar hinpassen würde und so lange nicht mehr zu erleben war. Ein Sehnsuchtsort, vollgestopft mit Erinnerungen und Emotionen.

Die Verzwergung des FCK ist mit diesem einen Spiel natürlich nicht gestoppt. Mainz 05 hat aus den vergangenen 15, 20 Jahren derart viel gemacht, dass dieser Tag vermutlich bloß als Betriebsunfall notiert werden muss, wenn auch vor dem Hintergrund der unschönen Bilder aus der Kurve als besonders schmerzlicher. Der 1. FC Kaiserslautern seinerseits weiß wieder, wie es sich anfühlt in einer flimmernden Atmosphäre des ganz großen Sports. Der Weg dorthin zurück ist noch lang. Aber der Erfolg im Pokal gegen Mainz 05 war größer als ein Sieg: Er hat die Kraft, die von diesem Berg ausgeht, wieder fühlbar gemacht. 

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