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Jule hat verstanden

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Von: Jan Christian Müller

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Hat seinen Stil verändert, nicht nur optisch: Julian Brandt.
Hat seinen Stil verändert, nicht nur optisch: Julian Brandt. © Imago

Mit jetzt 26 Jahren ist der geniale Dortmunder Fußballer Julian Brandt gereift, längst kein Wackelkandidat mehr, sondern eine stabile Stammkraft.

Es hat eine ganze Menge Leute gegeben, die mit einigem Recht fürchteten, Julian Brandt würde es schon schaffen, sein Talent verlässlich zu verschleudern. „Schickt ihn in den Zirkus“, wetterte Fachmann Marcel Reif vor nicht allzu langer Zeit. Zuletzt allerdings, pünktlich zum Heimspiel im Achtelfinale der Champions League an diesem Mittwoch gegen den FC Chelsea (21 Uhr/Dazn), lobt der einstige TV-Kommentator den Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund in hörbar hohen Tönen. Reif hält Brandt für gereift. Er steht mit dieser Ansicht keineswegs allein, was daran liegt, dass der Junge mit der schwer zu bändigenden blonden Mähne seinen Stil verändert hat. Nicht nur, was die Frisur angeht, sondern vor allem auf dem Fußballplatz.

Denn der Feingeist spielt kaum noch halbgare Schluffi-Pässe, er geht mit einer Inbrunst in die Zweikämpfe, die man bei ihm zuvor in dieser Wucht und mit dieser Hingabe allzu selten wahrnehmen konnte, und er rennt nach Ballverlusten regelmäßig mit zurück. „Jule hat sich im Laufe der Saison extrem entwickelt“, lobt sein Trainer Edin Terzic und präzisiert: „Es sind nicht nur die Laufmeter, die er macht, sondern auch die Härte, die er einbringt.“

Und ein paar Führungsqualitäten kommen inzwischen hinzu. Vorm 2:0-Sieg am Samstag in Bremen hat Brandt die letzte Ansprache vor der Mannschaft übernommen, ehe er in der Schlussphase mit einer Energieleistung das 2:0 besorgte.

„Magie und Maloche“ titelte der „Kicker“ in einem Porträt anerkennend, ein „Schönwetterspieler wird seriös“ bemerkte die „Welt“. Im Spiel nach vorn hat der gebürtige Bremer schon immer regelmäßig geniale Momente präsentiert, am Ball kann er fast alles, aber Genie und Wahnsinn lagen allzu oft zu nah beieinander. „Ich hatte viele Trainer, die ich maximal gebrochen habe“, witzelte Brandt einmal. Bundestrainer Joachim Löw gehörte zweifellos dazu. Im EM-Kader 2021 fehlte der unsichere Kantonist deshalb völlig zu Recht.

Auch bei Mitspielern, wie in der Nationalmannschaft Ilkay Gündogan, war der Ärger über eine dieser Brandt-typischen nachlässigen Aktionen, denen kein engagiertes Nachsetzen folgte, bereits Anlass für Ärger. Und die Frage wurde nicht mehr nur noch hinter vorgehaltener Hand gestellt: Kapiert der Jule es noch oder kapiert er es nie? Derzeit sieht es verdächtig danach aus: Da hat einer verstanden!

In der laufenden Saison kommt Brandt wettbewerbsübergreifend auf sieben Treffer und fünf Vorlagen. Aber der Wert für eine Mannschaft lässt sich an diesen Daten gar nicht ausreichend ablesen. Es geht um Seriosität, Effizienz und Verlässlichkeit. Mit jetzt 26 ist der Offensivmann kein Wackelkandidat mehr, sondern eine stabile Stammkraft.

Wahr ist aber auch: Der einstige Rekordmarktwert des 39-fachen Nationalspielers in Höhe von 50 Millionen Euro aus dem Sommer 2019 hat sich inzwischen fast halbiert. Brandt hat bereits an zwei Weltmeisterschaften teilgenommen. 2018 kam er auf immerhin drei Kurzeinsätze, 2022 schaffte er es nur auf die Ersatzbank. Es schien, als sollte er auch in Zukunft verzichtbar sein - im Adlertrikot und im Verein.

Das sieht man bei Borussia Dortmund inzwischen anders. Es heißt, der 2024 auslaufende Vertrag solle vorzeitig verlängert werden. Weil Brandt seit geraumer Zeit so gut performt, dürften sich mit einiger Sicherheit auch die Hoffnungen von Eintracht Frankfurt zerschlagen, einen noch ziemlich unverbrauchten Kerl für relativ kleines Geld verpflichten zu können, dem man seine Mätzchen am schönen Standort im Herzen von Europa vielleicht austreiben könnte. Doch dazu hätte Julian Brandt schlechter spielen müssen, als er das zuletzt getan hat.

Ein kluger Kerl ist er ohnehin, die TV-Sender fordern ihn nur allzu gern als Interviewpartner an, weil sie wissen, dass die Antworten oft pfiffig und intelligent sind. „Er ist extrem fit“, hat Trainer Terzic zudem festgestellt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Brandt vor einiger Zeit seine Ernährung umgestellt hat. Es stehen jetzt ein paar gesunde Sachen mehr auf dem Tisch.

Seine Wandlung vom Hallodri, der auch am eigenen Strafraum schon mal einen Rumpelpass zum Gegner spielte, zum seriösen Teamplayer erklärt er sich nicht mit einem einzigen „Hallo-Wach“-Moment. „Es gab nicht den einen Tag, an dem ich aufgewacht bin und dachte: Jetzt habe ich den Schritt gemacht.“ Es war ein Reifeprozess. Julian Brandt muss jetzt noch beweisen, dass die Entwicklung sich stabil so hält. Gegen Chelsea zum Beispiel.

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