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Seit gestern Vergangenheit beim Hamburger SV: Jens Todt (links) und Heribert Bruchhagen.

HSV

Kahlschlag im Volkspark

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Der Hamburger SV fackelt nicht lange und entlässt Vorstandschef Bruchhagen sowie Sportdirektor Todt ? auch für Trainer Hollerbach wird die Luft dünn.

Bernd Hoffmann sah gut gelaunt aus, als er als stärkster Mann des Hamburger SV vor die kurzfristig herbeigerufene und in anschaulicher mehrfacher Mannschaftsstärke ins Volksparkstadion herbeigeeilte Reporterschar trat. Da wussten alle miteinander gerade mal seit etwas mehr als einer Stunde, dass zwei Führungskräfte aus erster und zweiter Reihe des Gerade-noch-immer-Erstligisten das Saisonende nicht mehr im gedeckten Klubanzug der Fußball-Aktiengesellschaft des Traditionsvereins erleben werden. 

Der neue Präsident Hoffmann, der am Abend zuvor in Personalunion zum Aufsichtsratsvorsitzenden befördert worden war, hatte mitsamt seiner Gefolgschaft im Kontrollgremium nicht lange gefackelt: Vorstand Heribert Bruchhagen, nach Art des Hauses HSV erst kürzlich mit einem Vertrag bis 2019 ausgestattet, wird umgehend freigestellt. Sein einzig verbliebener Vorstandskollege Frank Wettstein beurlaubte nur Minuten später am Telefon den Sportchef Jens Todt. Dass diese, im alleinigen Befugnisbereich des Vorstands liegende Personalie sozusagen auf dem Fuß folgte, zeigt die Machtfülle, die Hoffmann sich binnen weniger Wochen nach seiner Wahl bereits erworben hat.

Beide, Bruchhagen und Todt, nahmen die überraschend schnelle, aber inhaltlich erwartete Entscheidung gefasst zur Kenntnis. Zu deutlich waren die Zeichen gewesen, dass es genauso und nicht anders kommen würde. Hoffmann äußerte bezüglich der Abfindungsverhandlungen mit Bruchhagen, er sei „sicher, dass hier von keiner Seite foul gespielt wird“. Bruchhagen, der in diesem Jahr 70 wird und somit endgültig am Ende seiner bereits einmal unterbrochenen Bundesligakarriere stehen dürfte, übernahm „die Verantwortung für die sportliche Krise“.

Es dürfte auch eine Menge Ballast von dem Mann gefallen sein, der vor zwei Jahren noch in Frankfurt die Endzeitstimmung in der letzten halben Stunde der Relegation in Nürnberg verscheucht hatte. Es gibt Bilder von diesem Abend, die zeigen, welch ungeheurer Druck auf Bruchhagen damals gelegen hatte. Den ist er nun los, wenn auch anders, als der Haudegen sich das bei seinem Amtsantritt als Nothelfer vor 15 Monaten vorgestellt hatte. 

Wie wird es nun weitergehen beim HSV? Der ehrenamtliche Präsident Hoffmann sagte, es dränge ihn nicht zurück zum – gut dotierten – Vorstandsvorsitz, den er von 2003 bis 2011 bereits besetzt hatte. Finanzchef Wettstein, nun übergangsweise auch sportlich höchster Verantwortlicher im Klub, formulierte ähnlich, beide klangen dabei aber nicht so, als sei das vollkommen auszuschließen. Hoffmann stellte zudem klar, dass er beabsichtige, einen Sportvorstand mit größeren Kompetenzen einzukaufen, als Todt sie innehatte. Und er wies darauf hin, sich nicht unter Zeitdruck setzen zu lassen. 

Dass dies nicht unbedingt nötig sei, zeige das Beispiel des VfB Stuttgart im Mai 2016. Dort sei Sportvorstand Robin Dutt erst nach Saisonende gegangen, sein Nachfolger Jan Schindelmeiser erst am 8. Juli eingestellt worden. Dennoch habe der VfB eine schlagkräftige Mannschaft zusammengestellt, die umgehend den Aufstieg schaffte. Was Hoffmann geflissentlich verschwieg: Als Schindelmeiser seinerzeit verspätet kam, war der neue Trainer Jos Luhukay schon da und wurde nach kurzer Zeit entlassen. Eine Komposition, die der HSV besser vermeiden sollte.

Rückendeckung von Hoffmann und Wettstein für den erst seit Januar im Amt befindlichen Trainer Bernd Hollerbach, der auch für den Abstiegsfall einen gültigen Vertrag besitzt, gibt es nicht. Konkrete Fragen nach Hollerbachs Zukunft mündeten in unverbindlichen Antworten. Viel spricht allerdings dafür – siehe abschreckendes Beispiel Stuttgart –, erst einen neuen Sportchef zu finden und dann mit diesem gemeinsam nach dem Trainer zu fahnden. Jener Jan Schindelmeiser, der im vorvergangenen Sommer die Scherben in Stuttgart zusammengefegt und geklebt hatte, ehe der 54-jährige gebürtige Flensburger nach dem Aufstieg der Schwaben vom Hof gejagt wurde, könnte übrigens ein geeigneter Kandidat für den Posten sein.

Auch Nachwuchsdirektor Bernhard Peters, der anerkannt hervorragende Arbeit beim HSV leistet, könnte Ambitionen haben. „Ein Neustart“, sagte Hoffmann, „ist zwingend notwendig.“ Ein Abstieg „wäre die größte Zäsur in der 131-jährigen Geschichte des HSV“. Er hörte sich so an, als sei er vorbereitet. 

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