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Die deutschen Spieler machten es Joachim Löw nicht einfach.

Deutschland-Schweden

Jogi Löw zieht die richtigen Schlüsse

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Nie zuvor war Bundestrainer Joachim Löw an der Seitenlinie so viel Druck ausgesetzt. Trotzdem trifft er die richtigen Entscheidungen - ein Kommentar.

Der Bundestrainer hat vor der nicht ganz unbedeutenden Partie gegen Schweden hochprozentige Lässigkeit präsentiert. Die Botschaft an die Nation: Joe Cool hat alles im Griff. Tatsächlich hatte das Seelenleben von Joachim Löw ziemlich wenig mit seinem äußeren Erscheinungsbild zu tun.

Der 58-Jährige kann, solange der Ball nicht rollt, ein ganz hervorragender Schauspieler sein. Wie es wirklich um ihn steht, konnte dann im Fischt-Stadion jeder gut erkennen - die extreme Anspannung war ihm deutlich anzustehen.

Das ist nachvollziehbar. Löw hätte schon ein Übermensch sein müssen, um den immensen Druck, als Weltmeistertrainer in der Vorrunde für das erste Scheitern einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft verantwortlich zu sein, in James-Bond- Habitus zu kanalisieren. Im Film geht das, im Fußball nicht.

Nie zuvor wurde Löw derart hibbelig an der Außenlinie gesichtet wie am Samstagabend gegen Schweden. Er ruderte mit den Armen wie verrückt, er drehte sich mit wegwerfenden Gesten und zur Grimasse verzerrten Gesichtsausdruck  ab, er legte in der Coaching Zone mehr Meter hinter sich als in der gesamten Qualifikation, er haderte und lamentierte wie nie. Die Choreografie des für ein DFB-Team  ungewohnt frühen ersten Entscheidungsspiels dieser WM war kaum zu ertragen.

Löw ist gewiss ein  Dutzend Mal halb verrückt geworden, zu viele Unzulänglichkeiten prägten bald das deutsche Spiel, und als  Sebastian Rudy mehr als  fünf Minuten lang an der Nase versorgt wurde, ehe klar war, dass der Mittelfeldspieler nicht mehr weitermachen konnte, hat das den Trainer fast in den Wahnsinn getrieben. Denn er spürte da natürlich, dass diese Phase das anfangs souveräne deutsche Spiel nachhaltig zum Kippen zu bringen drohte – und dann ja auch zunächst brachte.

Zur Pause war Deutschland ausgeschieden, und hätte Manuel Neuer nicht ein Monsterparade beim Kopfball von Marcus Berg Sekunden vor dem Halbzeitpfiff präsentiert – der steile Hügel, der vor der DFB-Elf gelegen hätte, wäre kaum noch zu bezwingen gewesen. Und dann hat Löw die richtigen Lehren gezogen, hat der Mannschaft deutlich gemacht, sie solle die Ruhe im Aufbauspiel behalten, hat den schwachen Julian Draxler vom Feld genommen, Mario Gomez als klassischen Strafraumstürmer eingewechselt und Timo Werner nach links gezogen.

Eine Maßnahme, die sich als matchentscheidend herausstellen sollte. Werner schaffte genau die Durchbrüche, die notwendig waren, um die schwedische Stahlbeton-Defensive zu zersetzen. An beiden Toren war  Wirbelwind Werner entscheidend beteiligt, einmal, indem er auf Reus vorlegte, einmal, indem er den entscheidenden Freistoß herausholte.

Löw könnte sich somit anschicken, zurück in den Modus eines Turniertrainers zu kehren. Ein Turniertrainer war er bei der Europameisterschaft 2012 nicht gewesen, bei der WM 2014 dann umso mehr, bei der EM 2016 hatte er diese Gabe dann wieder verschüttgehen lassen. Wenn eine gute, aber sicher derzeit nicht alles überragende Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft überperformen will, braucht sie einen Trainer, der das Spiel richtig liest. Das hat Löw gegen Schweden getan, und er ist schließlich vom Glück sehr heftig geküsst worden. Am Ende hatte er nicht einmal mehr die Energie zum Jubeln. Am Ende war es nur noch pure Erleichterung.

Eine Mannschaft, auf die er sich verlassen kann, hat er dennoch auch nach dem zweiten WM-Spiel noch nicht beisammen.  Vor allem die zweite Position im zentralen Mittelfeld neben Toni Kroos ist vakant, hinten und vorne laufen ebenfalls einige Fragezeichen in Adler-Trikots herum, allen voran der unglückliche Thomas Müller. Löws Job ist es nun, aus diesen Fragezeichen Ausrufezeichen zu machen. Sonst dürfte Deutschland, allem ekstatischen Jubel nach dem späten Sieg gegen limitierte Schweden zum Trotz, die großen Aufgaben in diesem Sommer nicht bestehen.

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