+
Nie den Kontakt verloren: Norbert Neuhausen, einst Manager beim Klopp-Klub Viktoria Sindlingen.

FC Liverpool

In Jürgen Klopp steckt viel Frankfurt

  • schließen

Norbert Neuhaus, der ehemalige Manager von Viktoria Sindlingen, erinnert sich an die kleinen Frankfurter Jahre des großen Liverpool-Trainers.

An diesem ganz besonderen Samstagabend wird Norbert Neuhaus es sich zeitig auf dem Sofa im heimischen Hattersheim einrichten, den abonnierten Pay-TV-Sender anschalten, und dann wird er hoffen, dass Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool im Finale der Champions League im fernen Madrid gegen Tottenham Hotspur gewinnt. Neuhaus kennt den großen Fußballtrainer Klopp aus jenen Tagen, als dieser noch ein ziemlich kleiner Fußballspieler war. Vor fast einem halben Norbert-Neuhaus-Leben war das. „Ich sitze manchmal da“, sagt der 72-Jährige und lächelt versonnen, „und denke: Ein ehemaliger Spieler von Viktoria Sindlingen ist jetzt einer der besten Trainer der Welt...“

Damals, in einer längst vergangenen Zeit, spielte die inzwischen in den Niederungen der A-Klasse verschollene Viktoria noch in der Oberliga Hessen. Dritthöchste deutsche Spielklasse seinerzeit, oft ein Kampf um den Klassenerhalt, manchmal aber auch mit Anschluss an die Spitze. Neuhaus, vormals selbst ein Spielmacher mit übersichtlicher Laufquote, fungierte leidenschaftlich als Manager des Klubs. Spielausschuss-Vorsitzender nannte man das damals noch, die Sindlinger trainierten oft auf einem Hartplatz. Neuhaus, Industriekaufmann bei der Hoechst AG, konnte Beruf und Fußballamt auch deshalb wunderbar miteinander kombinieren, weil sein Arbeitgeber sich als Sponsor bei der benachbarten Viktoria verdient machte. Aber der Reihe nach.

Dietrich Weise lotste Kloppo einst zur Eintracht

Der Schwabe Jürgen Klopp spielte Mitte der 80er Jahre für den TuS Ergenzingen, ein kleiner Ort mit dreieinhalbtausend Einwohnern im Landkreis Tübingen. Das Schicksal wollte es so, dass just zu dem Zeitpunkt, als der 19-jährige Offensivspieler (der erst später bei Mainz 05 zu einem Defensivmann werden sollte) in einem seiner ersten Spiele für die erste Mannschaft von Ergenzingen auf Eintracht Frankfurt traf.

Die Eintracht absolvierte zu jener Zeit unter Trainer Dietrich Weise ein Trainingslager zur Saisonvorbereitung im Schwarzwald und gewann den Test mühelos 9:1. Das einzige Tor für die Gastgeber erzielte der junge Jürgen Klopp, der es Dietrich Weise auch sonst durchaus angetan hatte. Der Coach, der schon immer ein Auge für junge Spieler hatte, blieb dran, über den Umweg 1. FC Pforzheim kam der blonde Lulatsch schließlich nach Frankfurt. Bei der Eintracht war Weise indes inzwischen durch Kalli Feldkamp abgelöst worden, der Sportstudent Klopp schaffte es lediglich in die zweite Mannschaft. Nebenbei jobbte er in einer Kneipe in Alt-Sachsenhausen und coachte für einige Zeit die D-Jugend der Eintracht.

Dietrich Weise fühlte sich ein bisschen für den jungen Mann verantwortlich und stellte den Kontakt zu Viktoria Sindlingen her. „Er hat sich bei mir gemeldet“, erinnert sich Norbert Neuhaus, „er habe da einen Spieler aus Pforzheim, der bei der Eintracht nicht recht vorankomme“. Neuhaus erklärte sich bereit, Verhandlungen aufzunehmen, er wusste, dass er sich auf Weises geschultes Auge verlassen konnte: „Man musste Klopp überzeugen, warum er nach Sindlingen gehen sollte, er wollte eigentlich zurück in die Heimat.“ Schließlich kaufte die Viktoria der Eintracht den Spieler für 8000 Mark ab, zudem einigte sich Neuhaus mit Klopp auf tausend Mark Monatsgehalt plus Prämien.

1988 in Sindlingen: Jürgen Klopp (20).

Unter Trainer Ramon Berndroth, wie Neuhaus zunächst bei der Hoechst AG angestellt und später Co-Trainer bei der Eintracht sowie Chefcoach beim FSV und Kickers Offenbach, schaffte die Viktoria nach einer schwierigen Saison im Relegationsspiel gegen den FC Erbach den Klassenerhalt, Klopp, sagt Neuhaus, habe in der entscheidenden Begegnung zwei Treffer dazu beigetragen und insgesamt 18 Mal in der Saison getroffen. „Es war seine Spezialität gewesen, vom kurzen Pfosten verlängerte Ecken per Kopf ins Tor zu wuchten. Da war er ganz stark.“

Ein gestandener Mann, der mit seiner Aura einen Raum füllt, war Klopp, der früh Vater wurde, damals freilich noch nicht. „Er war eher zurückhaltend, immer freundlich und engagiert“, berichtet Neuhaus, Trainer Berndroth, erinnert sich der Ex-Manager, habe Klopp gleich zu Anfang einmal „fürchterlich zusammengeschissen“. Der Trainer wüsste das nicht mehr so genau, wenn Klopp selbst ihn nicht Jahre später daran erinnert hätte, dafür weiß Berndroth aber umso genauer, wie es im Offensivspiel der Viktoria zuging: „Kloppo war bei mir Halbstürmer, der vor unserem Spielmacher Andreas Grabitsch wechselweise in die Spitze kreuzte, wir haben auch dank Kloppo sensationell die Klasse gehalten.“ Klopp sei keineswegs ein Klopper gewesen, sondern vor allem ein eminent schneller Spieler „mit Herzblut“. Nach der Rückkehr vom Relegationsspiel seien im Vereinsheim fast 300 Leute zum Feiern versammelt gewesen. „Als Norbert Neuhaus und ich reinkamen, sind sie aufgestanden und haben Beifall geklatscht. Das werde ich nie vergessen.“

Unter Stepi kickte der Blonde in der Zweiten

Neuhaus wurde Jahre später vom Autor Raphael Honigstein und dessen Mitarbeiter Oliver Trust angerufen, als diese für die ausgezeichnete Klopp-Biografie „Ich mag´s, wenn es kracht“ recherchierten. Neuhaus findet zurecht, dass das Buch sehr gelungen ist, aber er ärgert sich darüber, dass er seinerzeit kundgetan hatte, Klopp sei als Spieler „nicht gerade eine Rakete gewesen“. So steht´s im Buch. Das klingt ihm im Nachhinein zu abwertend.

Tatsächlich war der blonde Außenstürmer nämlich so gut, dass er nur ein Jahr in Sindlingen spielte. Ligakonkurrent Rot-Weiss Frankfurt mit dem finanzkräftigen Sponsor Wolfgang Steubing, dem heutigen Aufsichtsratschef von Eintracht Frankfurt, und Trainer Dragoslav Stepanovic war auf Klopp aufmerksam geworden. Neuhaus wusste bald: „Gegen Steubing als großen Macher hatten wir keine Chance. Wir haben Jürgen eine Gehaltsaufbesserung auf 1500 Mark angeboten, damit er bleibt, aber Rot-Weiss war finanziell stärker als wir.“ Klopp wechselte, wiederum für 8000 Mark Ablöse, wurde von Stepanovic eine Halbserie lang in die zweite Mannschaft abgeschoben, erzielte in der Rückrunde aber 14 Tore, brachte Rot-Weiss nahe an die zweite Liga – und zog dann weiter zu Mainz 05. Dort gedieh er zu einem rechtschaffenen Zweitligakicker und sorgte später als Trainer dafür, dass die graueste Maus der zweiten Liga ein etablierter Erstligist geworden ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

Klopp sah erst den Menschen und dann den Fußballer

Norbert Neuhaus seinerseits las Jahre später ein Interview mit dem Dortmunder Meistertrainer Klopp, der längst ein Star geworden war. Jürgen Klopp kokettierte in dem Gespräch mal wieder damit, er sei früher kein besonders guter Spieler gewesen, technisch zu schwach vor allem. Neuhaus schickte daraufhin eine DVD an Borussia Dortmund mit der Bitte um Weitergabe an seinen ehemaligen Spieler. Der einstige Sindlinger Macher hatte eigens Szenen des Relegationsspiels gegen den FC Erbach zusammengeschnitten, Ein paar Tage später klingelte bei ihm das Telefon. Jürgen Klopp war dran, um sich für das Erinnerungsstück zu bedanken. Es wurde ein längeres Gespräch über die guten alten Zeiten,

Neuhaus wird das schöne Telefonat ebenso wenig vergessen wie jenen Tag im Frühjahr 2011, an dem er und Ramon Berndroth auf Vermittlung des damaligen DFB-Pressechefs Harald Stenger auf der Tribüne in Dortmund sitzen durften und beim Spiel des BVB gegen den 1. Nürnberg Zeuge der ersten Meiserschaft unter Klopp wurden. Der Kloppo, sagt Berndroth, sei einer, der „immer erst den Menschen sieht und dann den Fußballer“, diese Empathie gehöre zu dessen großen Stärken. Er sei auf „den Kloppo stolz wie ein Gockel“. Neuhaus findet, diese „prachtvolle Leistung, die der Mann erreicht hat“, könne beileibe kein Zufall sein: „Mainz 05 nach oben gebracht, Dortmund nach oben gebracht, Liverpool nach oben gebracht - da muss man schon den Hut vor ziehen.“

Ramon Berndroth und Norbert Neuhaus haben den Kontakt miteinander nie abreißen lassen, gerade diese Woche haben sie wieder lange miteinander telefoniert. „Es war eine traumhafte Zeit damals“, sagt Berndroth. Er ist inzwischen 67 Jahre alt und seit fünf Jahren als Sportlicher Leiter für den Nachwuchs von Darmstadt 98 tätig. Norbert Neuhaus ist der Viktoria Sindlingen bis 1992 als Manager treu geblieben. Zwei Jahre nach Jürgen Klopps Kopfballtor zum Klassenerhalt stieg die Viktoria in die Landesliga ab und nie mehr wieder auf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion