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Dynamisch und zupackend: Jürgen Klinsmann.

Reich, aber nicht sexy

Wenn Größenwahn gewollt ist

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Bei Hertha BSC geht es neuerdings nicht mehr nur um Stareinkäufe oder den Dauerrevolutionär Klinsmann, sondern auch um Torpedoübungen knallharter Soldaten.

Natürlich hatte Jürgen Klinsmann ein Heimspiel, wenn auch 3500 Kilometer von daheim entfernt. Und der Mann fühlte sich auch dort, an der Westküste Floridas, gleich heimisch, er zeigte ein Zahnpastalächeln nach dem anderen, und überall skandierten seine Fans ekstatisch: „Klinsi, Klinsi“. Da strahlte der 55 Jahre alte Junggebliebene aus Göppingen, und ließ en passant nach dem Testspielsieg seiner Berliner Hertha gegen Eintracht Frankfurt (2:1) Mitte dieser Woche von einer Klubsprecherin ausrichten, er habe gerade „keine Lust“, vor Kameras und schreibende Reporter zu treten.

Doch nicht nur während des Berliner Trainingslagers in Orlando ist Klinsmann die Hauptattraktion von Hertha BSC, auch in der Hauptstadt selbst. Nachdem der Klub den Saisonstart unter Anleitung des freundlichen, aber unerfahrenen Hertha-DNA-Trägers Ante Covic versiebt hatte und in der Bundesligatabelle bis auf den bedrohlichen 15. Platz abgerutscht war, eilte Klinsmann, der Dauerrevolutionär, herbei, um die Talfahrt zu stoppen. Aus dem Aufsichtsratsbüro direkt auf den Trainingsplatz stellt für einen ehemaligen Bundestrainer und bayerischen Buddha-Aufsteller offenbar ein Leichtes dar. Aus bisher fünf Pflichtspielen holte Klinsmann seit seiner Anstellung als Chefcoach und unterstützt von einem namhaften Helferteam um Alexander Nouri, Andreas Köpke, Markus Feldhoff und Arne Friedrich, acht Punkte. Schön spielt die Hertha zwar immer noch nicht, sogar fast noch biederer als zuvor, aber erfolgreich. Nur der Auftakt gegen Borussia Dortmund ging noch verloren, in Frankfurt beispielsweise holte sich das Team das erste Remis nach fünf Niederlagen am Stück. Nach dem Wie fragte da natürlich keiner.

Jürgen Klinsmann hat es geschafft, die lange am Rollator gehende Alte Dame wieder ins Laufen zu bringen - durch defensive Stabilität auf dem Rasen und mediale Ablenkung abseits davon. Fast immer steht Klinsmann selbst im Fokus, ganz selten andere handelnde Herthaner. Das nimmt den Spielern eine Menge Druck. Einzig Arne Friedrich, 2006 unter Bundestrainer Klinsmann Rechtsverteidiger beim WM-Sommermärchen, stellte diese Woche selbst den einstigen Stürmer mit Wortmeldungen in den Schatten. Der Performance Manager – netter Titel übrigens, hinter dem sich wohl so etwas wie ein Bindeglied zwischen Vereinsbossen und Spielern verbirgt – gab in Florida Einblicke in seinen ungewöhnlichen Alltag. Friedrich, 40 Jahre alt, mit Zweitwohnsitz in Los Angeles, ist ein Novize in einer anleitenden Fußballfunktion, für erfahren genug hält er sich dennoch. Schließlich habe er sich nach seiner aktiven Karriere mit vielen Sportlern unterhalten. Den ehemaligen Basketballstar Steve Nash zum Beispiel, der einst an der Seite von Dirk Nowitzki brillierte, nennt Friedrich einen Freund. Ebenso wie einen Marine-Raider, ein Mitglied einer US-Eliteeinheit, dessen Name nicht bekannt ist.

Warum das an dieser Stelle wichtig ist? Weil Arne Friedrich es für wichtig hält. Er sagte zu den mitschreibenden Reportern: „Mein Freund hat zwei Start-Ups gegründet, Unterwasser-Workouts. Das eine ist ein Unterwasser-Spiel, das heißt Underwater Torpedo League, das geht unter Wasser auf zwei Tore, fünf gegen fünf mit einem kleinen Torpedo. Als Vorbereitung darauf gibt es ein anderes Workout unter Wasser, bei dem ich mitgemacht habe. Da wird mit Hanteln gearbeitet, da werden auch Ängste adressiert, weil nicht jeder gerne unter Wasser ist, wenn er keine Luft holen kann. Die Jungs sind knallhart. Es ist unfassbar, wie deren Fokus ist. Davon können wir eine Menge lernen.“ Aha.

Er habe sogar schon mit Werner Leuthard gesprochen, dem neuen Fitnesstrainer der Berliner, der vergangene Saison noch bei Eintracht Frankfurt angestellt war, einst Spieler für Felix Magath drillte und noch viel früher als Offizier der Bundeswehr diente. Er habe also mit Leuthard gesprochen, ließ Friedrich verlauten, ob man diese Reize vielleicht auch ins Training der Hertha integrieren könnte. „Das sind Dinge, die Spaß machen, die aber auch was bringen, die den Teamgeist fördern. Ich bringe Inspirationen mit rein, am Ende müssen aber die Trainer entscheiden, inwieweit man das einfügt oder nicht.“

Ohnehin erscheint für Chef Klinsmann der übliche Weg häufig nicht der wahre zu sein. Auch im aktuellen Winterpäuschen unterstrich der ehemalige TV-Nationalmannschaftsexperte das wieder, er will vieles umkrempeln. Seine Mannschaft versammelte er ob der sportlich komplizierten Lage bereits Ende Dezember des vergangenen Jahres zum Trainingsauftakt - als einziges Team der Liga. In Florida schließlich ließ Klinsmann über weite Strecken in zwei gleichgroßen Gruppen trainieren. Die vermeintlichen Startelfkandidaten für den Rückrundenauftakt kommende Woche gegen den FC Bayern probten den Ernstfall nur gegen eine Jugendauswahl aus Orlando, sie gewannen mühelos. Die Ersatzleute durften gegen die Eintracht ran. Fußballerisch war das trotz des 2:1-Sieges eher Magerkost.

Die von Investor Lars Windhorst in den Klub gepumpten Millionen (insgesamt sollen es 224 werden), die mit den Blau-Weißen in Verbindung gebrachten Stars wie Granit Xhaka, Mario Götze oder Julian Draxler, und nicht zuletzt die namhafte Besetzung der Sportlichen Führung wecken bei vielen Berlinern Freude und Furcht zugleich. Freude darüber, womöglich das Image der grauen Maus endlich loswerden zu können und in nicht allzu fernen Zukunft die Stadien Europas zu bereisen. Und Furcht davor, dass jene Gedankenspiele über einen künftigen „Mega-Klub“ übel enden könnte, weil Klinsmann mit der Fürsprache des mächtigen Investors früher oder später zu großen Einfluss auf den Verein erhält.

Hertha-Manager Michael Preetz war nun darum bemüht, ein bisschen Bodenhaftung auszustrahlen. „Es gibt keine Machtübernahme. Große Ambitionen zu formulieren ist völlig in Ordnung“, sagte er in Orlando, „aber meine Aufgabe ist es, hier und da ein bisschen auf der Bremse zu stehen. Die Vorgaben machen wir.“ Es solle kein Missverständnis entstehen, „wir können über Champions League und Europa League sprechen, aber was, wenn wir nächstes Jahr nicht in Europa sind? Schließen wir dann den Verein ab?“ Das Wachstum müsse nachhaltig verlaufen. Angeführt von Jürgen Klinsmann und flankiert von Arne Friedrich präsentierten sich die Hertha in den USA dann aber doch anders.

Oder wie es Performance-Manager Arne Friedrich formulierte: „Wir wollen uns größenwahnsinnige Ziele setzen.“ Weit weg sind sie davon in Berlin derzeit nicht.

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