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Kabinenparty in Bremen

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Von: Jan Christian Müller

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Er hat gesprochen: Bundestrainer: Hansi Flick.
Er hat gesprochen: Bundestrainer: Hansi Flick. © dpa

Werder-Stürmer Niclas Füllkrug fährt mit nach Katar, Mats Hummels bleibt hingegen zu Hause. Über einen Kader zwischen Vergangenheit, Zukunft und den Zwängen der Gegenwart.

Zwei Tage lang hat sich Bundestrainer Hansi Flick mit seinen Co-Trainern Danny Röhl und Marcus Sorg, umgeben von dichtem Wald und einem Autokino, im Kempinski Hotel Gravenbruch vor den Toren von Frankfurt verschanzt. Am Abend des ersten Tages durfte Manager Oliver Bierhoff dazustoßen, am zweiten Tag die weiteren Assistenten inklusive des alten Schlachtrosses Hermann Gerland, das Flick für die bevorstehende Fußball-Weltmannschaft in seinen opulenten Mitarbeiterstab rekrutiert hat. Alsdann musste der Bundestrainer einige unangenehme Telefonate führen. Er klingelte bei Männern wie Mats Hummels, Maximilian Arnold, Julian Weigl, Anton Stach und Robin Gosens durch, um diesen mitzuteilen, dass sie am Montag nicht mit im Flieger in den Oman zum Weiterflug nach Katar sitzen werden.

Es gab aber auch angenehmere Anrufe für Flick. Zum Beispiel den beim zuvor fünf Jahre lang nicht berücksichtigten Mario Götze. Hätte Ausrichter Katar es nicht hingekriegt, diese ja ursprünglich für den Sommer 2022 geplante WM in den Winter zu verschieben, wäre über den Siegtorschützen des WM-Finals 2014 bei der Kaderbekanntgabe des DFB keine Silbe verloren worden. Weil der 30-Jährige aber derzeit in Deutschland und Europa generische Abwehrreihen wie ein Rasiermesser seziert und weil zudem Mario Reus schicksalshaft von einer Fußverletzung heimgesucht wurde und absagen musste, hopste Götze noch auf den WM-Zug, der ja in Wahrheit ein Flugzeug ist. So viel dürfte feststehen: Die Welt wird ihm auf die Füße schauen. Wenn er denn spielt. Zusagen hat Flick dem Vernehmen nach nicht gemacht, aber durchklingen lassen, dass Götze realistische Einsatzchancen besitzt. Was die persönliche Tragik von Reus angeht, der verletzungsbedingt das dritte große Turnier verpasst, kommentierte Flick: „Das tut mir weh, weil wir seine Qualität gebrauchen könnten.“

Eine ganz andere Qualität bietet der Bremer Niklas Füllkrug an, der zum 26-Mann-Kader gehört. Das war erwartet worden, zumal nach Timo Werner auch der Wolfsburger Mittelstürmer Lukas Nmecha verletzt ausfällt. Füllkrug feierte die Nominierung in einer kleinen Kabinenparty in der Werder-Kabine, die prompt viral ging. Der 29-Jährige weiß, wofür er nützlich werden könnte. „Er gibt einer Mannschaft das Vertrauen, dass sie ein Spiel in den letzten Minuten noch umbiegen kann“, befindet Flick nach Ansicht einiger Werder-Spiele.

Auch der noch immer erst 17 Jahre alte Dortmunder Youssoufa Moukoko schaffte es in den Kader, ebenso wie sein BVB-Kollege Karim Adeyemi. Beide dürften vor allem zum Lernen auch mit Blick auf die Heim-EM 2024 dabei sein. Das gilt auch für Armel Bella-Kotchap, 20 Jahre alt, beim FC FC Southampton unter Vertrag. Flick zog den kantigen Innenverteidiger Hummels vor. Der Grund: „Wir haben auf der Position viel Qualität.“ Der Bundestrainer sieht nämlich Antonio Rüdiger, Niklas Süle, Nico Schlotterbeck und Matthias Ginter auf den Positionen eins bis vier in der Innenverteidigung, als erste Backups gelten auch Thilo Kehrer und der trotz monatelanger fehlender Spielpraxis dennoch nominierte Lukas Klostermann. Kann man so sehen, muss man aber nicht.

Aber sicherlich wird auch die Frage der Teamhierarchie eine Rolle gespielt haben. Ein leibhaftiger Anführer wie Hummels nur auf der Bank, um Trinkflaschen anzureichen? Eine schwierige Vorstellung wohl auch für Flick.

Kein Zweifel bestand für den Chefcoach, dass er den wochenlang wegen eines Hüftleidens nicht spielfähigen Thomas Müller mitnimmt. Der 33-Jährige soll beim Test im Oman am kommenden Mittwoch (18 Uhr) möglichst zum Einsatz kommen, hofft der Bundestrainer. Er habe sich zuletzt im engen Austausch mit Müller befunden und sei sicher: „Er war noch nie so gut vorbereitet auf eine Weltmeisterschaft wie jetzt.“ Offenbar ist Flick der Meinung, dass die Spielpause Müller sogar gut tun könnte, zumal er der Offensivmann bei Fitnesstrainer Holger Broich in allerbesten Händen weiß. Man wird sehen.

Ohnehin hatte der Bundestrainer, wie er bei der Pressekonferenz zur Kaderbekanntgabe berichtete, zuletzt „fast eine Standleitung zu unserem Teamarzt Jochen Hahne“. Jedes Zipperlein wurde minutiös analysiert. Sollten sich am letzten Bundesligaspieltag am Wochenende (oder beim Test im Oman oder noch im Training in Katar) Spieler verletzen, kann der DFB bis 24 Stunden vor der deutschen WM-Auftaktpartie am 23. November gegen Japan noch Wechsel vornehmen.

Nicht nur für die Gegner, auch für die Gastgeber wollen die Deutschen unangenehm bleiben. Flick äußerte sich „fassungslos“ über jüngste Aussagen des katarischen WM-Botschafters Khalid Salman, der Homosexualität als „geistigen Schaden“ bezeichnete. „Da müssen wir unsere Augen und Ohren offenhalten. Wir wollen uns nicht wegducken und ganz klar auf die Missstände aufmerksam machen.“ Denn: „Vor Ort haben wir einen Hebel.“ Man muss ihn nur betätigen.

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