2020: Jürgen Klopp wird zur Legende des FC Liverpool. reuters
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2020: Jürgen Klopp wird zur Legende des FC Liverpool. 

FC Liverpool

Jürgen Klopp, der fünfte Beatle

  • vonHendrik Buchheister
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Der FC Liverpool befreit sich mit dem ersten Meistertitel seit 30 Jahren von den Fesseln der Geschichte – dank King Klopp.

Es gibt Situationen, auf die man sich nicht vorbereiten kann, auch wenn eigentlich genug Zeit dafür ist. Man kann sich nur vorstellen, wie es sein könnte, wenn sie eintreten. Der FC Liverpool marschierte durch dieser Saison in der Premier League. Kein Konkurrent konnte auch nur annähernd mithalten mit dem Traditionsklub aus Merseyside. Im November führte die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp den Titelverteidiger Manchester City vor. An Weihnachten zerlegte Liverpool den Überraschungsverfolger Leicester City. Im Januar wurde auch Erzfeind Manchester United souverän beiseite geschoben. Spätestens, allerspätestens seitdem stand fest, dass Liverpool in dieser Saison Meister wird, zum ersten Mal seit 30 Jahren.

Doch als es dann auch rechnerisch so weit war, nach der Niederlage des Tabellenzweiten Manchester City beim FC Chelsea am Donnerstagabend, da wusste Jürgen Klopp nicht, wie er mit dem Moment umgehen sollte. „Ich habe keine Worte, ich bin komplett überwältigt“, sagte er in einer Videoschalte, sichtlich geschafft, mit Tränen in den Augen. Meister mit Liverpool, das hätte er nie zu träumen gewagt, sagte er, und was wirkte wie Koketterie, das kann man ihm guten Gewissens glauben. Kaum jemand hätte ja bei seiner Ankunft in England im Oktober 2015 damit gerechnet, dass es ihm gelingen wird, den Verein von den Fesseln der Geschichte zu befreien und den seit 1990 dauernden Meister-Fluch zu beenden.

Die Jagd nach dem Titel ist für den FC Liverpool zur Obsession geworden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Den Champions-League-Pokal in der abgelaufenen Saison hätten viele Fans liebend gerne gegen die Meisterschaft eingetauscht. Jetzt ist ihre Sehnsucht endlich erfüllt, mit dem insgesamt 19. nationalen Titel für den Klub, dem ersten im Zeitalter der Premier League. Wenn man so will, ist Liverpool erst jetzt in der Moderne angekommen, angeführt von Klopp, das „faustschwingende Genie, das Träume wahr gemacht hat“, wie das Online-Portal „The Athletic“ schreibt. Längst wurde Klopp von den britischen Medien auch zum „fünften Beatle“ auserkoren.

Wegen der Bedeutung des Titels war es nicht überraschend, dass viele Fans für die Feierlichkeiten die Corona-Regeln ignorierten und sich am Stadion an der Anfield Road versammelten. Im Schein Bengalischer Fackeln wurde gefeiert, als würde es den Virus nicht geben. Möglicherweise deutete die Reds-Gemeinde den Titel sogar als Sieg über die Pandemie. Der Lockdown des weltweiten Fußballs hatte die Meisterschaft ja mehr in Frage gestellt als jeder Gegner in der Premier League.

Genüsslich hatten missgünstige Beobachter in den vergangenen Monaten spekuliert, dass die Saison abgebrochen und Liverpools bevorstehender Titel annulliert werden könnte. Klopp musste sich zuletzt sogar mit der Frage befassen, ob die Meisterschaft weniger wert ist wegen der besonderen Umstände, wegen leerer Stadien und Fangesängen aus der Dose. Er hat seine eigene Antwort darauf gefunden: „Dies ist die schwerste Saison, um Meister zu werden. Eine unterbrochene Saison gab es nie zuvor“, sagte er vor dem Neustart der Premier League.

Das gab es nie zuvor, das lässt sich auch über die Leistung seiner Mannschaft sagen. Liverpool ist mit noch sieben verbleibenden Spielen der früheste Meister überhaupt und könnte noch den Rekord von 100 Punkten brechen, den Manchester City vor zwei Jahren aufgestellt hat. Das Team von Trainer Pep Guardiola war in England das Maß der Dinge in den vergangenen beiden Spielzeiten. In der Vorsaison verlor Liverpool nur ein einziges Spiel und landete trotzdem hinter dem Rivalen mit Sponsoring aus Abu Dhabi. In der laufenden Spielzeit demütige Liverpool den Titelverteidiger. Da passt es ins Bild, dass Klopps Mannschaft ihren ersten Auftritt als Meister am Donnerstag bei Manchester City hat. Citys Spieler werden Spalier stehen für den neuen Champion.

Die Erlösung vom Titel-Trauma ist der vorläufige Höhepunkt der Verwandlung des FC Liverpool seit Klopps Ankunft. Der Trainer hat den Verein wieder zu dem gemacht, was er einst war. Er hat die Fans wieder begeistert und Anfield den Status als Festung zurück gegeben. Er hat mit Hilfe unzähliger Analysten und der finanziellen Unterstützung der amerikanischen Klub-Eigentümer der Fenway Sports Group eine Mannschaft gebaut, die seinem Ideal entspricht. Er hat ihr einen klaren Stil und eine unverwüstliche Mentalität verpasst. „Eine Maschine auf der Höhe ihrer Kraft“, so nennt der „Guardian“ Klopps Liverpool.

Vom ersten Tag an hat der Trainer die Menschen in Merseyside für sich eingenommen, seit seiner Vorstellung als „The normal one“, doch der Weg zur Krönung war auch ein steiniger. Es dauerte eine ganze Weile, bis Klopp seine Wunschmannschaft zusammen hatte, bis die notorische Abwehrschwäche behoben war und Liverpool auch gegen schwächere Mannschaften verlässlich Siege einfuhr. Es flossen Tränen auf dem Weg, vor allem nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Real Madrid 2018. Mit dem Gewinn der Meisterschaft ist Klopp endgültig zur Legende geworden in Liverpool, genau so, wie ihm das vorher schon bei Mainz 05 und Borussia Dortmund gelungen war. Steven Gerrard, Liverpools langjähriger Kapitän, dem nie eine Meisterschaft vergönnt war, fordert eine Statue für den Trainer.

Die könnte es tatsächlich irgendwann geben, möglicherweise nach weiteren Erfolgen. „So lange Jürgen da ist, können wir uns noch auf viele schöne Tage freuen“, sagt Kenny Dalglish, der wohl größte Spieler der Vereinsgeschichte. Sein Spitzname lautet King Kenny. Jürgen Klopp ist jetzt: King Klopp.

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