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Dirigiert mit viel Geschick: Joachim Löw.

Bundestrainer

Joachim Löw, der Hundert-Trainer

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Joachim Löws Plan für den Confederations Cup ist perfekt aufgegangen, seine Bilanz als Bundestrainer ist beispiellos erfolgreich.

Den Einmarsch ins Mannschaftshotel führte Joachim Löw mit breitem Lächeln im Gesicht an. So gehört es sich für den Chef. Die Angestellten hatten ein Spalier gebildet und jubelten ihren Gästen zu. Der Turniertrainer kennt diese Szenerie. Sie gehört schon fast zur Routine. Seit er als leitender Angestellter beim DFB dabei ist, ging es immer mindestens ins Halbfinale, stets als Gruppensieger. Wie jetzt beim Confederations Cup mit einer Mannschaft, die Löw formen musste wie ein Knetgummi. Er tut das mit viel Geschick. Das 3:1 gegen Kamerun war sein hundertster Sieg als Bundestrainer im 150. Spiel. Eine Erfolgsquote, an die kein Vorgänger heranreicht. Löw dankte noch an Ort und Stelle seinen engsten Mitarbeitern, allen Betreuern und „besonders allen Spielern“, die ihn in 13 Jahren, elf davon als Chefcoach, begleitet haben. Es sind sogar mehr als hundert.      

Joachim Löw ist mit der Aufgabe gewachsen; im wahrsten Sinne des Wortes. Die Haltung des 57-Jährigen ist aufrechter als noch zu Beginn seiner Amtszeit, permanentes Krafttraining hat seine Wirkung nicht verfehlt. Den schmächtigen Mann, der mit hängenden Stutzen und hängenden Schultern unterwegs war, gibt es  nicht mehr. Stattdessen: mächtiger Bizeps, kräftige Schulter- und Brustmuskulatur. Es ist die Körpersprache eines Erfolgsgewöhnten. In einem Alter, in dem andere Männer ihre Haare lieber kürzer schneiden lassen, wenn sie denn noch ausreichend davon haben, lässt Löw sie wachsen. Er kann es sich leisten.

Löw weiß sich in Szene zu setzen

Löw, bestimmt nicht frei von Eitelkeit, findet sich gut, der Erfolg als Weltmeistertrainer hat diese Aura noch verstärkt. Wenn noch irgendwo ein Hauch von Selbstzweifel zu spüren gewesen sein sollte, ist er spätestens seit der Nacht von Rio im Juli vor drei Jahren vollends verschwunden. Längst weiß einer, sich auch medial zu inszenieren und kennt die die kleinen Pflichten  seiner Rolle als Showman im Unterhaltungsbusiness Profifußball. Beim Abschlusstraining seiner Mannschaft, das die Kameras stets nur eine Viertelstunde lang filmen dürfen, präsentiert der Bundestrainer regelmäßig sein Geschick am Ball, lässt ihn tanzen wie eine Ballerina. Die Bilder tauchen dann später in den Sportsendungen auf. Er war früher als Profi nicht der Schnellste und Zweikampfstärkste, aber er war ein blendender Techniker mit viel Gefühl für Zeit und Raum.

Er hat Wunden davongetragen, die tiefsten 2012 nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien, sie sind vernarbt und haben ihn nur noch stärker gemacht. Dass er mit der besten Mannschaft des EM-Turniers 2016 bereits im Halbfinale ausschied, auch, weil seine Loyalität zum altgedienten Bastian Schweinsteiger größer war als dessen Leistungsvermögen, hat ihm nicht nachhaltig geschadet. Einzelne Aussetzer werden ihm großzügig nachgesehen. Ein Weltmeistertrainer darf sich auf der Bank die Nägel feilen oder in seiner Coaching-Zone in den Schritt greifen, ohne dadurch Autorität einzubüßen.       

Selten böse, oft bestimmend

Sich dem Hundert-Trainer als Journalist zu nähern, ist ungleich schwieriger geworden als noch zu Beginn seiner Tätigkeit, 2004 als Assistent von Jürgen Klinsmann. Auch nachdem er zum Bundestrainer befördert wurde, war es anfangs noch möglich, ihn direkt ans Handy zu bekommen. Das ist längst vorbei. Interviews, die er bis vor einigen Jahren noch regelmäßig in sehr entspannter Atmosphäre gab, führt er inzwischen nur noch stark dosiert und zeitlich streng limitiert.

Einer wie er muss aufpassen, sich nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen. Diejenigen, die ihn besser kennen, sagen, er schwebe geradezu über allem. Er kann sehr gut delegieren und somit Verantwortung schenken, sein Wort hat Schwergewicht, er wird sehr selten wirklich böse, kann aber sehr bestimmend auftreten. Seine Leichtigkeit des Seins, seine Eloquenz und Lässigkeit, seine Klarheit in den Ansagen haben entscheidende Auswirkungen auf die gute Stimmung im Team und im begleitenden Reisetross, der sich personell über die vielen  Jahre nur in Nuancen verändert hat. Die Mitarbeiter, vom Internisten bis zum Busfahrer, fühlen sich mitgenommen vom Chef, er gibt ihnen das Gefühl, dass sie wichtig sind, er hat für jeden ein freundliches Wort, einen mindestens kurzen Moment der Aufmerksamkeit, und sei es nur durch ein Augenzwinkern. Mittelstürmer Sandro Wagner hat festgestellt, dass Löw mit seiner Persönlichkeit einen Raum füllt. 

Mehr Sportlehrer, weniger Kumpelcoach

Hinzu kommt die unbestrittene Fachkompetenz eines Fußballlehrers, die in einer mitunter professoralen Fußballphilosophie mündet, an der er nicht den Hauch eines Zweifels aufkommen lässt. Auch die neuen Spieler, die Löw jetzt in Russland dabei hat, wussten schnell, was der Trainer will: höchste Disziplin in der Defensivarbeit, höchste Variabilität in der Offensive, viele Pässe, wenig Fouls, sozialkompetenten Fußball. Löw hat in den vergangenen Wochen auch wieder den Sportlehrer im klassischen Sinne gegeben, weniger den Kumpelcoach. Er hat erkennbar Freude daran gehabt.    

Unterstützt wird er dabei, neben Torwarttrainer Andreas Köpke, von zwei Assistenten, die eine ganz ähnlich legere Lässigkeit ausstrahlen wie der Chefcoach selbst. Thomas Schneider (44) und Marcus Sorg (51) wissen es hoch zu schätzen, in dieser Funktion mit Löw arbeiten zu dürfen und danken es ihm mit einem unbedingten Vertrauensverhältnis. In der Bundesliga haben sie als Trainer des VfB Stuttgart (Schneider) und des SC Freiburg (Sorg) die Schattenseiten des Business kennengelernt und wurden nach jeweils nur recht kurzer Amtszeit geschasst. An der Seite und damit automatisch auch im Schatten von Löw haben sie ihre Berufung gefunden. Es gibt stressigere Arbeitsplätze im Profifußball – und unsichere noch dazu.

Die zweite Reihe kennen gelernt

Löw hat gelernt, sich auch mal klein zu machen,  seine hier in Russland nahezu komplett fehlenden Starspieler in seine Entscheidungen eng mit einzubinden und deren hohen Belastungen zu berücksichtigen. Deshalb versammelt er sie vor Länderspielen so spät wie möglich um sich, die Profis danken ihm die längeren Ruhepausen inzwischen wieder mit engagierten Vorstellungen. Für das Entgegenkommen eines freien Sommers 2017 erwartet er im Gegenzug 2018 bei der WM Top-Vorstellungen. Die Leistungsträger sollen gerne kommen und die Nationalmannschaft nicht als lästige Pflicht empfinden. Es ist ein schmaler Grat. 

Seine Abwägung zwischen Chance und Risiko dieses Balanceakts hat sich als doppelt richtig erwiesen. Er weiß jetzt ein enger geknüpftes Fangnetz an Spielern unter sich. Ein Team der vielen Unbekannten hat beim Confederations Cup fast ausnahmslos für positive Schlagzeilen gesorgt und steht im Halbfinale. „Mehr, als man eigentlich erwarten konnte“, sagt Löw. Aber er wusste natürlich, dass weniger nicht gut genug gewesen wäre, nicht für die Medien, nicht für die Fans daheim und natürlich auch nicht für ihn selbst. Ein frühes Aus hätte auch mit diesem unerfahrenen Team unangenehme Nachwirkungen gehabt, wenn auch nur leichterer Natur.

Stattdessen ist Löw nun klar, dass er mit Blick auf die angestrebte Titelverteidigung aus einem noch größeren Reservoir an Hochbegabten wird schöpfen können. Er kennt jetzt seine zweite Reihe besser denn je, und sie kennt ihn und seine Arbeitsweise. Diese Aussichten sind verlockend. Sein Vertrag läuft bis 2020. Selbst wenn kein weiterer Titel hinzukommen sollte – Löw wird eines wohl noch fernen Tages als Bundestrainer gehen, der eine Ära geprägt hat. Eine, die dem deutschen Fußball das Leichte und Lockere zurückgegeben hat.         

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