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Im Gleichschritt marsch: Leroy Sane (rechts) und Timo Werner.

Deutschland - Russland

Jugendstil mit viel Tiefgang

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Mit Tempo und Spielwitz überzeugt die Nationalmannschaft gegen Russland ? Mats Hummels, Thomas Müller und selbst Toni Kroos könnten so auf absehbare Zeit verzichtbar werden.

Joachim Löw hatte sich im Pressekonferenzraum der Leipziger Arena lange an die Heizung gelehnt, um nach dem offiziellen Teil endlich mit Stanislaw Tschertschessow plaudern zu können. Die beiden kennen sich aus der Zeit in Innsbruck, wo sich der eine in den Anfängen seiner Trainerkarriere versuchte, während sich der andere in der Endphase seiner Spielerkarriere befand.

Diesmal sprachen die beiden Nationaltrainer am Türrahmen über eine andere Gemeinsamkeit: Beide verbleiben mit ihren Teams übers Wochenende in der sächsischen Messestadt, aus der die Weiterreise zu den letzten Pflichtspielen des Jahres erfolgt. Russland möchte in Schweden innerhalb der Nations League den Aufstieg dingfest machen, während Deutschland in Gelsenkirchen das neue Wettbewerbsformat bereits vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen die Niederlande (Montag 20.45 Uhr/ARD) nicht mehr zur richtigen Erfolgsstory umschreiben kann. Seit Freitagabend steht fest: Deutschland ist aus der Liga A der Nations League abgestiegen, weil die Niederländer gestern Frankreich in Rotterdam mit 2:0 (1:0) besiegte. Für den Bundestrainer zählte ohnehin nur: „Wir haben gegen Holland etwas gutzumachen.“ 

Ansonsten ist auch seinem Vorgesetzten Reinhard Grindel die Nations League ziemlich egal, denn für den DFB-Präsidenten steht der Erneuerungsprozess vornean. Ihn habe der Auftritt in der mit 35.288 Zuschauern dann noch einigermaßen gefüllten Kühlbox in Leipzig „ein bisschen an die Confed-Cup-Gruppe erinnert“.

Grindel: „Dieses Gesicht der neuen Mannschaft entwickelt sich jetzt langsam. Das stimmt einen zuversichtlich.“ Sollte im Umkehrschluss heißen: Löw setzt seinen verspäteten Reformwillen mit einer im Schnitt nur noch 24,46 Jahre alten Mannschaft bitte schön im neuen Jahr fort. Weil nur dann Tempo und Spielwitz, Unbekümmertheit und Verve wieder zum Erkennungsmerkmal werden.

Löws Kollege hatte ein wenig geholfen, dass ein deutsches Publikum vor lauter Freude mal wieder Wellen über die Ränge schwappen ließ. „Wir waren in der ersten Halbzeit auf das Tempo der deutschen Mannschaft nicht gut vorbereitet“, gestand Tschertschessow nach der 0:3-Niederlage ein, wobei doch die Zeiten längst vorbei sind, dass russische Kicker bei Deutschland-Dienstreisen vor lauter Shopping vergessen, warum sie eigentlich hier sind. Eine Halbzeit lang lief die Sbornaja dem deutschen Hochgeschwindigkeitsfußball hinterher wie Touristen einem Fremdenführer an der Nikolaikirche. 

„In der ersten Halbzeit haben wir ein sehr gutes Tempo gespielt. Wir haben versucht, die erste und zweite Reihe der Russen zu überspielen und eine Dynamik aufzubauen. Zwei der drei Tore waren sehr gut herausgespielt“, analysierte Löw in einem fast staatsmännischen Tonfall. Leroy Sané (8.) und der überragende Serge Gnabry (40.) legten Zeugnis davon ab, dass die Jungspunde auf ihren rasanten Füßen auch Tore schießen können. Löw sagte, er habe speziell von der Offensive „den Killerinstinkt“ sehen wollen. Den bewies zudem der aufgerückte Abwehrchef Niklas Süle, der das zwischenzeitliche 2:0 (25.) besorgte. Der Premierentorschütze im DFB-Dress war froh, dass er nicht selbst gegen das Trio Sané-Gnabry-Werner antreten musste. „Vorne“, sagte Süle, seien „drei Mopeds“ unterwegs. 

Zu diesem schnellen Jugendstil mit viel Tiefgang gibt es eigentlich keine Alternative. Gleichwohl wollte Löw seinen Stürmern noch keine Einsatzgarantie für den Jahresabschluss auf Schalke geben. Marco Reus soll vielleicht am Sonntag wieder trainieren, dann will der 58-Jährige über ein Mitwirken entscheiden. Und Julian Brandt und Thomas Müller seien ja auch noch da. Doch gerade Letzterer wirkte nach seiner Einwechslung erneut glücklos; die Einsatzzeiten dieses auch im Verein nicht mehr unumstrittenen Unikums dürften auch in der Nationalmannschaft weniger werden. 

Neben Müller (29 Jahre/99 Länderspiele) saß auch Mats Hummels (29/69) auf der Bank. Und dann fehlte noch Toni Kroos (28/90), der sich fürs Weitermachen nach dem WM-Desaster den Vorteil ausbedungen hat, seine Tatkraft nicht mehr in allen Länderspielen anzubieten. Der Dauer-Champions-League-Sieger von Real Madrid stieß am Freitag zum DFB-Tross, aber so unverzichtbar er sich immer noch selbst sieht, ist auch dieser Weltmeister nicht mehr. Kai Havertz empfahl sich mit Nachdruck für die Rolle als Ballverteiler, der den Tiefgang des deutschen Spiels mit seinen Vertikalpässen prägte. Der 19-jährige Mittelfeld-Allrounder bringt alles mit, um schon in absehbarer Zeit zum Leistungsträger zu reifen.

Havertz für Kroos, Süle für Hummels, Gnabry für Müller: Die Wachablösung verdienter Stützen schreitet unaufhaltsam voran. Am Donnerstagabend bildeten Torwart Manuel Neuer und Matthias Ginter die letzten verbliebenen Mohikaner vom 2014er Triumph auf brasilianischem Boden. Löw widersprach indes der These, dass er der erfrischenden Verjüngung doch eigentlich schon im russischen WM-Sommer 2018 hätte frönen können. „Wir haben bei der WM negative Erfahrungen gemacht, aber wir hatten vorher alle zehn Spiele in der Qualifikation gewonnen. Im Nachhinein ist so etwas immer einfach zu sagen.“ 

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