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Einer der Wegbereiter: Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann.

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Junger Dachs wie alter Fuchs

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Im Osten wächst mit Leipzig etwas heran, das als Konkurrent um den Meistertitel ernstzunehmen ist. Der Kommentar.

Zehn Jahre lang hießen die Wintermeister der Fußball-Bundesliga entweder Bayern München (meistens) oder Borussia Dortmund (manchmal). Damals, zum Ende des Jahres 2009, als der VfL Wolfsburg noch amtierender Sommermeister war, in einer längst vergangenen Zeit also, führte Bayer Leverkusen zum Hinrundenhalali vor Schalke 04. Am Ende holten sich dennoch die Bayern den Titel. Im Dezember 2019 nun führen die als Rasenballer verkleideten Rotten Bullen aus Leipzig die Liga an. Zwei Punkte vor Mönchengladbach, vier vor den gerade nur noch leicht verzwergten Überbayern, schon sieben Zähler vor Dortmund und Schalke. Das ist mal eine Ansage.

Das Projekt Leipzig ist ein Musterbeispiel dafür, wie erstens der Geist der 50+1-Regel ausgehebelt werden kann, indem man sich mit kluger juristischer Beratung und perspektivischem Denken einen fremden Verein als Hülle für professionellen Fußball einverleibt (vor zehn Jahren den SSV Markranstädt in der Oberliga Nordost). RB Leipzig ist zudem auch beispielhaft dafür, sehr viel Geld sehr klug und konsequent zu investieren. Die klügsten Investitionen gingen dabei in die Herren Ralf Rangnick (Vordenker), Oliver Mintzlaff (Vorstandschef), Markus Krösche (Sportdirektor) und Julian Nagelsmann (Trainer). Topleute allesamt, die Wegbereiter des Fortschritts sind, dem alle anderen Klubs im Lande derzeit hinterherhecheln.

Nagelsmann, das mit weitem Abstand größte deutsche Trainertalent, hat es am Anfang bei RB nicht ganz so leicht gehabt, es war hie und da schon zarte Kritik aus der Führungsetage zu hören gewesen, nachdem im Frühherbst aus vier Heimspielen nur fünf Punkte eingeholt worden waren. Aber Nagelsmann hat unbeirrt daran festgehalten, dem typischen Leipziger Gegenpressing- und Umschaltspiel auch Elemente des Ballbesitzes hinzuzufügen und mehr Lösungen zu finden, mit Geduld gegen tief verteidigende Mannschaften anzugreifen.

Zudem agiert der immer noch erst 32 Jahre junge Dachs in seiner öffentlichen Kommunikation wie ein alter Fuchs. Ja, auch diese Klaviatur beherrscht der Trainer nahezu perfekt, glückliche Punktgewinne, wie neulich beim 3:3 in Dortmund, nutzt er geschickt, um auf die Defizite hinzuweisen und nicht etwa – wie die meisten seiner Berufskollegen – routiniert ein Füllhorn an Lob über seine Mannschaft auszuschütten. So hält man alle Antennen zur Decke gestreckt. Zudem traut Nagelsmann sich, angesichts der hohen Belastung – Leipzig ist auch in Champions League und Pokal noch dabei – regelmäßig zu rotieren. Und zwar in einer Art und Weise, die keinen großartigen Leistungsabfall nach sich zieht – auch eine Ausgeburt der guten Kaderplanung.

Leipzig mag in dieser Saison möglicherweise noch von den wiedererstarkten Bayern eingeholt werden – auf Sicht dürfte das etablierte Startup-Unternehmen sich mit seinen Finanzmitteln, seinem Innovationshunger und seiner konsequenten Ausrichtung auf junge, entwicklungsfähige Spieler zu den beiden Großen im Land gesellen. Dortmund und München sind ja nicht erst seit diesem Herbst gewarnt, dass da im Osten etwas herangewachsen ist, das als Konkurrent um den Titel ernstzunehmen ist. Für die Bundesliga kann das – ähnlich wie die hochfliegenden Pläne von Hertha BSC – nur gut sein.

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