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Wirkt ratlos: Joachim Löw.

Kommentar Nationalmannschaft

Joachim Löw, mutlos

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Joachim Löws Reformwille ist bislang eher in Worten als Taten erkennbar. Ein Kommentar.

Es war bezeichnend, dass hoch oben unter dem Dach des Amsterdamer Stadions nur noch wenige Unentwegte tapfer die schwarz-rot-goldenen Fahnen schwenkten, als ihnen ins Mark getroffene deutsche Fußballprofis schlapp zuwinkten. Der Rest saß traurig auf den Stufen oder war längst gegangen. Die geschlagenen Nationalkicker traten deshalb gleich wieder den geordneten Rückzug an. Deutsche Tristesse in Reinkultur. 

Womöglich muss Deutschland nach niederländischem Vorbild bald um die Zulassung zu großen Turnieren zittern. Wer historisch schlecht bei einer WM abschneidet und dann gleich einen neuen Wettbewerb nicht zur Besserung nutzt, dem fehlen die Argumente. Denn das Debakel gegen keineswegs bärenstarke Holländer hat ja eines gezeigt: Mit kosmetischen Veränderungen, wie Joachim Löw glaubt, der Krise habhaft zu werden, ist es nicht getan. Die Probleme liegen tiefer.

Ein Umbruch light ist da zu wenig. Die deutsche Nationalelf hat den Anschluss an die Spitze verpasst, agiert längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit: Ohne Tempo, ohne Idee, ohne Mut, ja fast bräsig spulten die Akteure ihren Stiefel herunter. Das, was in Amsterdam geboten wurde, war kein Neuanfang, war keine Weiterentwicklung. Der Alptraum von Moskau hat die DFB-Entourage schon wieder eingeholt. Und aus den Fehlern ist nichts gelernt worden. Ein Weiter-so darf es nicht geben. Die Nibelungentreue zu den in die Jahre gekommene Weltmeister von 2014 ist fatal, das Zögern, auf junge Spieler zu setzen, nicht nachvollziehbar. 

Löw ist angezählt

Joachim Löw muss versuchen, die Kräfte zu bündeln, aber das wird schwieriger als dem eigenen Brustkorb Spannkraft zu geben. Es fehlt ihm an Durchsetzungskraft. Derzeit hinterlässt der 58-Jährige einen kraftlosen, matten Eindruck. Er ist angezählt, vielleicht auch ausgelaugt. Ist er auch noch der richtige Mann, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen? Die Zweifel sind momentan so groß wie nie. 

Dass Löw das Fehlen von Ilkay Gündogan, Antonio Rüdiger, Marco Reus und Leon Goretzka als eine Erklärung für das Systemversagen anzuführen, ist ein Armutszeugnis. Er negierte auf Nachfrage nicht, dass er die vielleicht schwierigste Phase seiner Amtszeit erlebe; er bestätigte auch, dass Selbstverständnis und Leichtigkeit fehlen. Aber das Wichtigste wäre, endlich überzeugend gegenzusteuern. Dann müsste Löw aber die Courage aufbringen, um etwa auf Jerome Boateng und Thomas Müller endlich mal zu verzichten und dafür Niklas Süle, Julian Brandt oder Leroy Sané aufzustellen. Oder den Jungen Vertrauen schenken, etwa Kai Havertz, Philipp Max, Thilo Kehrer, Benjamin Henrichs. 

Löws Reformwille war bislang eher in Worten als Taten erkennbar. Und auch manche Verbesserung im Umfeld wie dem öffentlichen Training in Berlin oder dem informellen Fanaustausch scheinen eher auf die Forderungen von außen als den Überzeugungen von innen entsprungen. Damit fehlt aber jedem Neuanfang die Grundlage, weil die Entscheidungsträger reflexartig in die alten Verhaltensmuster zurückfallen. 

Genau das ist der deutschen Nationalmannschaft nun wieder in einer Drucksituation passiert. Dass ihr Steuermann bei der EM 2020, für die Deutschland nun wohl eine nicht mehr ganz so leichte Qualifikationsgruppe bekommt, dann noch Joachim Löw heißt, ist seit Samstagabend ein ganzes Stück unwahrscheinlicher geworden. Es kündigt sich eine Zeitenwende an. 

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