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Bundestrainer Löw verzichtet für die kommenden beiden Spiele auf Bayern-Verteidiger Jerome Boateng.

DFB-Team

Joachim Löw geht behutsam vor

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    Frank Hellmann
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Am Ende eines vermurksten Jahres schiebt Bundestrainer Löw seine Reformen weiter an.

Joachim Löw ist keiner, der jede Statistik sofort auswendig lernt. Weswegen der Bundestrainer am 29. August, als er seine WM-Analyse im Pressesaal der Münchner Arena vortrug, einige Mühe hatte, ohne Sehhilfe für die ganz normale Altersweitsicht eines 58-Jährigen die per Teleprompter auf einen Monitor geworfenen Zahlen und Daten abzulesen. Zumindest kam damals die Botschaft noch rüber, dass der deutschen Nationalmannschaft vor allem die Geschwindigkeit in allen Richtungen fehlt. Es dauerte drei weitere Länderspiele, bis Löw sich traute, radikalere Schlüsse zu ziehen. Erst im Nations-League-Rückspiel in Frankreich standen sechs Akteure auf dem Feld, die 23 Jahre und jünger waren und wieder mithalten konnten. Prompt gab sich das geneigte Fußballvolk beruhigt – trotz der 1:2-Niederlage.

Größtes Murksjahr in der DFB-Geschichte

Jedoch: Ganz unabhängig davon, was das DFB-Team zum Saisonultimo gegen Russland in Leipzig (15. November, 20.45 Uhr/RTL) und dem Nations-League-Duell gegen die Niederlande in Gelsenkirchen (19. November, 20.45 Uhr/ARD) aufs Parkett bringen wird – es wird als größtes Murksjahr in die Verbandshistorie des DFB eingehen, noch murksiger als in den murksigsten Jahren unter Jupp Derwall oder Erich Ribbeck. Die Mannschaft hat im Kalenderjahr 2018 sechsmal verloren und gerade dreimal gewonnen – jeweils mit Ach und Krach 2:1 gegen Saudi-Arabien, Schweden und Peru. Zum einprägsamen Vergleich: Eine vergleichbare Erfolgsbilanz weist, Stand jetzt, für 2018 auch Gibraltar auf.

Eine Ablösung hat Löw von Verbandsseite in diesem Jahr dennoch nicht mehr zu befürchten; es sei denn, seine Auswahl bietet zwei gruselige Auftritte an oder aber, er sollte von sich aus genug haben – wovon keinesfalls auszugehen ist. Dafür liebt Löw den ordentlich dotierten Job zu sehr.

In der DFB-Führungsspitze hat man Einigkeit erzielt, dass der verdiente Mann auch für den Fall des Abstiegs aus der Nations League folgenlos bliebe, zumal dieser schon vor der letzten Partie auf Schalke besiegelt wäre, sollten die Niederländer gegen Frankreich am Freitag in Amsterdam gewinnen. „Wir haben es nicht mehr allein in der Hand“, hat Löw ganz ohne Taschenrechner ermittelt und ergänzt: „Unser Blick geht über den Tellerrand der Nations League hinaus.“ Das ist auch im ganz persönlichen Interesse pfiffig formuliert, zumal am 2. Dezember in Dublin die EM-Qualifikationsgruppen ausgelost werden.

Der mit dem Verzicht auf Jerome Boateng  fortgeführte Verjüngungsprozess erfolgt behutsam. „Ich bin ganz sicher, dass es bis 2020 noch viele Veränderungen geben wird, aber eben wohldosiert und nicht überhastet“, sagt der Bundes-Jogi. Seinen gezügelten Reformeifer erklärt der Coach mit dem begrenzten Pool an Nachrückern. Er habe nicht das Gefühl wie 2009, als sieben, acht U 21-Europameister direkt in der Lage waren, sich auf höchstem Niveau zu etablieren. „Diese Schwemme von guten Spielern haben wir im Moment nicht.“ Ergo könne man eine neue Mannschaft „nicht auf Knopfdruck aus dem Boden stampfen“.

Noch unfertige Talente

In der U21, die sich am heutigen Dienstag in Frankfurt zum Spiel am Freitag in Offenbach gegen die Niederlande trifft, drängen junge Männer wie Benjamin Henrichs (Monaco), Lukas Klostermann (Leipzig), Mahmoud Dahoud (Dortmund) oder Maximiliam Eggestein (Bremen) derzeit nur verzagt nach. Im A-Kader gibt es indes keinen Grund, Serge Gnabry und Leroy Sané, aber auch Niklas Süle oder Thilo Kehrer nicht weitere Fortschritte zuzutrauen. Löw ist gefordert, diese Akteure zu fördern. Dass sich der Südbadener am Sonntag vor einer Woche gar in Mainz blicken ließ, um sich ein Bild vom noch unfertigen Eggestein zu machen, ist zumindest der richtige Ansatz.

Einziger Lokalmatador wird in Leipzig Timo Werner ein, der die Vorzüge des bei Bedarf hermetisch abgeriegelten Trainingsgeländes bestens kennt. Öffentliches Training wird in der Messestadt zwar nicht arrangiert, aber dafür am Dienstag eine Pressekonferenz in einer Oberschule, bei der neben den Medienvertretern auch Schüler Fragen stellen dürfen, zum anderen drei Trainingsbesuche bei örtlichen Vereinen. „In Leipzig möchten wir einen Schritt auf unsere Fans zugehen. So ist der Kontakt noch direkter und greifbarer“, lässt sich Manager Oliver Bierhoff in einer DFB-Mitteilung zitieren, was darauf schließen lässt: Beim Dachverband hat man offenbar ein wenig Demut gelernt, zumindest in den öffentlichen Statements.

Die Maßnahmen erscheinen aber auch deshalb dringlich, weil in Leipzig bis zum Wochenende erst 29.000 Tickets abgesetzt waren. Generell scheint der Vertrauensverlust noch nicht repariert, denn auch im Revier regiert bislang Zurückhaltung: Für den Jahresabschluss gegen die Niederlande auf Schalke steht die dürftige Verkaufszahl bei 36.000 Karten.

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