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Mit Anlauf nachtreten: Jürgen Klinsmann. 

Tagebuch eines Besserwissers

Jürgen Klinsmann keilt gegen Hertha BSC

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Ex-Trainer kritisiert in 22-seitigem Dokument vor allem Sportchef Michael Preetz. Der wehrt sich: „Widerlich und unverschämt“.

Jürgen Klinsmann wohnte während seiner 77 Tage währenden Amtszeit als Trainer von Hertha BSC im Hotel Titanic in Berlin-Mitte. Ein wenig unter First-Class-Standard à la Schlosshotel Grunewald wie bei der WM 2006. Das Titanic kostet um die 140 Euro pro Nacht, hat nur vier Sterne und wirbt für sich mit der Gästebewertung: „Sehr guter Kaffee!“ Hier beschäftigte sich Jürgen Klinsmann also mit seiner Arbeit (auch sein Co-Trainer Alexander Nouri war im selben Haus untergebracht) – und auf einem der „geräumigen Zimmer“ dürfte in großen Teilen das tagebuchartige, 22 Seiten lange und offensichtlich für Investor Lars Windhorst gedachte Dokument entstanden sein, das die „Sport-Bild“ am Mittwoch in gekürzter und dennoch sehr umfangreicher Form veröffentlicht hat.

In der internen Bestandsaufnahme und Analyse von Klinsmann werden massive Vorwürfe gegen den Klub erhoben. Praktisch Tag für Tag wird darin geschildert, welche angeblichen Fehlleistungen sich die Hertha-Verantwortlichen in der kurzen Klinsmann-Ära leisteten.

„Zusammenfassung: Zehn Wochen Hertha BSC“ ist das Werk überschrieben. In den sozialen Medien spricht man auch von „Klinsmann-Tagebücher“, „Klinsileaks“, „Herthaleaks“. Das Management von Jürgen Klinsmann bestätigte die Echtheit der Datei, die freilich für den internen Gebrauch gedacht gewesen sei und nun wohl geleakt wurde. Ja, hat denn jemand das kostenfreie Hotel-WLAN gehackt?

Es ist ein seltsames Werk, das Klinsmann geschrieben hat. Weinerlich in der Tonlage – und als wäre es von vornherein angelegt, um ein Scheitern als unausweichlich zu erklären. Das Beleidigtsein beginnt damit, dass seine Aufnahme in den Aufsichtsrat von Hertha BSC nicht medial inszeniert wird („Keine Willkommenskultur“). Von sich selbst redet Klinsmann wie der von ihm verachtete Lothar Matthäus in der dritten Person: „Lars (Windhorst) und Preetz rufen Jürgen Klinsmann in den USA an.“

Der Jürgen Klinsmann ruft dann Ralf Rangnick an, doch der will nicht Trainer unter Michael Preetz als Vorgesetztem werden. Macht der Jürgen Klinsmann es also selber. Schwerer Job, denn: „Mannschaft in einem katastrophalen körperlichen wie mentalen Zustand.“ Klinsmann beurteilt auch die einzelnen Spieler – mit der Expertise eines durchschnittlich erfolgreichen Comunio-Teilnehmers: „Niklas Stark, 24, guter Innenverteidiger, aber oft verletzt, Marktwert 20 MIO.“

Fazit von Klinsmann: Bis auf Geldgeber Windhorst, ihn selbst („Der Klub wäre ohne den Trainerwechsel Ende November direkt in die zweite Liga abgestiegen“) und seine Leute („Arne Friedrich fing an, individuelle Spielerprofile aufzubauen, wo der Spieler holistisch geschult, d.h. fußballerisch und auf sozialer Ebene“), sind alle unfähig. Preetz stünde für „Lügenkultur“.

Und unter der Überschrift: „Was muss passieren, um diesen Klub wirklich nach oben zu bringen? Die Geschäftsleistung müsse sofort (fettgedruckt und unterstrichen) komplett ausgetauscht werden.“

Doch wie aufrichtig ist Klinsmann? Wurden die 22 Seiten wirklich geleakt – oder bewusst weitergegeben? Die Springer-Presse ist in Berlin zu seinem Bündnispartner geworden. Rosenkrieg führt Klinsmann gerne. 2009 nach seinem Rauswurf beim FC Bayern zog er sich zurück ins Schlosshotel Elmau und initiierte von dort über Günther Jauch und RTL seine Abrechnung.

Die Gegenreden kamen diesmal prompt: „Abgesehen davon, dass nahezu sämtliche darin enthaltenen Vorwürfe und Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen, ist uns auch im Interesse von Jürgen Klinsmann daran gelegen, diese Personalie zu einem würdigen Ende zu bringen“, sagte ein Hertha-Sprecher in einer ersten Reaktion.

Hertha-Präsident Werner Gegenbauer nannte in einem Schreiben an die Mitglieder Klinsmanns Vorwürfe „entweder falsch oder einfach nur unsinnig“.

Preetz nahm am Donnerstag bei der Spieltags-Pressekonferenz kein Blatt vor den Mund, nannte die Anschuldigungen gegen die Medien- und medizinische Abteilung der Alten Dame „widerlich und unverschämt“, das sei „perfide“ und werde „auf das Schärfste zurückgewiesen“.

Das Klinsmann-Intermezzo hallt somit nicht nur nach, mit diesem Protokoll sorgt es für ein weiteres Beben bei dem sportlich schwer kriselnden Klub. Erst am vergangenen Samstag hatte die Mannschaft, die derzeit von Klinsmanns Assistenten Alexander Nouri verantwortlich trainiert wird, eine desaströse Leistung gezeigt und daheim mit 0:5 verloren. Fans vom 1. FC Köln hatten gegen Ende höhnisch „Jürgen Klinsmann“ skandiert.

Übrigens: Fehler, die Jürgen Klinsmann in seiner kurzen Berliner Zeit gemacht haben könnte, werden in dem Schreiben nicht thematisiert. 

mit dpa/sid

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