+
Macht sich Sorgen um den deutschen Nachwuchsfußball: Stefan Kuntz, U21-Nationaltrainer.

U21-Nationaltrainer

"Den Jungs wird zu viel abgenommen"

U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz spricht im Interview über die fehlende Bolzplatzerfahrung der Talente und die Sehnsucht nach einer neuen, starken Generation.

Herr Kuntz, nach dem WM-Debakel der deutschen Nationalmannschaft wird viel darüber gesprochen, dass beim DFB zu wenig Talente nachkommen. Teilen Sie als Trainer der U21, die heute Abend (20 Uhr/Eurosport) in Offenbach in einem Testspiel auf die niederländische Auswahl trifft, diese Meinung?
Bei der A-Nationalmannschaft sind sechs Spieler dabei, die noch U21 spielen können, da ist die Schwierigkeit noch nicht da. Aber in den Jahrgängen darunter merken wir schon Riesenunterschiede. Du hast nicht mehr sechs, acht Toptalente, sondern nur noch zwei, drei. Da muss sich was ändern.

Was meinen Sie konkret?
Es geht unter anderem um Widerstandsfähigkeit. Den Jungs wird zu viel abgenommen. Sie haben vielleicht 500 bis 1000 Konflikte weniger, als wir sie austragen mussten. Dabei geht es nicht darum, dass früher alles besser war. Wir müssen die Zeit beobachten und fragen: Wofür müssen wir Ersatz schaffen? Sollen wir beispielsweise in der U9 und U10, in der wir dreimal trainieren, sagen: Wir trainieren auch noch ein viertes oder fünftes Mal. Aber: Diese beiden Einheiten ersetzen den Bolzplatz von früher. Das heißt, Spieler unterschiedlicher Jahrgänge kommen ohne Trainer oder Betreuer zusammen, und dann heißt es freies Spiel, es gibt keine Einteilung. Ich habe auch als Jüngerer mitgespielt, musste dann im Tor anfangen gegen die Älteren. Aber es gibt noch weitere Fragen, die wir uns stellen müssen.

Welche?
Was gehört in die Ausbildung, und müssen wir Inhalte ersetzen, die heute nicht mehr da sind? Sie wissen auch, dass es mittlerweile so viel Geld zu verdienen gibt. Spieler mit 15, 16 Jahren können ja heute schon ihre Eltern versorgen. Was macht das mit einem Jungen? Da liegt schon auch Verantwortung auf den Schultern. Angefangen von Gesellschaftsthemen bis hin zur individuellen Ausbildung müssen wir uns Fragen stellen. Macht es Sinn, Punktrunden zu spielen bis zu einem gewissen Alter? Ein weiteres Thema ist auch: Was ist, wenn wir sagen, wir spielen dreimal 30 Minuten, und jeder aus dem Kader muss ein Drittel spielen? Da gehen einem nicht so viele Spieler verloren.

Ihr Vorgänger, Horst Hrubesch, hatte kürzlich kritisiert, dass der DFB zuletzt bei der Nachwuchsarbeit immer einen Schritt zu spät sei. Gilt das auch für die älteren Jahrgänge wie ihre U21?
Man muss einen Unterschied machen zwischen dem Umbruch ganz oben und den Jahrgängen darunter. Wir haben beispielsweise eine EM 2024. Dafür musst du jetzt Spieler entwickeln.

Wo muss der DFB in der Ausbildung ansetzen, um mit Nationen wie Frankreich oder England wieder mithalten zu können?
Zwei Sachen können wir nicht ändern. Gewisse genetische Veranlagungen – und als Kolonialmächte von früher haben diese Länder eine andere Art von Integration. Sie haben viele dunkelhäutige Spieler, die eine andere Athletik haben. Wir finden in diesen Ländern auch mehr soziale Brennpunkte, in denen die Möglichkeit, sich über den Fußball herauszuspielen, noch präsenter ist. Wodurch der Wille vielleicht auch noch stärker ausgeprägt ist. Das können wir nicht ändern. Wir müssen also deutschland-spezifische Lösungen finden. Aber was auch klar ist: Wir haben ein bisschen die Basisausbildung verloren. Das meinte Horst Hrubesch sicher auch. In Belgien beispielsweise spielen Fußballer bis zu einem gewissen Alter nur drei gegen drei. Wir dürfen nicht mehr alles vorgeben, die Spieler müssen selbst Lösungen finden.

Was muss ein Talent mitbringen, um den Sprung nach oben zu schaffen? Mehr als zu Ihrer aktiven Zeit?
Ja und nein. Wir haben früher auf dem zugefrorenen Weiher im Winter Eishockey gespielt, dann kam noch das Gymnasium, da hast du eine Wintersaison Basketball, eine Handball gespielt. Im Sommer warst du in der Leichtathletik-AG. Heute ist es viel konzentrierter auf Fußball.

Wenn Sie auf Ihre Zeit als 19- oder 20-Jähriger zurückblicken: Was hat sich für die Spieler von heute am meisten verändert?
Ich denke, wir haben damals mehr Freizeit gehabt. Die Spieler haben heute noch bis fünf Uhr Schule, dazu Training. Die fallen abends einfach platt ins Bett. Die Frage ist: Tut den jungen Spielern nicht ein bisschen mehr Leben gut? Die Spieler, die hier um mich sind, wollen alle mehr vom Leben erfahren.

Also leben die Spieler gar nicht so in der Blase Fußball wie oft vermutet?
Zum Teil natürlich schon. Die Jungs haben einerseits weniger Rückzugsorte, haben weniger Privatsphäre. Aber sie haben auch weniger Lebenserfahrung, da ist etwas auf der Strecke geblieben.

Nach dem WM-Aus in Russland ist die Sehnsucht nach einer neuen Generation wie der der U21-Europameister von 2009 groß. Die U21 holte 2017 den Titel. Was ist dem Jahrgang zuzutrauen?
Nehmen wir die Spiele gegen Norwegen, 1:3 und 2:1, binnen eines Jahres: Da stellen wir unglaubliche Entwicklungsschritte fest. Warum? Weil sie seitdem 30 oder 40 Spiele in ihren Vereinen gemacht haben. Maximilian Eggestein ist dafür ein gutes Beispiel. Er steht mit für den Aufschwung von Werder Bremen.

Welcher Spieler hat den größten Sprung gemacht?
Aktuell der Schalker Torwart Alexander Nübel, der zuvor ja quasi nur bei uns gespielt hat. Aber eben auch Maxi Eggestein oder ein Luca Waldschmidt. Er hat sich ja in Freiburg zu einer echten Stammplatzalternative entwickelt. Bei Nadiem Amiri aus Hoffenheim bin ich etwas traurig, dass er sich so verletzt hat, er war auf einem überragenden Weg. Auch Timo Baumgartl ist viel erwachsener geworden, er führt mit Eggestein oder Lukas Klostermann das Team.

Wie komplex ist die Aufgabe eines U21-Trainers im Gesamtgefüge – auch mit Blick auf das A-Team?
Mit Jogi Löw ist das Verhältnis sehr gut. Wir sprechen uns vor einer Nominierungsperiode ab. Aber wenn Jogi einen Spieler haben will, kriegt er ihn natürlich. Bei uns ist es immer ein großes Puzzle aus vielen einzelnen Teilchen. Aber ganz wichtig ist mir: Wer bei gleicher Leistungsstärke den größeren Teamgeist hat, bekommt den Vorzug, vielleicht sogar vor einem leicht besseren.

Interview: Jörg Moll

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion