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Kaffee auf dem Gipfel

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Von: Jakob Böllhoff

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Völlig losgelöst: Freiburgs Trainer Christian Streich (l.) und Torwart Mark Flekken feiern den Sieg gegen Leverkusen.
Völlig losgelöst: Freiburgs Trainer Christian Streich (l.) und Torwart Mark Flekken feiern den Sieg gegen Leverkusen. © dpa

Der SC Freiburg erklimmt die Tabellenführung und muss feststellen, dass er gar nicht mehr so klein ist.

Vielleicht muss man sich den SC Freiburg wie ein Tier vorstellen, das auf den höchstmöglichen Punkt flüchtet, um seinem Verfolger zu entkommen. Nach dem Sieg in Leverkusen befinden die Freiburger sich auf Platz eins in der Bundesligatabelle, und am liebsten würden sie noch oben rausklettern aus der Tabelle und sich drauf setzen, mit angezogenen Beinen, damit das Abstiegsgespenst sie nicht erwischt.

Willkommen in der Europa League, lieber SC Freiburg. Wo herrliche Fluchtlichtabende gegen spannende Gegner warten und die Angst vor dem Sturz in den Abgrund. „In einem Jahr, in dem wir Europapokal spielen, geht es darum, gute Spiele im Europacup zu machen und Freiburg in der Bundesliga zu halten“, hat der Tabellenführertrainer Christian Streich nach dem glücklichen 3:2 (0:1) in Leverkusen gesagt: „Wenn das gelingt, war es ein gutes und schönes Jahr.“ Und weil er weiß, wie das klingt im Moment, und weil er das leicht ungläubige Reportergesicht gesehen hat, hat Streich angefügt: „Das ist mein vollständiger Ernst.“ Daran besteht kein Zweifel.

Zweimal in seiner Karriere als Profitrainer hat Streich sich mit den Freiburgern für Europa qualifiziert, 2013 und 2017. Beide Male hatte es zur Folge, dass ihm mehrere Schlüsselspieler abhanden kamen, abgeworben von der zahlungs- und perspektivstarken Konkurrenz. An die Folgezeit, geprägt von hartem Abstiegskampf (und letztlich dem Abstieg 2015), erinnert Streich sich heute mit kaltem Grauen.

Auch deshalb wird das SC-Urgestein nicht müde, zu mahnen und auf die Herausforderungen hinzuweisen, die so eine Saison mitbringt. Aber Streich weiß auch: Die Zeiten haben sich geändert haben. Die kleinen Freiburger sind gar nicht mehr so klein.

Es ist die Geschichte einer Entzwergung. Diesmal ist ihnen die Erfolgsmannschaft nicht um die Ohren geflogen. Diesmal ist nur ein Stammspieler verschwunden (Nico Schlotterbeck nach Dortmund), und ganz im Gegenteil hat der Sport-Club es sogar geschafft, den Kader zu verstärken. Aus Gladbach kehrte Nationalspieler Matthias Ginter zurück in seine Heimatstadt, wo er in der Innenverteidigung Schlotterbeck ersetzt. Fürs Spielerische, immer mal wieder ein Schwachpunkt in den vergangenen Jahren, kam Ritsu Doan aus Eindhoven und Daniel-Kofi Kyereh aus St. Pauli, für Wucht im Angriff der Mittelstürmer Michael Gregoritsch aus Augsburg. Wie man hört, hat der SC es zum ersten Mal überhaupt geschafft, genau die Spieler zu holen, die er auch holen wollte, und darin liegt auch eine Botschaft an die Konkurrenz: So leicht schnappt ihr uns die Spieler nicht mehr weg – nicht die, die wir schon haben, und nicht die, die wir noch wollen.

Diese Tabellenführung, so flüchtig sie sein mag am fünften Spieltag, so viel Freiburger Spielglück in ihr auch drinsteckt, ist nun auch ein Indikator für die Gesamtentwicklung im Breisgau. Nicht nur, dass da jetzt ein neues Stadion steht, das den Weg in die Zukunft weist. Die Kontinuität, die es bei der eng verwobenen Sportlichen Leitung mit dem Trainer Streich und den Sportdirektoren Jochen Saier und Klemens Hartenbach seit vielen Jahren gibt, kommt langsam auch bei der Mannschaft an. Um den harten Kern mit Urgesteinen wie dem notorisch unterschätzten Strategen Nicolas Höfler, eine Art Breisgau-Xavi, dem Linksverteidiger und Kapitän Christian Günter und Angreifer Nils Petersen brummt ein lebhaftes, dynamisches Gebilde aus Talenten und Zugezogenen. „Streichsaierhartenbach“, wie Petersen die Führung mit liebevollem Spott nennt, achten bei jedem Neuzugang penibel darauf, dass er ins soziale Gefüge des Teams passt.

„Hier sitzen regelmäßig 15, 20 Leute gemeinsam zusammen und trinken Kaffee“, hat Gregoritsch, der in Leverkusen schon sein drittes Saisontor erzielte, gerade erstaunt im „Kicker“-Interview festgestellt: „So etwas wie hier habe ich noch nicht erlebt. Dass sich Freundschaften und Kameradschaften in einer Mannschaft so entwickeln, das kannte ich bisher nur aus der Nationalmannschaft, nicht aus Vereinen.“ Dazu sei erwähnt, dass Freiburg Gregoritschs sechste Station im deutschen Profifußball ist.

Am Donnerstag beginnt die Europa League, Qarabag Agdam aus Aserbaidschan ist zu Gast. „Das ist super, die Jungs haben es verdient“, sagte Streich, der erleichtert ist über die komfortable Situation in der Bundesliga. Er weiß: Die Tabellenspitze gehört nicht zum bevorzugten Jagdrevier des Abstiegsgespenstes.

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