Hat fast immer eine Antwort parat: der Leipziger Trainer Julian Nagelsmann.
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Hat fast immer eine Antwort parat: der Leipziger Trainer Julian Nagelsmann.

RB-Leipzig

Julian Nagelsmann, der Leitbulle

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Tabellenführer RB Leipzig scheint mit der Verpflichtung des jüngsten Bundesliga-Trainers Julian Nagelsmann einen Glücksgriff getätigt zu haben.

Fast eine halbe Stunde lang hat Julian Nagelsmann am Donnerstag über das Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt (Samstag 15.30 Uhr) gesprochen. Der Trainer von RB Leipzig, das war deutlich herauszuhören, hegt Respekt vor dem Gegner, auch wenn der sich gerade in anderen Tabellenregionen bewegt. „Immer noch eine interessante Mannschaft, die sehr leidenschaftlich Fußball spielt. Und ein Trainer, der viele gute Ideen hat“, lobte der 32-Jährige den einst für den Schwesterverein in Salzburg tätigen Kollegen Adi Hütter. Für Nagelsmann wird heute „das Emotionalitätsniveau“ entscheidend sein. Was das heißt? „Die Jungs dürfen nicht zu viel an Taktiken und Inhalte denken. In erster Linie zählt Bereitschaft, Gier und ein positives Ekligsein.“ Mentalität schlägt Qualität.

Ungeachtet der prächtigen Entwicklung seines energetischen Ensembles - zu dem am Freitag für kolportierte 20 Millionen Euro Ablöse Nagelsmanns Wunschspieler, der spanische U21-Europameister Dani Olmo (Dinamo Zagreb), stieß - gebe es „keine Mannschaft in der Liga, über die wir drüberfahren, nur weil wir der Tabellenführer sind.“ Da hat einer die Antennen draußen. Und eine Meisteransage wird man von diesem Coach erst hören, wenn er eine echte Chance sieht. Noch ist es nach seinem Dafürhalten zu früh. Die Hürde Frankfurt haben die Roten Bullen nun zweimal zu nehmen: In zehn Tagen geht’s an gleicher Stelle ums Weiterkommen im DFB-Pokal.

Bislang wirkt das Gebilde unter seiner Anleitung stabil wie harmonisch. Es ist keine kühne These, dass der Brauseklub gerade einen Vorsprung gegenüber dem Branchenführer besitzt, weil bei den Sachsen auch diese Personalie langfristiger geplant wurde als bei den Bayern. Nagelsmann saß zwar mal im roten Mantel auf der Tribüne in der Münchner Arena, aber trotzdem trauten sich die Bosse nicht an ihn heran. Dafür verpflichtete Leipzig mit einem Jahr Vorlauf den wohl begabtesten deutschen Fußballlehrer von der TSG Hoffenheim.

Jetzt wird der jüngste Verein mit dem jüngsten Kader vom jüngsten Trainer angeleitet – und bewegt sich noch immer innerhalb der vom Vordenker Ralf Rangnick erschaffenen Leitplanken, auch wenn die Fahrspur, auf denen Timo Werner und Kollegen so ungeheuer beschleunigen, breiter geworden ist. Mal haben sie mit Dreier-, dann mit Viererkette verteidigt; mal sichert ein Abräumer im Mittelfeld ab, dann erledigen das zwei; mal greifen drei, meist zwei, aber auch mal nur ein Stürmer an. Es ist inzwischen viel schwieriger, die RB-Strategie zu entschlüsseln. Dem Überfallkommando ist nicht mehr so einfach der Stecker zu ziehen, wie es den Bayern noch im Pokalfinale im Mai vergangenen Jahres gelang.

Weil Nagelsmann meist noch eine bessere Antwort hat. Seine Spontanität bildet sich bereits im Privatleben ab. Entschuldigt sich einer beim Bäcker, weil der ihn nicht erkannt hat, entgegnet er schon mal: „Ich bin nur Fußballtrainer, um eine Semmel zu kaufen, und nicht um mit Palmwedeln empfangen zu werden.“ Ihn als Sprücheklopfer zu verorten, trifft es nicht. Ja, er habe Talent als Trainer, aber nein, ein besserer Mensch sei er deswegen nicht. Um seine Persönlichkeit zu entwickeln, hat er sich selbst einen Coach genommen. Weil er feststellte, dass er auf Leute, die ihn nicht gut kennen, oft arrogant wirke.

Dass er für sein Alter nicht nur extrem selbstbewusst, aber auch erstaunlich lebenserfahren wirkt, hat mit zwei einschneidenden Erlebnissen in jungen Jahren zu tun. Erst musste er mit 20 die Hiobsbotschaft als Spieler beim FC Augsburg verdauen, dass wegen eines Knorpelschadens im Knie die Fortsetzung der Karriere kaum zu verantworten ist, dann beging ein halbes Jahr später sein Vater Selbstmord. „Neben den emotionalen Belastungen rund um den Tod musste ich als jüngstes von drei Kindern, das noch daheim in Issing bei Landsberg am Lech wohnte, viele Entscheidungen für die Familie, vor allem für meine Mutter treffen. Diese Tage unter hohem inneren Druck haben mir für mein Leben viel gebracht, obwohl es schöner wäre, wenn mein Papa noch heute auf der Tribüne wäre“, sagte er dem „Bundesliga-Magazin.“

Eloquenz und Intelligenz, Ambitionen und Dynamik passen perfekt zr RB-Marke. Kein Wunder, dass der Coach strategisch geschickt zum Leitbullen aufgebaut wird. Wobei Nagelsmann in der „Süddeutschen Zeitung“ einschränkte, dass er für Rollenspiele nicht zu haben ist: „Wenn der Tag kommt, an dem ich mich verstellen müsste, höre ich als Trainer auf.“

Die Fußballwelt empfindet er als sehr speziell. Dem sehr gläubigen Menschen Nagelsmann – in seiner bayrischen Heimat arbeitete er früher als Ministrant – ist es wichtig, dass seine Freunde Berufe ausüben, die nichts mit dem Profifußball zu tun haben. Und so kann er sich auch vorstellen, später noch einmal etwas ganz anderes zu tun, sollten ihm seine Frau und sein Sohn wirklich dazu drängen. Er selbst versucht, weiter andere Interessen zu pflegen. Enorm viel gibt ihm dabei das Mountainbike- und Skifahren. „Wenn ich drei Stunden in den Bergen unterwegs bin, bin ich einfach glücklich. In einem solchen Moment bekomme ich keine Anerkennung, verdiene kein Geld, sondern bin ganz bei mir.“

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